Seite 3: Wie der Abend zur Sternstunde wurde

Im Ver­lauf der Pres­se­kon­fe­renz riefen die Jour­na­listen wahllos Namen und Spiele in den Raum. Zu jedem Stich­wort hatte Bielsa die rich­tigen Infor­ma­tionen parat. In wel­chen Zone sich der geg­ne­ri­sche Ver­tei­diger pro­zen­tual bewege, welche Eck­ball­va­ri­ante wahr­schein­lich wäre, wenn der Schütze beide Hände hob. Bielsa hatte alle Ant­worten zusam­men­ge­tragen.

Alles über Derby

Nicht ohne zu erklären, dass er die Erkennt­nisse jedem seiner Spieler in einem Video von höchsten acht Minuten Länge zusam­men­tragen würde. Und auch einen kleinen Spaß erlaubte er sich: Für jedes Bei­spiel nutzte er an diesem Abend die Infor­ma­tionen über Derby County. Der Mann­schaft von Frank Lam­pard, der sich so vehe­ment über die Spio­nage seines Teams erzürnt hatte, und deren tak­ti­schen Eigen­arten nun von Bielsa genüss­lich ver­öf­fent­licht wurden.

Und so wurde dieser Abend in Leeds noch wäh­rend des Ereig­nisses unver­gess­lich. Eine Lehr­stunde. Die anwe­senden Jour­na­listen wurden Zeugen der ver­rück­testen aller Bielsa-Shows. Aber irgendwie war das auch keine Über­ra­schung.

Wie Bielsa Pochet­tino fand

Schließ­lich hätte Bielsa schon 1985 in der argen­ti­ni­schen Wüste von Ket­ten­hunden gefressen werden sollen. Nachdem er in Murphy an die Haustür geklopft hatte, öff­nete eine Frau. Bielsa bat sie, dass er sich die Beine ihres schla­fenden Kindes ansehen dürfe. Und als der 13-jäh­rige Mau­ricio Pochet­tino am nächsten Morgen auf­wachte, dachte er geträumt zu haben, dass vor ihm ein Mann stand, der seine Beine unter­suchte und sie für gut befand. Dass dieser Mann ihn auf der Stelle ver­pflichtet hatte. Und dass dieser Mann, Mar­celo Bielsa, als Natio­nal­trainer mit ihm zur Welt­meis­ter­schaft 2002 fahren würde.

Dass ein Trainer jeden Gegner seziert, der zuvor schon den Fuß­ball ver­messen hatte, der wäh­rend seiner Zeit bei Espanyol Bar­ce­lona in nur einem Monat 27 Ein­wurf­va­ri­anten ein­stu­dieren ließ und an Haus­türen klopfte, um Beine von 13-Jäh­rigen zu unter­su­chen – das ist in gewisser Weise auch keine Über­ra­schung mehr.