Seite 3: „Da hat es mir gereicht"

Muss man besser auf seinem Körper auf­passen, wenn man nicht mehr 25 Jahre alt ist son­dern 35?
Je älter du als Fuß­baller wirst, desto besser lernst du deinen Körper kennen. Die Erfah­rung führt dazu, dass man weiß, welche Bedürf­nisse man hat und welche nicht und dann passt man sich dem an.

Sie haben auch nie einen Platz­ver­weis bekommen.
Nein.

Wieso?
In meiner Jugend war ich etwas heiß­blü­tiger auf dem Feld, mit 16, 17, 18 und 19 Jahren. Später habe ich gelernt, meine Gefühle so gut wie mög­lich zu kon­trol­lieren.

Apropos heiß­blütig: Im April 2013 wurden Sie und die Mann­schaft bei einem Spiel gegen Greu­ther Fürth ziem­lich heftig von den eigenen Fans ange­gangen. Irgend­wann haben Sie sich vor einem Zuschauer auf­ge­baut und her­aus­for­dernd mit den Armen geru­dert. Richtig?
(Über­legt) Ja, doch, ja, das stimmt.

Wie kam es dazu?
Damals kamen meh­rere Dinge zusammen: Wir waren ziem­lich schlecht ins Spiel gestartet. Und einige Fans waren der Mei­nung, dass wir den Ball zu oft nach hinten oder nach links und rechts spielten. Irgend­wann haben zwei oder drei ange­fangen, uns aus­zupfeifen. Damals spielte Amin Younes bei uns, er war sehr jung, 17 oder 18, glaube ich. Er hat ein paar Mal den Ball ver­loren und nach hinten gespielt, und einige haben ihn dann aus­ge­buht. Da hat es mir gereicht und ich habe kurz vor einem Ein­wurf so reagiert, wie Sie es beschrieben haben. In den Minuten danach wurde ich bei jedem Ball­kon­takt von ein paar der Zuschauer aus­ge­pfiffen. Aber für mich ging es darum, meine Mit­spieler zu schützen. Nicht darum, einen Streit mit dem Publikum zu starten. Zum Glück haben wir das Spiel mit 1:0 gewonnen. Danach war die Sache wieder gegessen.

Oscar Wendt, 35

Der Schwede erlebte beim IFK Göte­borg seinen Durch­bruch, war danach fünf Jahre in der däni­schen Liga beim FC Kopen­hagen aktiv, ehe er im Sommer 2011 nach Glad­bach wech­selte. Als der Links­ver­tei­diger bei den Fohlen ankam, hatte der Verein grade so die Klasse gehalten – danach qua­li­fi­zierte sich die Mann­schaft immer wieder für den Euro­pa­pokal. Nach über 300 Spielen für die Borussia wech­selt er im Sommer zurück nach Göte­borg.

In der Natio­nal­mann­schaft haben Sie 2017 auf­grund von feh­lender Moti­va­tion aufgehört. Was genau war das Pro­blem?
(Über­legt) Das hatte ver­schie­dene Gründe. Ers­tens war das einer Zeit, in der ich – meiner Mei­nung nach – sehr stark für Glad­bach gespielt habe, in der Natio­nal­mann­schaft aber kaum Ein­satz­zeit bekam. Ich habe dort dann nicht mehr so viel Spaß gehabt wie bei Glad­bach, es hat sich nicht ganz richtig ange­fühlt. Ich war in der Natio­nal­mann­schaft nicht zu 100 Pro­zent moti­viert, das hat weder mir geholfen noch der Mann­schaft. Also habe ich mich dafür ent­schieden, meinen Platz einem anderen Spieler zu über­lassen. Dazu kam, dass ich zum zweiten Mal Vater geworden war und dass wir mit Glad­bach inter­na­tional spielten. Des­halb war ich sehr, sehr viel unter­wegs, erst unter der Woche und dann noch 14 Tage mit der Natio­nal­mann­schaft. Das war es nicht wert.

Haben Sie es bereut?
Nein! Noch nicht ein ein­ziges Mal. Es ist keine Ent­schei­dung, die man von einer Sekunde zur nächsten trifft. Das Gefühl hat mich irgend­wann getroffen und ist in mir gewachsen. Als ich mich dann dafür ent­schieden habe, habe ich nicht mehr zurück­ge­blickt. Ich habe eine Ent­schei­dung getroffen, die sich für mich richtig ange­fühlt hat und die sich heute immer noch so anfühlt.

In der Natio­nal­mann­schaft haben Sie mit Zlatan Ibra­hi­movíc gespielt. Wie ist er als Kol­lege?
Fan­tas­tisch! Ein fan­tas­ti­scher Mensch, ein fan­tas­ti­scher Fuß­baller. Er ist der wohl beste, der jemals für Schweden gespielt hat und ich habe nur Posi­tives über ihn zu sagen, sowohl auf als auch neben dem Platz.

Was macht ihn so fan­tas­tisch? Ist er beson­ders lustig? Oder beson­ders nett?
Alles. Über das, was er auf dem Feld kann, brau­chen wir nicht zu reden, das weiß eh jeder. Abseits des Feldes ist er lustig, nett, er küm­mert sich um alle, die da sind, er behan­delt alle gleich, Egal, ob du 18 oder 30 Jahre bist, egal, ob du eins oder 100 Län­der­spiele vor­zu­weisen hast. Er über­nimmt immer Ver­ant­wor­tung für die Mann­schaft, er ist ein­fach ein geiler Typ.

Irgend­welche Geschichten zu erzählen?
Viele! Aber keine, die in die Öffent­lich­keit sollten.

Oscar Wendt, was machen Sie in zehn Jahren?
Keine Ahnung! Wenn man so lange Fuß­ball gespielt hat weiß man, dass Dinge sich sehr schnell ver­än­dern können. Ich lebe im Hier und Jetzt, habe noch zwei Monate hier in Glad­bach, die ich mit der Mann­schaft so gut wie mög­lich abschließen will. Mein Fokus liegt jetzt darauf. Was in zehn Jahren pas­siert, werden wir sehen.