Seite 2: Ein bisschen mehr Freude wäre nicht verkehrt

18.30 Uhr:
Für den Fußweg von der U‑Bahn zum Sta­dion lege ich die Ver­klei­dung vor­erst wieder ab. Die sich am Vor­platz des Bahn­hofs ver­sam­melnden Anhänger von Rasen­ball haben schon ordent­lich getrunken, Bau­ar­bei­ter­brause. Dagegen kommt auch ein weißer Poncho nicht an. Ich eile in Rich­tung Arena. Bevor ich zu Mr. T werde, will ich noch schnell den Foto­grafen treffen, der mich heute Abend begleiten soll. Für ihn werfe ich mich erneut in Schale. Du siehst bescheuert aus“, sagt er. Schön.“

18.45 Uhr:

Am Treff­punkt vor dem Sta­dion haben sich die ersten Aus­zu­bil­denden der Telekom bereits eben­falls in ihre Umhänge geschmissen. Ich stelle mich vor, erfahre, dass ich ange­kün­digt wurde. Es folgen Nach­fragen zu meiner Arbeit, ein paar Lügen­presse-Gags. Vom Magazin 11 FREUNDE hat noch nie­mand etwas gehört. Spielt auch keine Rolle, es geht schnell ans Ein­ge­machte: Sind Sie mit ihrem der­zei­tigen Mobil­funk­ver­trag denn zufrieden“, fragt mich ein junger Kerl, der unter seinem Über­zieher tat­säch­lich einen Anzug trägt, Kra­watte inklu­sive. Als Aus­zu­bil­dender. Pflicht sei das nicht, aber er möge es nun mal, sich anständig zu kleiden. Er ist 16 Jahre alt, unfassbar freund­lich und weiß genau, was er will: Kar­riere machen. Und wo solle das besser gehen als bei der Telekom? Keine Ahnung, ent­gegne ich, dass ich mit meinem Mobil­funk­ver­trag jedoch sehr zufrieden sei, er mich aber bitte kei­nes­falls wei­terhin so förm­lich anreden solle. Gut, gut“, sagt er, aber wie stellt sich Ihr der­zei­tiger Ver­trag denn genau dar?“ Drei Minuten und vier Ver­suche später, ihn end­lich vom Siezen abzu­bringen, stellen wir fest: Finan­ziell wäre ich mit meinem Ver­trag ganz gut auf­ge­stellt, nur mein Netz sei halt nicht von der Telekom, also kurzum: Mist. Ich schaue ihn an, dieses 16 Jahre alte Füll­horn fer­tiger, glück­li­cher Träume und sehe, dass man auch in einem weißen Poncho, über einem Anzug mit Kra­watte, eine gute Figur machen kann.

19 Uhr:
Auf zum Haupt­ein­gang, Schlange stehen. End­lich an der Reihe, von einem Ordner gefilzt zu werden, macht der mit­ge­brachte Stoff­beutel, in dem ich zwi­schen­zeit­lich Cape und Mütze trans­por­tiert habe, Pro­bleme. Können Sie nicht mit rein­nehmen“, heißt es. Aber, aber“, halte ich gekonnt dagegen. Also gut, passen Sie auf: Sie packen das jetzt alles in das Innere ihrer Mütze und ver­bergen das so gut wie mög­lich. Das ist eigent­lich nicht okay, aber für das Telekom‑T machen wir jetzt mal eine Aus­nahme.“ So müssen sich Könige fühlen.

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19.30 Uhr:
Ob ich nicht auch einen Glüh­wein wolle, fragen mich die drei Telekom-Aus­zu­bil­denden, mit denen ich schon halb ver­wachsen bin. Gleich da vorn würden sie Gut­scheine ver­teilen. Ich bin ein biss­chen erkältet und ange­boren zöger­lich. Kurz darauf drückt mir die lie­bens­werte Poncho-Kra­watte einen Coupon für einen Kin­der­punsch in die Hand. Zusammen machen wir uns auf den Weg, unsere Getränke abzu­holen. Anschlie­ßend setze ich zur Inten­siv­re­cherche an: Fuß­ball­fans? Seien sie jetzt alle­samt nicht unbe­dingt. Also gar nicht. Aber ist umsonst, die Karte. Und Bayern eine tolle Mann­schaft. Fast so toll wie die Telekom. Der Umhang? Pein­lich? Ach was, sind doch tolle Plätze. Und vor allem von der Telekom. Klar. Toll.

19.40 Uhr:
20 Minuten vor Spiel­be­ginn sollten sich alle 58 Poncho-Träger an ihren Plätzen ein­ge­funden haben, hieß es in der Ein­la­dung, die der Ein­tritts­karte beilag. Meine Kin­der­punch-Gang und ich legen eine Punkt­lan­dung hin. Dann trennen sich unsere Wege. Meine drei Kom­plizen bilden den Sockel des T“, ich die linke, obere Ecke des Buch­sta­ben­dachs. Die Aus­bil­dungs­lei­terin begrüßt mich mit der glei­chen herz­li­chen Freund­lich­keit, die auch schon ihre ihr zuge­wie­senen Schäf­chen an den Abend gelegt haben. Sie wünscht mir viel Ver­gnügen beim Spiel, hätte aber noch ein Anliegen: Wenn jemand aus dem T“ wäh­rend des Spiels auf Toi­lette gehen wolle, solle ich sie doch bitte auf­halten und daran erin­nern, dass das nicht erlaubt sei. Mmh“, sage ich. Aha, denke ich. Also doch. Und dass ich schlag­artig ganz drin­gend mal auf Toi­lette gehen müsste.

19.55 Uhr:
Die Mann­schaften sind auf dem Rasen, das Telekom‑T sitzt wie eine Eins. Zumin­dest nach außen hin. Das Bin­nen­klima ist eher von Des­in­ter­esse bestimmt. Junge Men­schen zeigen sich lus­tige Han­dy­vi­deos, selt­same Han­dy­nach­richten oder ein­fach nur gegen­seitig ihre Handys. Mein Sitz­nachbar hat rie­sige Löcher in seiner ohnehin schon sehr dünnen Jeans. Ich würde ihn gern fragen, warum er mit Hosen­käse in diese erwartbar kalte Fuß­ball­nacht gegangen sei, traue mich aber nicht, meinem Drang nach­zu­geben. Lieber bleibe ich auch inner­lich sitzen. 

20.17 Uhr:
Die Bayern über­rollen ihren Gegner. Von meinem Platz aus sind es tat­säch­lich nur gut 25 Meter bis zu der Außen­linie, an der Arjen Robben in dieser ersten Halb­zeit Dienst schiebt. Was für eine Sicht! Was für ein Spieler! Hier treffen gerade die beiden besten Teams der Bun­des­liga-Hin­runde auf­ein­ander. Und trotzdem schwebt dieser fra­gile Hol­länder nicht nur scheinbar über den Rasen, son­dern auch über all den anderen Spie­lern dieser Partie. Irre, wie anders man Fuß­ball dann doch immer wieder aus nächster Nähe wahr­nimmt, denke ich mir. Und gern würde ich mich mit irgendwem dar­über unter­halten. Aber rechts neben mir nur der kalte, unge­sprä­chige Beton des Trep­pen­auf­gangs. Links das Pro­blem mit den Löchern in der Jeans. Dann fällt das Füh­rungstor der Bayern.

20.19 Uhr:
Der mich beglei­tende Foto­graf ruft mich aus dem Innen­raum an: Es wäre schön, wenn du beim nächsten Tor schneller auf­springen könn­test. Und viel­leicht ein biss­chen mehr Freude zeigen, das wäre auch nicht ver­kehrt!“ Ist gut“, ant­worte ich pflicht­schuldig. Dann besinne ich mich, schreibe ihm eine Kurz­nach­richt: Ich freu mich aber nicht.“