Jörg Won­torra, ergrautes Sport­mo­de­ra­toren-Schlacht­ross mit SVW-Mit­glieds­aus­weis, stellte im Weser Kurier“ gerade die oppor­tune Frage, die sich rund um den Bremer Fuß­ball viele stellen: Können Wer­ders Bosse wirk­lich Krise?“ Won­torra gab die Ant­wort gleich selbst. Jaja, es sei ja sehr ehren­wert, auch in dieser bedroh­li­chen Situa­tion an der Fach­kraft Koh­feldt als Trainer fest­zu­halten, aber sehenden Auges in die zweite Liga zu mar­schieren, das ginge ja nun auch nicht. 

Won­torra offen­bart damit die von uns allen erlernte und tau­send­fach erprobte Sicht auf die Dinge: Wenn ein Bun­des­li­gist ins Schlin­gern gerät, liegt es in erster Linie am Coach! Es gibt in der Geschichte des Fuß­balls kaum einen Trai­ner­fürsten, der diesem Natur­ge­setz nicht zum Opfer gefallen wäre: Ob Jupp Heynckes, Otto Reh­hagel, Louis Van Gaal, Jogi Löw oder Jürgen Klopp, sie alle schieden (teils mehr­fach) noch vor Ablauf der Ver­trags­lauf­zeit aus dem Amt, weil die sport­liche Tal­fahrt zuerst ihre Vor­ge­setzten und am Ende sie selbst ratlos gemacht hatte.

95 Pro­zent der deut­schen Pro­fi­klubs hätten schon die Reiß­leine gezogen

So gesehen gibt es gegen Won­torras Hal­tung, die Bosse mögen end­lich aus der Deckung kommen, wenig Argu­mente. Werder hinkt den eigenen Erwar­tungen hin­terher. Die sport­li­chen Ziele, die Koh­feldt selbst for­mu­liert hat, sind längst außer Sicht­weite. Auf dem Platz fehlen Typen, die das Heft in die Hand nehmen, andere, die in der Lage sein könnten, Akzente zu setzen, sind ver­letzt. Auch das Spiel gegen Leipzig am Wochen­ende gab keinen Anlass, nur ansatz­weise eine posi­tive Trend­wende zu erkennen. Keine Frage: 95 Pro­zent der deut­schen Pro­fi­klubs hätten ange­sichts der Lage längst die Reiß­leine gezogen und den Trainer ent­lassen. Einer­seits, wie es so schön heißt, um bei der Mann­schaft einen neuen Reiz“ zu setzen, ande­rer­seits, damit die Bosse vor der Öffent­lich­keit Hand­lungs­fä­hig­keit nach­weisen und, ächz, das mediale Dau­er­feuer nach­lässt.

In so einer Abwärts­spi­rale kommt der Moment, an dem sich ein Trainer fragt: Ver­trauen mir hier noch alle?´ Und das hat Viktor mit seiner langen, erfolg­rei­chen Werder-Geschichte zurecht sehr getroffen.“

Florian Kohfeldt

Dass sich die Werder-Füh­rung ent­gegen der Kon­ven­tion ver­hält, macht viele im Umfeld – nicht nur den Kol­legen Won­torra – ramm­dösig. Fuß­ball ist ein Geschäft mit Träumen, doch wenn der eigene Ver­eine dau­er­haft durch Zom­bie­land wankt und die Hoff­nung auf Erlö­sung schwindet, gibt es für die meisten am Ende doch nur ein Mittel: Kopf ab!

Auch im ver­meint­lich ent­spannten Bremer Fuß­ball­biotop wurde dieses unschöne Pro­ze­dere in jüngster Ver­gan­gen­heit mehr­fach ange­wendet: Nach Robin Dutt durften sich die vom Nach­wuchs- zum Chef­coach beför­derten Alex­ander Nouri und Viktor Skripnik vor­zeitig ihre Papiere abholen. Letz­tere wurden ent­lassen, nachdem sie vorher im Abstiegs­kampf Erfolg gehabt und eine neue Euphorie los­ge­treten hatten. So wie Koh­feldt, der als Co-Trainer hautnah mit­er­leben musste, wie sein Mentor Skripnik unter den aus­blei­benden Ergeb­nissen litt und wie sich dessen Wahr­neh­mung im Klub vom Status Legende“ suk­zes­sive zum Status Sün­den­bock“ ver­schlech­terte. Im 11FREUNDE-Inter­view sagte Koh­feldt noch vor einem Jahr über den Ver­lauf der Skripnik-Demis­sion: In so einer Abwärts­spi­rale kommt der Moment, an dem sich ein Trainer fragt: Ver­trauen mir hier noch alle?´ Und das hat Viktor mit seiner langen, erfolg­rei­chen Werder-Geschichte zurecht sehr getroffen.“