Seite 5: Von Visionen und kleinen Hoffnungen

Es heißt, Insu­laner seien eigen, wun­dersam. Nah ist nur Innres; alles andre fern“, schrieb Rainer Maria Rilke in seinem Gedicht Die Insel“. Vor­letztes Jahr machten sich der dama­lige Gun­ners-Spieler Tim Gar­ratt mit seinen drei Freunden Wayne Davey, Chris Jenkins und Joby Newton auf den Weg nach New York. Sie wollten den Atlantik im Ruder­boot über­queren, einen Rekord bre­chen, der 1896 auf­ge­stellt wurde. Dafür mussten sie 3100 See­meilen in weniger als 55 Tagen zurück­legen. Sie ken­terten 650 Meilen vor der US-Küste und kämpften meh­rere Stunden im eis­kalten Wasser ums Über­leben. Ein Öltanker las sie auf. Als sie in St. Mary‘s ankamen, standen die Insel­be­wohner am Hafen, viele hatten Freu­den­tränen in den Augen; sie schlossen ihre ver­lo­renen Söhne in ihre Arme.

Viele Jugend­liche kehren nicht zurück. Für Schul­ab­schlüsse und Uni­ver­si­täten gehen sie aufs Fest­land. Wenn sie ihre Magister und Diplome gemacht haben, vier Fremd­spra­chen beherr­schen, wissen, wie große Firmen funk­tio­nieren, phi­lo­so­phi­sche Abhand­lugen schreiben können oder sogar Anschluss an pro­fes­sio­nel­lere Fuß­ball­ligen gefunden haben, erscheinen die Scil­lies mit einem Mal so klein, wie sie wirk­lich sind.

Die meisten Bewohner der Inseln arbeiten im Tou­rismus, der über 90 Pro­zent des Haus­halts aus­macht. Ab März kommen etliche Sai­son­ar­beiter vom Fest­land, die, sobald Ende Oktober die letzten Tou­risten ver­schwunden sind, in ihre Städte, nach Ply­mouth oder Fal­mouth, zurück­kehren. Die, die bleiben, arbeiten als Maler oder Blu­men­pflü­cker. Im Winter setzen schließ­lich Rat­ten­fänger von Corn­wall aus über, um die Insel von den Schäd­lingen zu befreien, die sich im milden Klima rasant ver­mehren.

Der gefühl­volle Pike

Ein anderes Pro­blem sind die hohen Lebens­hal­tungs­kosten und Mieten auf den Scil­lies. Die gefragten Woh­nungen sind lange schon von Aus­wär­tigen gekauft und in Feri­en­ap­part­ments umge­staltet worden – sie stehen von Oktober bis April leer. Die Insel­ver­wal­tung ver­sucht zwar, dem ent­ge­gen­zu­steuern, aller­dings nur halb­herzig. Einige Scil­lo­nians behaupten, die Locals seien über die Jahre auf dem Woh­nungs­markt benach­tei­ligt worden.

Die Liga leidet unter den Folgen der dau­er­haften Fluk­tua­tion und läuft ständig Gefahr, bald keine Spieler mehr zu haben. Dass es in den letzten Jahren immer zwei Teams gab, lag vor­nehm­lich daran, dass die Liga kein Alter und keine Bäuche kennt. Jeder, der moti­viert ist, bekommt eine Chance: der 68-jäh­rige Charles Wood ebenso wie der gut genährte Mark Twynham mit 42 Lenzen oder das 16-jäh­rige Flie­gen­ge­wicht Jack Stone. Zwei Mann­schaften, die aus­schließ­lich aus Män­nern im besten Fuß­bal­ler­alter bestehen, wird es hier nie geben – doch letzt­lich, so betonen sie, ist das auch nicht das Ziel.

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Charles Wood kam 1999 nach St.Mary’s. Er arbeitet als Assi­stant Manager des Atlantic Inn und ist Chair­mann der Scilly Foot­ball League.

Jacopo Ben­assi
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Lewis Brown, Schüler

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Jack Stone, Schüler

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Jason Smith, Schweißer

Jacopo Ben­assi
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Hicks ist nah dran an den Jugend­li­chen, die vor der großen Ent­schei­dung ihres Lebens stehen: Insel- oder Stadt­leben. Er küm­mert sich um die Jugend­mann­schaften. Andy Hicks hat etwa Kevin Pike spielen sehen, der auf die Insel kam, als er 15 war. Später spielte Pike in der Reser­ve­mann­schaft des Zweit­li­gisten Preston North End FC. Noch heute schwärmt er von ihm: Nie zuvor und nie wieder danach konnte auf St. Mary‘s jemand so gefühl­voll mit dem Ball umgehen.“

Pike ist aller­dings eine von wenigen Aus­nahmen, die nach ihrer Zeit bei den Gun­ners oder den Wan­de­rers einen sol­chen Sprung gemacht haben. Die Ursache ist auch hier der Mangel an Spie­lern. So finden sich in guten Zeiten gerade mal 16 Junioren, die dann acht gegen acht auf einem halben Feld spielen können. Wenn es soweit ist, dass die Jungs aufs Fest­land gehen, also mit 16 oder 17, wenn sie bereit sind, sich für grö­ßere Teams zu emp­fehlen, ist für sie der Zug längst abge­fahren. Gegen Spieler, die schon mit sieben Jahren in Fuß­ball­aka­de­mien ein­treten, die seit jeher wissen, wie sie sich auf einem großen Feld bewegen müssen, haben die Jungs von den Scilly Islands keine Chance.

Ich über­lege häufig, die Insel wieder zu ver­lassen“

Aber Hicks hat Visionen, kleine Hoff­nungen, dass es in den nächsten Jahren besser wird. Seit einiger Zeit findet ein regel­mä­ßiger Aus­tausch mit Trai­nern vom eng­li­schen Zweit­li­gisten Ply­mouth Argile statt. Momentan hat es Hicks und den Argile-Trai­nern ein Mäd­chen angetan. Die 15-jäh­rige Beth Thomas zählt er heute in ihrer Alters­klasse zu den besten drei Kickern der Scil­lies. Da sie jah­re­lang nur mit älteren Jungs trai­nierte, lernte sie eine Aggres­si­vität und Härte kennen, die vielen ihrer heu­tigen Mit­spie­le­rinnen fremd sind. Beth Thomas steht momentan bei einem Team in Corn­wall unter Ver­trag, so dass sie nahezu jedes Wochen­ende aufs Fest­land fliegen muss. In den Pubs erzählt man sich, dass sie bei Scouts von Arsenal auf dem Zettel steht. Sicher sind sie alle: Beth Thomas wird über kurz oder lang auf dem Fest­land bleiben.

So sehr ich es hier liebe: Auch ich über­lege häufig, die Insel wieder zu ver­lassen“, sagt Andy Hicks. Ihn treibt aber nicht der Fuß­ball an oder die Sehn­sucht nach der großen Stadt, er ver­misst hier kein Kino oder den wöchent­li­chen Sta­di­on­be­such, Dinge, die für Stadt­be­wohner all­täg­lich sind. Ihm fehlt seine drei­jäh­rige Tochter Lauren, die mit ihrer Mutter in Corn­wall lebt.

Als er sie ken­nen­lernte, arbei­tete sie für die Heli­ko­pter-Gesell­schaft, und Andy Hicks hoffte, dass sie auf den Scil­lies bleiben würde. Ich hoffte, dass sie es lieben würde wie ich, doch sie tat es nicht. Sie ging zurück aufs Fest­land.“ Seitdem hin­ter­fragt Hicks fast täg­lich seinen Lebens­ent­wurf, home is nun mal where your heart is, doch wo ist es denn, fragt Hicks sich: Soll er aufs Fest­land ziehen, um bei seiner Familie zu sein? Oder soll er auf St. Mary‘s bleiben, wo der Fuß­ball und seine Arbeit sind, wo seine Eltern und seine Freunde leben? Viel­leicht kehren beide eines Tages zurück.“

Aber er weiß auch, dass die Scil­lies, 45 Kilo­meter vor der Küste Eng­lands und doch am Ende der Welt, für viele Men­schen rät­sel­haft bleiben. Für viele„ sagt Hicks. sind die Inseln, das Leben an der Bran­dung und in den Novem­ber­stürmen unver­stehbar. Für viele sind die Scil­lies nichts weiter als: Pubs, Fischen – und Fuß­ball.“