Oscar Wendt, Sie haben zehn Jahre für die Borussia gespielt. Eine Ewig­keit im modernen Fuß­ball.
Ich bin sehr froh und stolz dar­über, dass ich einen Verein wie Borussia Mön­chen­glad­bach so lange reprä­sen­tieren durfte und immer noch darf. Hier habe ich mich immer sehr wohl gefühlt. Die Reise der letzten zehn Jahre und die Ent­wick­lung der Mann­schaft waren ein­fach unglaub­lich. Es war der Hammer.

Was hat sich in den ver­gan­genen Jahren ver­än­dert?
Der Kader ist größer geworden – und die Qua­lität auch. Natür­lich spielen wir heute auch eine andere Art vom Fuß­ball als damals. Zudem ist die Erwar­tungs­hal­tung gestiegen.

In all den Jahren haben Sie auch zig ver­schie­dene Trainer erlebt. Zum Bei­spiel Lucien Favre, der in Gladbach noch immer ver­ehrt wird. Was lief unter ihm anders als unter Marco Rose?
(Über­legt) Mit der Abwehr stehen wir heute viel höher als unter Lucien. Wir haben eine höhere Aus­gangs­po­si­tion, wir pressen häu­figer und früher, wir ver­su­chen den Ball früher zurück zu gewinnen. Offensiv sind die Unter­schiede zwar nicht so groß, aber wir spielen etwas ver­ti­kaler als damals. Früher haben wir den Ball etwas länger im Team gehalten um die Angriffe auf­zu­bauen, heute atta­ckieren wir direkter und mit mehr Geschwin­dig­keit und Wucht. Dazu muss ich aller­dings eine Sache sagen: Ich finde, dass der Fuß­ball, den wir unter Lucien Favre gespielt haben, voll zu den Spie­lern passte, die wir damals hatten. Und dass gleich­wohl die Art, wie wir heute spielen, voll zu den Spie­lern passt, die jetzt hier sind.

Wie war es bei André Schu­bert oder Dieter Hecking?
Meiner Mei­nung nach waren alle Trainer auf ihrer eigene Art und Weise gut. André Schu­bert zum Bei­spiel über­nahm die Mann­schaft in einer chao­ti­schen Zeit. Damals hatten wir die fünf ersten Sai­son­spiele ver­loren – und dann haben wir die nächsten acht gewonnen. Er hat uns schnell seine Spiel­idee ein­ge­prägt. Bei Dieter Hecking – alle, die den Fuß­ball in Deutsch­land kennen, wissen, wie erfahren er ist – war es genauso: Wir brauchten Sta­bi­lität, um ein paar Sachen wieder unter Kon­trolle zu bringen, und genau das hat er auch super gemacht. Meiner Mei­nung nach haben alle Trainer hier gute Phasen gehabt.

Wie lief es eigent­lich ab, als Sie 2011 nach Glad­bach kamen? Hatte der Verein schon länger Inter­esse an Ihnen?
Das ging alles relativ schnell. Ich wusste, dass sie mich auf dem Radar hatten, als ich in Kopen­hagen spielte. Wäh­rend einer Län­der­spiel­pause traf ich mich dann mit Max Eberl und Steffen Korell (Glad­bachs Sport­di­rektor und Team­ko­or­di­nator, d. Red). Sie erklärten mir, was mich in Glad­bach erwarten und wie ich in die Mann­schaft passen würde und welche Pläne sie für die Zukunft des Teams hatten. Danach dachte ich: Das fühlt sich genau richtig an, ich möchte dorthin wech­seln und Teil dieses Teams werden. Die Ent­schei­dung, zur Borussia zu wech­seln, hat sich für mich also von Anfang an richtig ange­fühlt.

Das war die Her­aus­for­de­rung, die ich haben wollte“

Oscar Wendt

Wie war die fuß­bal­le­ri­sche Umstel­lung? Sie hatten zuvor immer in Skan­di­na­vien gespielt.
Ich hatte zuvor fünf Jahre beim FC Kopen­hagen gespielt, wir hatten damals eine richtig gute Mann­schaft. In den fünf Jahren domi­nierten wir die däni­sche Liga und spielten stets inter­na­tional. Wir konnten uns also regel­mäßig mit den besten messen. Trotzdem war es vom Niveau her ein Unter­schied und was anderes, als ich in die Bun­des­liga kam. Doch das war die Her­aus­for­de­rung, die ich haben wollte: Ich wollte mich als Fuß­baller und als Mensch wei­ter­ent­wi­ckeln. In Deutsch­land konnte ich jede Woche richtig schwere Spiele in aus­ver­kauften Sta­dien spielen. Danach hatte ich gelechzt und davon hatte ich seit meiner Kind­heit geträumt. Von daher war das nur positiv.

Sie hatten also schon als Kind davon geträumt, Profi zu werden?
Ja, das war immer mein Traum und ich habe mein ganzes Leben dar­aufhin gear­beitet.

Sie kamen früh in die Jugend­aka­demie des IFK Göte­borg.
Ach, ganz so früh war es gar nicht. Ich spielte in der schwe­di­schen dritten Liga, bis ich 17 Jahre alt war. Dann wurde ich in die U23-Mann­schaft von IFK Göte­borg geholt. Da spielte ich aber nur zwei­ein­halb Monate, ehe ich in die erste Mann­schaft beför­dert wurde. Allein der Schritt war für mich ein Traum, Göte­borg war schon immer meine Mann­schaft in Schweden.

Ihre Jugend­zeit war also stets vom Fuß­ball geprägt?
Ja, mein Leben hat sich immer um den Fuß­ball gedreht. Ich habe immer ver­sucht, so viel wie mög­lich zu tun, um mich zu ver­bes­sern und es so weit zu schaffen. Ich habe meine ganze Zeit und Kraft inves­tiert, um da anzu­kommen, wo ich heute bin. Mit den Jahren sind dann auch andere, viel­leicht sogar wich­ti­gere Sachen dazu­ge­kommen – Familie und Kinder usw. – aber der Fuß­ball war für mich lange die Nummer eins.

Wie lässt sich die Rolle als Fuß­ball­profi mit der als Fami­li­en­vater kom­bi­nieren?
Gut, die Kom­bi­na­tion ist sehr cool! Natür­lich kann es manchmal auch her­aus­for­dernd sein, wir sind ja viel unter­wegs, vor allem, wenn wir inter­na­tional spielen, dann reisen wir viel und ver­bringen viele Nächte im Hotel. Aber ich will mich nicht beschweren. Als Fuß­ball­profi habe ich ein wun­der­bares Leben, für das ich sehr dankbar bin. Gleich­zeitig pro­fi­tieren wir alle davon, also nicht nur ich, son­dern auch meine Frau und meine Kinder. Sie finden es – auch wenn es zur Zeit leider nicht mehr mög­lich ist – immer wun­der­schön, im Sta­dion dabei zu sein, die Stim­mung im Borussia-Park mit­zu­er­leben, die Lieder zu singen, über die Tri­büne zu hüpfen, die Mann­schaft anzu­feuern. So gesehen ist das nur positiv.