Seite 2: „Mein Ende erfuhr ich durch die Homepage“

In Deutsch­land gibt es das Sprich­wort: Der Pro­phet gilt nichts im eigenen Land.“ Glauben Sie, dass die Funk­tio­näre bei Everton bei­spiels­weise bei Ver­trags­ge­sprä­chen gedacht haben: Ach, Tony, der bleibt sowieso hier.“
Nein, ich habe Everton immer respek­tiert – und Everton mich. Ich glaube nicht, dass sie mich bei Ver­trags­ge­sprä­chen mal hoch­ge­nommen haben. Sie haben mich und meinen Ein­satz nie als selbst­ver­ständ­lich ange­sehen. (Lacht.) Das glaube ich zumin­dest.

Kennen Sie nach all den Jahren im Verein eigent­lich auch den Post­boten beim Namen?
Es heißt, ich wäre ein Teil der Möbel bei Everton, aber seinen Namen kenne ich leider nicht.

Wie würden Sie den Klub einem Fremden erklären?
Zunächst einmal würde ich von den Fans erzählen. Es ist hart, sie für sich zu gewinnen. Du kannst alle Tricks dieser Welt beherr­schen, der schnellste Spieler sein, das bringt dir erst einmal nicht viel. Solange du ihnen nicht zeigen kannst, dass du für sie arbei­test und ihr Trikot mit Stolz trägst, machen sie dich runter, sie buhen dich aus. Du musst alles geben, nicht mehr und nicht weniger. Dann erst würde ich in die His­torie gehen und dar­über erzählen, was Everton alles erreicht und gewonnen hat. Aber noch mal: Das Wich­tigste hier sind die Fans.

Wann haben Sie per­sön­lich die Fans für sich gewonnen?
Ich weiß nicht so recht. Eigent­lich musste ich mich jedes Spiel aufs Neue beweisen. Die Leute hier halten mit ihrer Kritik nicht hinter dem Berg zurück. Wenn du schlecht gespielt hast, sagen sie dir das ins Gesicht – das war auch bei mir so. Da spielt es keine Rolle, dass ich von hier stamme. Die Fans zahlen einen großen Preis dafür, die Spiele zu sehen. Sie haben also jedes Recht dazu, dir auf die Finger zu hauen.

Sie spielten über eine Dekade lang für Everton. Wer war der beste Spieler, den Sie hier erlebt haben?
Es war groß­artig, mit Paul Gas­coigne zusammen zu spielen. Auch wenn er damals schon seinen Höhe­punkt hinter sich hatte. Er war immer noch ein Genie am Ball, ein­fach unglaub­lich. Und vor allem außer­halb des Platzes der net­teste Typ, den du dir vor­stellen kannst. Die Leute ver­stehen ein­fach nicht, wie nett er tat­säch­lich war. Viel­leicht hat diese Eigen­schaft zu seinem tiefen Fall bei­getragen, weil er zu gut­mütig und gut­gläubig war. Er hätte dir alles geschenkt, was er hat, um dir eine Freude zu machen. Außerdem war Big Fergie (Duncan Fer­guson, die Red.) unglaub­lich am Ball, David Ginola, Wayne Rooney – diese Jungs habe ich gesehen und war vom ersten Moment an von den Socken.

Haben Sie echte Freund­schaften wäh­rend Ihrer Kar­riere geschlossen?
Leon Osman und ich sind zusammen auf­ge­wachsen und haben gemeinsam den Durch­bruch geschafft – also sind wir immer in Kon­takt geblieben. Unsere Fami­lien kennen sich gut. Wir sind schon echte Freunde. Doch im Fuß­ball gibt es ein stän­diges Kommen und Gehen, des­wegen ist diese beson­dere Ver­bin­dung zuein­ander sehr selten.

Ihr Ende bei Everton soll nicht gerade ange­nehm ver­laufen sein. Sie und Osman erfuhren von Ihrem Ver­trags­ende angeb­lich durch eine Mel­dung auf der Home­page.
Roberto Mar­tinez war damals der Trainer. Er wollte sich um alle Ver­träge im Sommer küm­mern, er ver­schob es immer wieder – und wurde dann ent­lassen. Also gab es in dieser Zeit eine Lücke im Ver­ant­wor­tungs­be­reich, um es mal so zu sagen. Nie­mand vom Klub sprach mit mir und Osman. Meine Frau rief mich an und erzählte mir von dieser Mel­dung im Internet. Ich muss sagen: Das hat mich sehr traurig gemacht. Keiner konnte mir eine Ant­wort geben, was mit mir pas­sieren würde. Ende Juni fand ich also heraus, dass mich nie­mand mehr wollte. Ich hatte nicht mal mehr die Chance, mich zu ver­ab­schieden. Wenn man mir sechs Wochen vorher gesagt hätte, dass mein Ver­trag nicht ver­län­gert werden würde, dann hätte ich gesagt: Ok, das war’s.“ Und hätte jedem im Verein die Hand geschüt­telt.



Gab es danach Pläne, dass Sie noch einmal für den Klub arbeiten?

Nein, auch dar­über hat nie­mand mit mir gespro­chen.

Heute fischen Sie also nur noch?
Ja, ich habe ein altes Haus an einem See in Frank­reich gepachtet. Dort kann ich wun­derbar angeln. Leider war ich seit dem ver­gan­genen Sommer nicht mehr drüben. In Deutsch­land ist das Fischen auch beliebt, oder?

Oh ja, sehr.
Ich muss mal nach Deutsch­land kommen zum Fischen. Bei euch soll man wun­derbar Karpfen fangen können. Dann habe ich noch etwas vor.

Inter­views mit Berg­kamp und Fjörtfoft, Repor­tagen über Mara­dona und Messi, Texte von Valdano und Ricken. Das und vieles mehr in: 11FREUNDE SPE­ZIAL Tore“. Ab morgen am Kiosk, jetzt schon bei uns im Shop und in digi­taler Ver­sion für Android und iOS.