Ach, es sind wahr­lich groß­ar­tige Zeiten, die die deut­sche Fuß­ball-Natio­nal­mann­schaft gerade erlebt. Durch den 3:1‑Erfolg gegen die Ukraine am Samstag sind es nun schon 19 Spiele, von denen sie nur ein ein­ziges ver­loren hat. Ihre Sie­ges­serie in der Nations League hält weiter an, und erst­mals seit Ein­füh­rung dieses renom­mierten und all­seits beliebten Wett­be­werbs sind die Deut­schen nun sogar Tabel­len­führer ihrer Gruppe.

Über­steht die Natio­nal­mann­schaft auch die finale Begeg­nung am Dienstag in Spa­nien unge­schlagen, ginge das selt­same Län­der­spiel­jahr 2020 für sie ohne Nie­der­lage zu Ende. Sieht man mal davon ab, dass sich die Natio­nal­mann­schaft am ver­gan­genen Mitt­woch Horst Lichter geschlagen geben musste, der die bes­seren Ein­schalt­quoten hatte als das Län­der­spiel gegen Tsche­chien.

Das Lager­feuer glimmt nur noch

Man mag das, wie es Bun­des­trainer Joa­chim Löw getan hat, für neben­säch­lich halten. Ist es aber nicht. Weil es den aktu­ellen Wert der Natio­nal­mann­schaft recht gut abbildet. Weil das – angeb­lich – letzte Lager­feuer der Nation nur noch glimmt und nicht mehr lodert. Ja, die Zahlen und Fakten mögen gerade wieder für Löw und die Natio­nal­mann­schaft spre­chen, das all­ge­meine Gefühl tut es nicht.

Schatten über Löw

Es ist ein sehr schwie­riges Jahr für uns“, hat Oliver Bier­hoff, der Manager der Natio­nal­mann­schaft, am Samstag vor dem Spiel gegen die Ukraine gesagt. Unter der Woche hatte er die dunkle Wolke“ beklagt, die über die Natio­nal­mann­schaft geschoben werde und um Nach­sicht für die jungen Spieler geworben. Aber es geht gerade nicht um die neuen Gesichter bei der Natio­nal­mann­schaft. Es geht um die alten. Und um das, wofür sie stehen.

Natür­lich ist die Kritik, vor allem an Löw, nicht kon­sis­tent. Einer­seits wird ihm vor­ge­halten, dass er zu sehr am Alten hänge, ande­rer­seits wird er bei jedem Län­der­spiel aufs Neue gefragt, was denn jetzt mit Hum­mels, Müller und Boateng sei. Löw kann es nie­mandem Recht machen. Und genau das ist das Pro­blem. Genau das ist sein Pro­blem. Bei allem, was er tut, bei allem Rich­tigen auch: Die Welt­meis­ter­schaft 2018, das his­to­ri­sche Debakel mit dem unmög­li­chen Vor­run­denaus, wird bei ihm immer durch­schim­mern. Wie ein Holo­gramm. Löw kann sich an der Sei­ten­linie noch so feurig gebaren. Authen­tisch wirkt das nicht.

Erin­ne­rungen an 1998

Der echte Wille zum Neu­be­ginn wird ihm nicht mehr abge­nommen. Nicht nach 14 Jahren im Amt. Und nicht solange er bei jeder sich bie­tenden Gele­gen­heit Julian Draxler wieder aufs Feld schickt. Genauso wenig taugt Oliver Bier­hoff als Tes­ti­mo­nial für die neue Demut, die sich die Natio­nal­mann­schaft jetzt ver­ordnet hat.

Ein biss­chen ähnelt die aktu­elle Situa­tion der aus dem Jahr 1998. Damals war Berti Vogts der Bun­des­trainer, der sich nach dem frühen WM-Aus mas­siver Kritik aus­ge­setzt sah. Vogts machte weiter. Vogts wagte den Neu­be­ginn mit vielen unver­brauchten Gesich­tern. Nach zwei Spielen aber erkannte er, dass er gegen das all­ge­meine Gefühl nicht mehr ankommen würde. Nach zwei Spielen ohne Nie­der­lage.

Dieser Text erscheint im Rahmen unserer Koope­ra­tion mit dem Tages­spiegel.