Seite 2: Teerbrocken auf dem Rasen

Inwie­fern zeigt diese Kata­strophe auf, wel­chen Stel­len­wert der Ama­teur­fuß­ball und ‑sport in der Gesell­schaft haben?
In dieser extrem trau­rigen Situa­tion ver­spüre ich doch ein posi­tives Gefühl, weil der Sport seine Stärke gezeigt hat. Das Helfen, das gegen­sei­tige Unter­stützen, los­ge­löst vom Kon­kur­renz­ge­danken, das ist ein Wert in der Gesell­schaft, den der Sport ein­bringt. Das hat den Men­schen vor allem in den ersten Wochen sehr geholfen. Jetzt ist die Politik an der Reihe, zu sagen: Diesen Wert für die Gesell­schaft sichern wir ab. Indem Sport­an­lagen wie­der­her­ge­stellt werden und das Ver­eins­leben unter­stützt wird. Das werden viele Orga­ni­sa­tionen brau­chen und for­dern. Umso wich­tiger ist es, dass sich die Politik nicht hinter Ver­fah­rens­vor­schriften ver­steckt, son­dern sich um die Umset­zung küm­mert. Dafür brau­chen wir sach­ge­rechte Ent­schei­dungen. Wo Sport­an­lagen völlig zer­stört worden sind, müssen wir sehr, sehr schnell die Frage erör­tern, ob es Sinn macht, die Infra­struktur an diesem Ort wie­der­her­zu­stellen, oder ob es einen neuen Standort braucht. Diese Ent­schei­dungen dürfen nicht erst in den kom­menden Jahren getroffen werden. Das würde der gesell­schaft­li­chen Rolle des Sports nicht gerecht werden. Wir benö­tigen schnelle, ver­bind­liche Ent­schei­dungen, weil die Men­schen vor allem eines brau­chen: eine Per­spek­tive und eine Idee, wohin die Reise geht. Das Schlimmste in dieser Situa­tion ist die Unge­wiss­heit. Wenn die Men­schen wissen, was pas­sieren soll und wenn es dafür sogar End­daten gibt, können sie sich daran ori­en­tieren. Aber ein Hängen im luft­leeren Raum zer­mürbt die Men­schen.

Wie gestalten sich die Gespräche mit der Politik bis­lang?
Es ist wie immer im Leben: Wir erleben beide Seiten. Es gibt durchaus Poli­tiker, die die Dring­lich­keit ver­standen haben und die bereits dabei sind, zu helfen. Im Rhein-Erft-Kreis hat uns der Kreis­vor­sit­zende berichtet, dass drei Tage nach der Flut bereits die ersten städ­ti­schen Mitarbeiter*innen auf der Anlage waren. Wir haben aber auch einen Fall erlebt, bei dem ein Poli­tiker nur meinte, dass sie das Thema mal in den Haus­halts­plan für 2022 auf­nehmen. Dann weiß ich, dass dieser Verein in der Saison 2022/23 garan­tiert noch keinen neuen Platz hat. Und das geht nicht. Das Spek­trum ist also wie immer breit, aber ich habe die große Hoff­nung, dass wir die ver­ant­wort­li­chen Politiker*innen durch die statt­fin­denden Gespräche dazu bekommen, sach­ge­recht für den Sport zu han­deln.

Können Sie unge­fähr skiz­zieren, wie lange die Auf­bau­ar­beiten dauern werden?
Ehr­lich gesagt kann ich diese Frage der­zeit noch nicht beant­worten. Es gibt so viele Bau­stellen, an denen wir über Jahre arbeiten müssen, bis die Nor­ma­lität wieder ein­kehrt. Das wird dauern. Wir hoffen, dass die Ver­eine keinen Mit­glie­der­schwund erleiden, weil die Spieler*innen ein­fach zu einem anderen Verein gehen, wo sie wieder kicken können. Wäh­rend der Pan­demie blieb diese Ent­wick­lung zum Glück bis­lang aus. Ich hoffe, dass es so bleibt und bin opti­mis­tisch, dass wir es hin­be­kommen werden, dass in dieser Saison an den meisten Orten ver­nünftig Fuß­ball gespielt werden kann. Gemeinsam mit den Ver­einen haben wir uns im Kreis Eus­kir­chen darauf ver­stän­digt, nur eine ein­fache Runde zu spielen und die Frage des Heim­rechts der jewei­ligen Situa­tion anzu­passen. Die Haupt­sache ist: es wird Fuß­ball gespielt! In dieser Hin­sicht pas­siert sehr viel. In den stark betrof­fenen Regionen wird es aber wei­terhin eine Mam­mut­auf­gabe.

Bei einem Verein liegen immer noch die Teer­bro­cken der mit­ge­ris­senen Straße auf dem Rasen­platz. Die sind zwei Meter groß!“

Dirk Brennecke
Flut FVM SSV Weilerswist 1924 e V 2
Fuß­ball-Ver­band Mit­tel­rhein

Spre­chen wir in einigen Regionen von Jahren?
Wenn die Sport­an­lage völlig zer­stört ist, spre­chen wir durchaus von Zeit­räumen, die Ende 2022 oder 2023 liegen werden. Ich möchte gerne das auf­nehmen, was die Bürgermeister*innen im Ahr­teil bereits gesagt haben: Mein Ort wird anders aus­sehen.“ Ich glaube, dieser Satz beschreibt das ganz deut­lich. Es gilt jetzt, eine Viel­zahl an Ent­schei­dungen dar­über zu treffen, wo genau was wieder auf­ge­baut wird. Ich war vor kurzem in Berlin und habe dort mit Men­schen aus dem Fuß­ball­ver­band gespro­chen. Ich habe gemerkt, dass es für Men­schen, die diese Kata­strophe nur aus der Ferne erlebt haben, schwer begreif­lich ist, wie groß diese Schäden wirk­lich sind. Wir spre­chen mit­unter von einer totalen Zer­stö­rung von dem, was mal da war. Bei einem Verein liegen immer noch die Teer­bro­cken der mit­ge­ris­senen Straße auf dem Rasen­platz. Die sind zwei Meter groß! Im Kreis Aachen haben wir die Nach­richt bekommen, dass die Sport­an­lagen zum Glück nicht betroffen sind. Da gibt es aber das Pro­blem, dass es teil­weise keine Straßen mehr gab, um manche Sport­an­lagen zu errei­chen. Oft­mals geht es nur noch über einen großen Umweg. Alles andere exis­tiert schlichtweg nicht mehr. Bei der jet­zigen Flut war die Ahr 8,70 Meter hoch. Stellen Sie sich mal Ihr Haus vor und schauen daran 8,70 Meter hoch. Dann bekommen Sie einen Ein­druck davon, was da pas­siert ist und über welche Qua­lität von Beschä­di­gung wir reden. Wir können uns heute gar nicht mehr vor­stellen, was es heißt, kein Telefon, kein Strom und kein Wasser mehr zu haben. Und dazu fehlt dann auch noch die Straße, um los­zu­fahren und etwas ein­zu­kaufen. Das ist die Dimen­sion, über die wir groß­flä­chig in diesen Regionen spre­chen.

Was wird nun wichtig?
Der ent­schei­dende Punkt, auch in der medialen Bericht­erstat­tung, wird sein, dieses Thema nicht vor­schnell zu ver­gessen. Denn natür­lich gibt es sehr viele Themen, über die von Zeit zu Zeit ver­stärkt berichtet wird. Und das ist auch ver­ständ­lich, ich möchte nichts prio­ri­sieren. Aber ich kann die Sorge der Leute ver­stehen, dass sie even­tuell in der kol­lek­tiven Auf­merk­sam­keit wieder hinten run­ter­fallen. Mein Appell ist: Leute, denkt daran, was hier kaputt gegangen ist und wie lange der Aufbau zwangs­läufig dauern wird. Das alles wird seine Zeit brau­chen, denn wir wollen es ja auch ver­nünftig machen. Es gibt hier etliche Men­schen, die nichts mehr haben und auch zwei Monate nach der Flut noch in Not­un­ter­künften leben. Nun kommt auch noch die dunkle Jah­res­zeit auf uns zu. Wir müssen diese Leute im Blick behalten und ihnen helfen. Vor allem auch den Kin­dern, die das Erlebte erst einmal ver­kraften müssen. Dem­entspre­chend ist es wichtig, zu rea­li­sieren, dass die Men­schen hier dau­er­haft Hilfe brau­chen. Dieses Thema ist noch lange nicht abge­schlossen.

Wie können auch Per­sonen aus der Ferne kon­kret helfen?
Es ist wichtig, die Spen­den­be­reit­schaft hoch­zu­halten. Nicht nur für den Sport, son­dern auch für viele andere Orga­ni­sa­tionen, die dadurch noch mehr helfen können. Die Politik ist auf­ge­rufen, sich um die infra­struk­tu­rellen Themen zu küm­mern. Aber Men­schen oder auch Ver­eine aus der Ferne können kon­kret helfen, indem sie zum Bei­spiel Klubs aus der Region zu einem Tur­nier zu sich ein­laden und so Soli­da­rität zeigen. Das sind dabei die zwei wich­tigsten Ebenen: Das direkte Helfen und die Unter­stüt­zung auf finan­zi­eller Ebene. Es tut wirk­lich jeder Euro gut. Und an dieser Stelle darf auch dem DFB und der DFL für den gemein­samen Hilfs­fonds gedankt werden, der den betrof­fenen Ver­einen finan­ziell helfen wird. Diese Gelder wurden sehr schnell und unbü­ro­kra­tisch zuge­sagt.