Ich würde hier gerne eine mög­lichst sach­liche Lau­datio prä­sen­tieren, mich Robert Lewan­dowski aus einer höchst pro­fes­sio­nellen Per­spek­tive nähern und den Lesern und Lese­rinnen hier eine ange­messen distan­zierte Exper­tise lie­fern – aber bei Robert Lewan­dowski gerate ich, wenn ich ihn spielen sehe, doch häufig ins Schwärmen. Allein schon die Zahl von 30 Toren in einer Saison ist ein­fach gigan­tisch. Und Lewan­dowski hat uns ja nicht nur mit unat­trak­tiven Abstau­bern und Kopf­ni­ckern beglückt, son­dern zum Teil mit Traum­toren, an die man sich noch in Jahren erin­nern wird. Seine fünf Tore am sechsten Spieltag gegen den VfL Wolfs­burg haben selbst mich sprachlos gemacht. Denn da war wirk­lich alles dabei, inklu­sive eines Welt­klasse-Seit­fall­zie­hers.

Ein fast kom­pletter Stürmer

Der Ein­schät­zung vieler Experten, Lewan­dowski sei ein fast kom­pletter Stürmer, schließe ich mich kri­tiklos an. Seine Schnel­lig­keit, phy­sisch und psy­chisch, ist für jede Defen­sive eine große Her­aus­for­de­rung, für seine Mit­spieler und Trainer aber eine Bank. Wie gerne hätte ich in der ver­gan­genen Saison einmal mit Pep Guar­diola getauscht für das Gefühl, auf der Bank zu sitzen und ent­spannt wäh­rend eines Spiels zu denken: Mein Gott, hast du ein Glück, so einen Spieler vorne drin zu haben.“ Dazu kommen noch seine kör­per­liche Kraft, diese Wucht und Ath­letik, gepaart mit Ele­ganz. 

Am meisten impo­niert mir aller­dings, dass dieser Junge den Fuß­ball als Spiel begreift und sein Talent dahin­ge­hend ein­setzt. Lewan­dowski ist nicht der Typ, den man nur mit hohen Bällen füt­tern muss, kein klas­si­scher Abstauber oder Kon­ter­stürmer. Er lässt sich fallen, for­dert die Bälle, weiß sie zu ver­teilen und einen Spielzug nicht nur zu voll­enden, son­dern auch, ihn erst in Gang zu bekommen. Dazu, und das ist essen­tiell für so einen erfolg­rei­chen Stürmer, spielt er mann­schafts­dien­lich und nicht für den eigenen Erfolg.

Bei Bayern lastet ein unge­heurer Druck auf ihm

Erst die Kom­bi­na­tion aus all dem eben Genannten macht ihn zu so einem wert­vollen Fuß­baller. Sicher­lich wird es nun Kri­tiker geben, die sagen: Tja, beim FC Bayern Mün­chen so viele Tore machen, das kann sogar meine Oma. Ich kenne zwar keine solche Oma, aber für, sagen wir, Darm­stadt 98 hätte selbst Robert Lewan­dowski wahr­schein­lich nicht 30 Tore in einer Saison geschossen. In Darm­stadt spricht aller­dings auch nie­mand gleich von einer Form­krise, wenn ein Spieler mal 455 Minuten kein Tor schießt. Will sagen: mit dem Druck, der beim FC Bayern gerade auf einem Top­stürmer lastet, muss man erst mal klar kommen.

Lewan­dowski schafft das, auch weil er sich unter dieser Glocke des Pro­fi­fuß­balls eine erstaun­lich sym­pa­thi­sche Nor­ma­lität bewahrt hat. Dieser junge Mann ist bescheiden, kon­zen­triert und pro­fes­sio­nell – zumin­dest in der Öffent­lich­keit und auf dem Platz. Ich kann nicht aus­schließen, dass er zu Hause vor dem Spiegel regel­mäßig seine aus­trai­nierten Waden bewun­dert oder seinen beein­dru­ckenden Ober­körper prä­sen­tiert, aber selbst das würde meiner Sym­pa­thie für ihn keinen Abbruch tun.

Lewan­dowski wurde nichts geschenkt, er musste sich seinen Platz hart erkämpfen

Was mich beson­ders erfreut, ist zudem der Wer­de­gang von Lewan­dowski. Er war schon 21 Jahre alt, als er beim BVB lan­dete, wo er im ersten Jahr vor­rangig als Ersatz­mann für Lucas Bar­rios zum Ein­satz kam und sich seinen Platz an der Sonne erst erkämpfen musste. Das kann hart sein, wenn man sich in einem neuen Land und einer neuen Liga an eine fremde Sprache und eine andere Men­ta­lität gewöhnen muss. Jetzt ist er 27 und in diesen sechs Jahren zu einem der besten Stürmer der Welt auf­ge­stiegen. Das muss man erst mal schaffen. Lieber Robert, in meinem Alter ist das zwar fast ein Ding der Unmög­lich­keit, aber für dich und deine gran­diose Saison mache ich eine Aus­nahme und ver­neige mich tief: Du bist ein wahr­haftig wür­diger Spieler des Jahres.