Seite 3: Die Suche nach dem inneren Granufink

20.21 Uhr:
Die Bayern-Fans erklären die Fei­er­lich­keiten rund um den ersten Tor­er­folg für beendet. Auch das Telekom‑T hat genug Han­dy­vi­deos gedreht. Mir hängen die mah­nenden Worte des Foto­grafen nach. Dann stelle ich fest, dass ich gar nicht mehr auf Toi­lette muss. Jetzt end­lich freue ich mich doch.

20.25 Uhr:
Das nächste Tor der Bayern durch Xabi Alonso. Warum auch nicht, denke ich mir. Denkt sich auch das Telekom‑T und schaltet um auf Enter­tain. Hoch die Pon­chos!

20.30 Uhr:
Der Super-GAU! Die zwei Gespenster aus der Reihe unter mir machen Anstalten, ihre Stel­lung zu ver­lassen. Zunächst will nur eine der jungen Damen auf Toi­lette ent­schwinden. Doch auch unter den Aus­zu­bil­denden der Telekom gilt das eherne Gesetz weib­li­chen Aus­tre­tens: Nie­mals allein! Ich komme mit“, höre ich sie noch sagen, dann falle ich in eine Art Wach­koma der Über­for­de­rung. Ich muss sie doch auf­halten, das habe ich der Aus­bil­dungs­lei­terin schließ­lich ver­spro­chen. Also nehme ich all meinen Mut zusammen: Seid ihr sicher, dass ihr den Platz ver­lassen dürft“, frage ich bestimmt unbe­stimmt. Klar“, ant­wortet die Reso­lu­tere der beiden. Schach­matt in einem Zug. Von links, zwei Plätze neben mir, ein Platz neben der Käse-Jeans, kommt ein Ret­tungs­ver­such der Unter­sa­gung. Doch die beiden vom Harn­drangsal ver­folgten bleiben eisern: Sollen wir uns in die Hose machen?“ Auf dem Rasen sieht Emil Fors­berg der­weil die Rote Karte. Bezeich­nend.

20.45 Uhr:
Quasi in die Halb­zeit hinein fällt das 3:0. Elf­meter Lewan­dowski. Das Telekom‑T ist in Ekstase und gefühlt kurz davor, einen eigenen Fan­klub zu gründen. Viel­leicht sind sie aber auch ein­fach nur erleich­tert, end­lich ganz offi­ziell auf Klo gehen zu dürfen. 

20.57 Uhr:
Der Rest der Zuschauer scheint vom Toi­let­ten­leid des Telekom‑T gänz­lich unbe­ein­druckt. Keine Vor­zugs­be­hand­lung an der End­los­schlange der sani­tären Ein­rich­tungen. Unmög­lich, sich zu erleich­tern und recht­zeitig wieder am Platz zu sein. Die zweite Halb­zeit wird ein zäher Kampf. Gegen mich selbst. Auf der Suche nach dem inneren Gra­nu­fink.

21.17 Uhr:
Der Foto­graf ruft an: Du, ich bin jetzt im Ober­rang, bei den Leip­zi­gern. Kannst du mal bitte in meine Rich­tung schauen und winken?“ Ich winke. Deut­li­cher, länger“, mahnt er. Wie lautet eigent­lich der Super­lativ von Poncho?

21.45 Uhr:
Die zweite Halb­zeit hat den Unter­hal­tungs­wert einer T‑Aktie kurz nach Ver­kaufs­start. Dann ist es vorbei. Die Bayern-Welt ist in Ord­nung, die des Telekom‑T auch. End­lich weiß ich, was es mit Erleben, was ver­bindet“, dem Wer­be­spruch des Kon­zerns, auf sich hat. 

21.57 Uhr:
Abpfiff. Das T“ löst sich auf, wie Schnee­flo­cken zer­streuen sie sich in alle Him­mels­rich­tungen. Ich eile vor das Sta­dion, den Foto­grafen treffen, um noch ein paar Bilder zu machen. Dann stehe ich vor der blutrot im Nebel ver­schwin­denden Allianz Arena, ein weißer Solitär, der den Strom der abrei­senden Fans teilt wie Moses das Meer. Ey, Telekom“, rufen die, die einen sitzen haben. Und zum Foto­grafen: Mach mal Bild!“ Dass sie das doch nie­mals irgendwo sehen würden, ent­gegne ich. Egal“, brüllt es zurück. Dann ent­le­dige ich mich meines Pon­chos, besteige die über­füllte U‑Bahn Rich­tung Hotel und zücke mein Handy. Kein Emp­fang.

Mr t

Es war ein schmut­ziger Job, aber einer musste es ein­fach tun: Ilja Mr. T 2017“ Beh­nisch.

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