Herr Niers­bach, Sie sind für Ihr Fuß­ball­wissen bekannt. Ein kleines Quiz: Welche Rücken­nummer hatte Berti Vogts bei der WM 1970 in Mexiko?
Welche Rücken­nummer? 1974 hatte er die Zwei. Aber 1970? Da muss ich passen.

Die Sieben. Aus aktu­ellem Anlass: Wer hat beim WM-Finale 2002 gegen Bra­si­lien den gesperrten Michael Bal­lack ersetzt?
Wissen Sie, was ich der Mann­schaft beim Rück­flug vom Vier­tel­fi­nale aus Rio gesagt habe? Das Finale 2002 war das ein­zige WM-Spiel zwi­schen Deutsch­land und Bra­si­lien. Es sind die ein­zigen beiden Mann­schaften, die seit 1954 bei jeder WM-End­runde dabei waren – und trotzdem hat es nur dieses eine direkte Duell gegeben. Ich habe übri­gens auch gesagt: Rudi Völler hat damals den Fehler gemacht, Oliver Bier­hoff zu spät ein­zu­wech­seln, sonst wäre es noch 2:2 aus­ge­gangen (lacht). Aber wer hat damals für Bal­lack gespielt? Da müsste ich die ganze Auf­stel­lung durch­gehen. Das dauert mir jetzt zu lange.

Jens Jere­mies.
Ich muss gestehen, da wäre ich so schnell nicht drauf gekommen. Wobei ich bei dem Tur­nier bereits für das WM‑O.k. 2006 unter­wegs war und nur drei Spiele unserer Mann­schaft gesehen habe.

Also gut: Wer wird am 3. Sep­tember im ersten Spiel nach der WM als Bun­des­trainer auf der Bank sitzen, wenn die Natio­nal­mann­schaft das Halb­fi­nale gegen Bra­si­lien ver­lieren sollte?
(Lacht) Das ist wirk­lich leicht, aber ich gestehe, dass die Frage noch nie so ori­gi­nell ein­ge­leitet worden ist. Jogi Löw natür­lich.

Wen müssten Sie nach einer Halb­fi­nal­nie­der­lage mehr über­zeugen, dass es mit dem Bun­des­trainer wei­ter­geht: Löw oder die Öffent­lich­keit?
Wer ist denn die Öffent­lich­keit? Die Medien?

Sie wissen doch, dass es bei einer Nie­der­lage gegen Bra­si­lien und dem vierten ver­geb­li­chen Ver­such mit Löw hieße: Mit dem gewinnt man keine Titel.
Wissen Sie, wer Stand jetzt Welt­rang­listen-Erster ist? Deutsch­land. In den letzten 31 Pflicht­spielen hat es 28 Siege gegeben, zwei Unent­schieden – 4:4 gegen Schweden, 2:2 gegen Ghana – und nur eine Nie­der­lage. Was soll denn ein anderer Trainer noch besser machen? Mit dieser Bilanz ist einem in der Bun­des­liga schon im Februar der Meis­ter­titel sicher. Wir sind Welt­klasse, wir sind Welt­spitze – es fehlt nur der letzte Schritt, ein Titel.

Kommt es darauf nicht an?
Für uns zählt vor allem, wie das Ver­hältnis zwi­schen Mann­schaft und Trainer ist. Und das ist absolut intakt. Schauen Sie sich an, wie sich Jogi nach dem Alge­rien-Spiel prä­sen­tiert hat, als die Kritik aus der Heimat relativ stark war: pro­fes­sio­nell, ruhig, ent­spannt, sou­verän. Das ist wichtig in einer sol­chen Situa­tion, das über­trägt sich sofort auf die Mann­schaft. Am Freitag gegen Frank­reich hat das Team so gespielt, wie Jogi das vor­ge­lebt hat: fokus­siert, kon­zen­triert, ruhig und mit dem nötigen Selbst­be­wusst­sein. Des­halb haben wir im Oktober ver­gan­genen Jahres den Ver­trag mit ihm ver­län­gert. Und ich frage mal: Was wäre jetzt nach dem Einzug ins WM-Halb­fi­nale los, wenn wir das nicht getan hätten?

Dann würden jetzt alle schreien: Warum habt ihr den Ver­trag noch nicht ver­län­gert?“
Ich hoffe, das wird auch gedruckt.

Es könnte ja auch der Fall ein­treten, dass Deutsch­land Welt­meister wird und Löw von sich aus …
Die beste Ant­wort hat er darauf selbst schon mal gegeben und dabei auf einen Kol­legen ver­wiesen. Nachdem Vicente Del Bosque mit Spa­nien Welt­meister geworden war, hat er gesagt: Jetzt will ich auch Euro­pa­meister werden.


Ange­nommen, Sie hätten die Wahl: zweimal hin­ter­ein­ander mit Löw bei der WM das Halb­fi­nale zu errei­chen, aber immer zu ver­lieren. Oder, wie Ita­lien, zweimal in der Vor­runde zu schei­tern, dafür aber einmal den Titel zu holen?

Da ist mir die Bestän­dig­keit lieber. Ich kann mir gar nicht aus­malen, was in Deutsch­land los gewesen wäre, wenn uns das Gleiche pas­siert wäre wie den Hol­län­dern vor zwei Jahren bei der EM. Sie sind als Mit­fa­vorit gehan­delt worden und haben alle drei Vor­run­den­spiele ver­loren. Nie­der­lagen gehören zum Sport – aber wir haben sehr selten ver­loren.

Das heißt: Die WM ist für Sie schon mit dem Errei­chen des Halb­fi­nales ein Erfolg.
Ja, die Mann­schaft hat sich glän­zend dar­ge­stellt. In den vier Wochen ist nicht das geringste interne Pro­blem auf­ge­treten.

Das lässt sich der Ver­band ja auch einiges kosten.
Inwie­fern?

Der Welt­meister erhält von der Fifa umge­rechnet 25,75 Mil­lionen Euro. Sie würden an das Team für diesen Fall rund acht Mil­lionen Euro als Prämie aus­be­zahlen. Und trotzdem betrüge der Gewinn nur drei Mil­lionen. Das heißt: Den DFB kostet das Unter­nehmen WM knapp 15 Mil­lionen Euro.
Allein der logis­ti­sche Auf­wand ist in diesem großen Land enorm und kostet viel mehr als bei zurück­lie­genden Tur­nieren. Nur ein Bei­spiel: Wegen der frühen Anstoß­zeiten reisen wir bereits zwei Tage vorher in den Spielort. Dadurch ent­stehen hohe Kosten für die Hotels. Zumal uns die Fifa ver­pflichtet, für die Nacht nach dem Spiel auch noch zu zahlen.

Aber der Tross ist auch deut­lich größer geworden. Inzwi­schen umfasst er 70 Leute.
Uns ist wichtig, opti­male Bedin­gungen zu schaffen. Eines ist richtig: Wenn wir sieben Län­der­spiele selber ver­markten könnten, würden wir weit mehr als die 25,75 Mil­lionen Euro von der Fifa ein­nehmen, bei gleich­zeitig deut­lich gerin­geren Kosten. Der wirt­schaft­liche Aspekt ist hier des­halb nach­rangig. Für die WM gibt es ein Son­der­budget, das abge­si­chert ist. Der Gewinn, den wir mit der Liga teilen, fließt in unseren nor­malen Haus­halt.

Wann wird aus einem erfolg­rei­chen Tur­nier ein über­ra­gendes?
Wenn wir noch zweimal gewinnen (lacht). Schauen Sie sich doch mal die Vier­tel­fi­nals an. Die Sieger haben mit einem Tor Unter­schied gewonnen, Hol­land musste ins Elf­me­ter­schießen. Es ent­scheidet meis­tens nur eine Klei­nig­keit, eine Stan­dard­si­tua­tion wie der Frei­stoß vor unserem Tor gegen Frank­reich.

Wovon hängt nach Ihrer Erfah­rung der ganz große Wurf ab?
Es wird keine Elf Welt­meister, auch keine Vier­zehn, son­dern nur alle 23. Früher war es ja noch dra­ma­ti­scher, als nur 16 Spieler auf den Spiel­be­richt durften und die rest­li­chen sechs auf der Tri­büne saßen. 1990 zum Bei­spiel gab es eigent­lich die Absprache, dass sich Andreas Köpke mit Rai­mond Aumann als zweiter Tor­hüter abwech­selt. Aus wel­chen Gründen auch immer saß am Ende nur Aumann auf der Bank. Damals hätte Andi Ärger machen können, er hat es nicht gemacht. Das zeichnet eine Mann­schaft aus. Wir sind 1990 Welt­meister geworden, weil wir den Team­spirit hatten. 1994 sind wir es nicht geworden, weil wir ihn nicht hatten.

Obwohl es fast die iden­ti­sche Mann­schaft war …
… plus Mat­thias Sammer und Stefan Effen­berg. Aber es hat aus irgend­wel­chen Gründen nicht gepasst. Des­halb habe ich Roman Wei­den­feller vor kurzem unter vier Augen gesagt, wie groß­artig ich sein Ver­halten finde. Bei ihm ist zu spüren, wie gern er hier ist, wie er seine Rolle als Ersatz­mann hinter Manuel Neuer ange­nommen hat.

Haben Sie ein ähn­li­ches Gefühl wie 1990?
Was die Stim­mung betrifft, ein klares Ja. Ich bin sogar noch etwas zuver­sicht­li­cher. Ich glaube, dass wir es schaffen können. Per Mer­te­sa­cker ist dafür das beste Bei­spiel. Er hat hier die ersten vier Spiele bestritten und könnte jetzt belei­digt sein, weil er im Vier­tel­fi­nale nur auf der Bank saß. Aber er ist einer der Ersten, die in einer Spiel­un­ter­bre­chung auf­springen und ihren Kol­legen das Wasser rei­chen. Per ist ein ast­reiner Cha­rakter. Im Sport gibt es auch andere Bei­spiele: Ich habe in meiner Zeit als Jour­na­list einen Ersatz­tor­hüter beim Eis­ho­ckey erlebt, der ist auf der Bank hoch­ge­sprungen, wenn sein Team­kol­lege ein Tor kas­siert hat.

Ist die jet­zige Genera­tion nicht schon über­reif für den Titel?
Miroslav Klose hat mir gesagt: So nah dran waren wir noch nie. Für ihn ist es mit jetzt 36 Jahren ganz sicher die letzte Chance. Den anderen mit mehr als 100 Län­der­spielen wie Lukas Podolski, Bas­tian Schwein­s­teiger, Philipp Lahm und Per Mer­te­sa­cker würde ich auch noch eine vierte WM zutrauen. Aber die Stim­mung in der Mann­schaft ist ent­schlossen: Wir wollen kein Spiel mehr um den dritten Platz.

Dafür muss die Mann­schaft nur gegen Bra­si­lien gewinnen.
Ja – in Bra­si­lien, gegen 200 Mil­lionen Bra­si­lianer. Das ganze Land steht hinter der Mann­schaft, noch stärker nach dem tra­gi­schen Aus­fall von Neymar. Alles ist aus­ge­richtet auf diesen Titel. Aber ich traue es unserer Mann­schaft zu, dass sie die Her­aus­for­de­rung besteht. Sie hat in Wem­bley gegen Eng­land gewonnen oder in Paris gegen Frank­reich. Sie hat gezeigt, dass sie sich auch aus­wärts nicht von einer großen Kulisse beein­dru­cken lässt.

Ist die Mann­schaft ent­schlossen genug?
Nach dem Sieg über Frank­reich habe ich den Spie­lern gesagt: So, nun belohnt euch selbst! Macht es in der letzten Woche so wie in den vier Wochen bisher. Ich kenne auch frü­here Spiel­er­ge­nera­tionen, alles prima Kerle, die nach einem Spiel wie dem gegen Frank­reich gesagt hätten: So, jetzt haben wir uns mal eine Pause ver­dient. Bei der EM 1988 war das so. Nach dem Grup­pen­sieg hat die Mann­schaft auf den Franz …

… Becken­bauer …
… so lange ein­ge­redet, bis er sie hat ziehen lassen. Einige haben es leider etwas über­trieben, und ein paar Tage später ging das Halb­fi­nale gegen Hol­land ver­loren.

Haben Sie Franz Becken­bauer eigent­lich schon gefragt, ob er zum Finale kommen würde?
Ich habe eben mit ihm tele­fo­niert. Er hat mir erzählt, dass er bei unseren Spielen mit Deutsch­land-Fahne und Käppi vor dem Fern­seher sitzt und sich vorher sym­bo­lisch über die Schulter spuckt. Aber er kommt nicht.

Hätten Sie ihn bei einem Finale gerne dabei?
Natür­lich. Er hatte ja auch ursprüng­lich vor, ab dem Halb­fi­nale hier zu sein. Er war von Fifa-Prä­si­dent Sepp Blatter per­sön­lich ein­ge­laden worden.

Haben Sie das Gefühl, dass Becken­bauer im Macht­kampf Blat­ters mit der Uefa zwi­schen die Blöcke geraten ist?
Die Ethik­kom­mis­sion der Fifa arbeitet unab­hängig, das akzep­tiere und unter­stütze ich. Was ich inak­zep­tabel finde: Über zwei Jahre wurde ermit­telt und zwei Tage nach Beginn der WM wird diese Sperre aus­ge­spro­chen. Dass Franz einen for­malen Fehler gemacht hat, dar­über müssen wir nicht reden. Aber diese Reak­tion zu diesem Zeit­punkt war ein­fach über­zogen und respektlos.

Vor­aus­ge­setzt, die Mann­schaft erreicht tat­säch­lich das Finale: Ist die Fall­höhe dann noch höher?
Leute, wir reden vom WM-Finale! Da kehren die Mann­schaften doch in jedem Fall als Gewinner nach Hause zurück. So, wie wir aus Süd­afrika mit Platz drei als Gewinner zurück­ge­kehrt sind. Es war auch eine erfolg­reiche Welt­meis­ter­schaft. Wissen Sie noch, warum uns im Halb­fi­nale Thomas Müller gefehlt hat? Weil er im Vier­tel­fi­nale gegen Argen­ti­nien wegen angeb­li­chen Zeit­spiels Gelb gesehen hat. Bei einem Frei­stoß läuft er an, stoppt noch mal ab – Gelbe Karte, gesperrt. Da kann man vorher noch zehn Wis­sen­schaftler ein­ge­stellt haben, die den Gegner noch inten­siver beob­achten – am Ende hängt es an Klei­nig­keiten.