Stefan Koh­fahl, was sagt Zidane: Wann wird er Real als Trainer über­nehmen? Und welche Musik legt Cris­tiano Ronaldo aktuell in der Kabine auf?
Ich arbeite zwar seit dem 1. Januar für Real Madrid, aber zu den Profis habe ich noch keinen Kon­takt gehabt. Ich war bei einigen Spielen, war auch im Spie­ler­tunnel oder in der Kabine. Aber die Profis wissen noch gar nicht, dass Real eine Depen­dance in Deutsch­land auf­baut.

Aber mal ehr­lich, sind Sie denn vor dem Enga­ge­ment ein Real-Fan gewesen? Oder haben Sie früher nicht auch immer gedacht, dass Real Madrid eine zusam­men­ge­kaufte, über­be­zahlte Mann­schaft ist?
Ich beschäf­tige mich schon länger mit der Phi­lo­so­phie des Klubs, von daher weiß ich, dass der Pro­fi­kader so durch­kon­zep­tio­niert ist, dass immer Spieler im Auf­gebot sind, die Real selbst aus­ge­bildet hat. Und bei fast allen Klubs der spa­ni­schen Liga stehen Leute im Kader, die aus der Jugend von Real Madrid stammen.

Sie haben ein­fach ein Kon­zept an Real Madrid geschickt – und wurden ein­ge­stellt. Würde sich ein Dreh­buch­autor so etwas aus­denken, bekäme er sein Manu­skript zurück, weil es zu unglaub­würdig ist.
Ja, aber so war es. Das Kon­zept stand zuerst, dann habe ich euro­pa­weit bei Top­klubs in Ita­lien, Por­tugal und Spa­nien ange­rufen und nach einem Zustän­digen gefragt. Mit dem­je­nigen habe ich dann tele­fo­niert oder ihm einen Anriss meiner Idee geschickt. Das Sen­sa­tio­nelle: Ich bin von allen Klubs ein­ge­laden worden, um mit meinem Kon­zept vor­stellig zu werden – und alle Klubs hätten mich und mein Kon­zept auch genommen. 
 
Gehört dazu nicht eine große Por­tion Selbst­ver­trauen? Oder eher Grö­ßen­wahn?
Wohl beides. Es hat aber mona­te­lang, eher jah­re­lang gedauert, mein Kon­zept zu fina­li­sieren. Ich musste viel lesen und viel reisen, um mich mit der Trai­nings­me­thodik der ver­schie­denen Länder und Klubs ver­traut zu machen und davon dann das Beste raus­zu­ziehen. Vor allem: Ich habe viel ris­kiert und inves­tiert. Ich habe sowohl als Trainer beim Fünft­li­gisten Ost­stein­beker SV als auch meinen Job beim HSV gekün­digt, für den ich Feri­en­camps geleitet habe. Zudem habe ich mein Haus belastet, um die vielen Reisen zu finan­zieren – alles, ohne eine Zusage zu haben. Ich bin quasi ohne Netz und dop­pelten Boden abge­sprungen. Mein Banker sagte: Tolles Kon­zept. Aber Ihr Haus ist auch toll…“

Wie war das denn, als sie bei Real Madrid vor­ge­spro­chen haben?
Es ist natür­lich etwas ganz Beson­deres. Ein wenig selbst­be­wusster war ich dadurch, dass ich schon bei anderen Top-Adressen war und wusste, dass mein Kon­zept gut ankommt. Bei Real waren wir mit vier Leuten, u. a. einem Anwalt und einem Dol­met­scher, und wir sind gleich zu Gene­ral­di­rektor José Ángel Sán­chez vor­ge­lassen worden. Aller­dings begann die Begeg­nung mit einer etwas unan­ge­nehmen Situa­tion für mich: In Spa­nien ist es üblich, dass man zunächst die Visi­ten­karten aus­tauscht – und ich hatte keine dabei.

Wie konnten Sie Sán­chez über­zeugen?
Das Gespräch lief von der ersten Sekunde an gut. Sán­chez gilt als Visionär und hatte gleich seine eigenen Vor­stel­lungen von der Umset­zung eines sol­chen Kon­zepts. Viel­leicht war es ganz gut, dass ich inhalt­lich nicht zu allem Ja gesagt habe. Zum Schluss fragte mich Sán­chez, ob mir bewusst sei, dass Real Madrid ein beson­derer Klub sei. Ich sagte ihm mit einem Lächeln, dass ich gleich für die ganze Familie und Freunde im Fan­shop ein­kaufen werde.

Und in wel­cher Sprache kom­mu­ni­zierten Sie?
Ich kann zwar ein wenig Spa­nisch, aber das hätte nicht aus­ge­reicht. Wir unter­hielten uns auf Eng­lisch, und als ich in meiner Prä­sen­ta­tion Sätze sprach, in denen die Wörter Real“ und real“ vor­kamen, lockerte das unfrei­willig auf und brach ein wenig das Eis.

Aber eigent­lich ver­fügt doch schon jeder deut­sche Pro­fi­klub über Trai­nings­camps, zudem gibt es doch auch das DFB-Talent­för­der­pro­gramm der Stütz­punkte. Was ist denn nun das Beson­dere an Ihrem Kon­zept?
Die Camps der Bun­des­liga-Klubs sind weniger sozial und sport­lich ori­en­tiert. Die gehören alle den Mar­ke­ting-Abtei­lungen an, haben Schwer­punkte wie Fan­bin­dung und Mar­ken­bil­dung. Bei Real Madrid steht die Fund­a­ción dahinter, also die Stif­tung, ist des­halb nicht gewinn­ori­en­tiert. Über­schüsse gehen in soziale Pro­jekte.

Sie waren vier Jahre für den Ham­burger SV als Trainer im Bereich der Trai­nings­camps tätig. Was ist beim Real-Pro­jekt ent­schei­dend anders? 
Für unsere Camps ent­wi­ckelt bei­spiels­weise Ster­ne­koch Chris­tian Eck­hardt von der Villa Roth­schild die Ernäh­rungs­pro­gramme. Natür­lich wird es auch bei unserer Arbeit darum gehen, Talente zu sichten. Aber wir werden vor allem auch die Real-Madrid-Phi­lo­so­phie rüber­bringen, und dazu gehört es, dass die Guten die Schwä­cheren unter­stützen und för­dern. Ein wei­teres Credo lautet: Leis­tung durch Anstren­gung! Denn Talent reicht am Ende nicht aus, um sich bei Real durch­zu­setzen. Bei uns lernen die Kinder Respekt vor anderen zu haben, Leis­tung anzu­er­kennen bzw. gewinnen und ver­lieren zu können. Alle Kinder werden die Ver­an­stal­tungen mit einem Lächeln ver­lassen.

Und wie wird das im Detail funk­tio­nieren?
Wir arbeiten mit ca. 80 Partner-Ver­einen in Deutsch­land zusammen. Klubs, die in ihrer Region für gute Nach­wuchs­ar­beit bekannt sind. Einige nam­haf­tere Adressen sind dabei. Wir brau­chen die Kinder nicht anzu­spre­chen, bei dem Namen Real Madrid werden die Kids von alleine kommen. Von 4000 bis 9000 Kin­dern zwi­schen 8 und 13 Jahren werden 60 übrig­bleiben, die dann nach Frank­furt zur End­aus­schei­dung kommen. Dazu werden dann eigens Real-Mit­ar­beiter aus Spa­nien anreisen, die dann die vier bis zehn Besten aus­su­chen, die in Madrid in der Aka­demie vor­spielen, der Ciudad Depor­tiva.

Ihre Trai­nings­camps nennen sich Real-Madrid-Clinic“ – das klingt ein wenig so, als würde man sich dort um ver­letzte Spieler küm­mern.
Clinic heißt so viel wie Sprech­stunde oder Hos­pi­ta­tion. Und es wird vom Klub ein beson­derer Wert darauf gelegt, nicht von einem Campus zu spre­chen, der ein anderes Kon­zept ver­folgt.

Woher kommt denn das Inter­esse von Real Madrid am deut­schen Markt? Hängt das mit den zumeist guten Erfah­rungen zusammen, die der Klub zuletzt mit Spie­lern wie Mesut Özil oder Sami Khe­dira gemacht hat?
Naja, mir spielte es sicher in die Karten, dass Deutsch­land im Fuß­ball der­zeit ein Boom-Markt ist. Real wollte der erste inter­na­tio­nale Klub sein, der diesen Markt erobert, quasi den ersten Pflock in die deut­sche Land­karte rammt.

Inwie­weit hat sich denn Ihr Leben ver­än­dert, seit Sie Ange­stellter von Real Madrid sind?
Auf einmal hat man mehr Freunde“, und neu­lich gab es in einem Kölner Hotel gleich ein Upgrade, als die Ange­stellten von Real Madrid hörten. Es ist auch inter­es­sant zu beob­achten, wer sich alles gemeldet hat, um in das Pro­jekt mit­ein­zu­steigen. Natür­lich ist der Name des Klubs aller­orten ein Tür­öffner.

Dann können Sie sicher auch in Zukunft günstig Urlaub machen in Spa­nien.
Das konnte ich schon vorher. Denn meine Familie besitzt ein Haus in Spa­nien, in Crei­xell an der Costa Dorada. Dort ver­bringe ich seit meiner Kind­heit fast jedes Jahr meinen Urlaub. Das Pro­blem: Der Ort ist nur 60, 70 Kilo­meter von Bar­ce­lona ent­fernt, dort sind alle Barça-Fans. Und bei 1000 Ein­woh­nern wird sich schnell her­um­spre­chen, dass ich jetzt für Real Madrid arbeite. Meine Schwester muss jetzt die Bar­ce­lona-Fahne am Haus abnehmen! 

Gibt es denn auch Neider?
Als wir mit meinem Ober­liga-Team Ost­stein­beker SV neu­lich bei Altona 93 mit 0:7 ver­loren, sangen die Altona-Fans: Eine Abwehr aus Granit / wie einst Real Madrid“. Aber eigent­lich habe ich fast nur posi­tive Erfah­rungen gemacht, die Leute haben sich gefreut für mich. Es ist schon so eine kleine Aschen­puttel-Geschichte, und viel­leicht ist das ja auch weg­wei­send für andere, sich Ziele zu ste­cken oder Ideen in die Tat umzu­setzen.