Seite 2: Was Israel im Weltfußball erreichen will

Um sich auch künftig voll in die neue Auf­gabe knien zu können, wird Herzog ein Appar­te­ment in Tel Aviv beziehen. Seine Ope­ra­ti­ons­basis heißt Israel, auch wenn zwei seiner Schütz­linge, Munas Dabbur von RB Salz­burg und Alon Tur­geman von Aus­tria Wien, ihr Geld in Her­zogs Heimat Öster­reich ver­dienen. Dabbur ist ein paläs­ti­nen­sisch-stäm­miger, mus­li­mi­scher Israeli, den viele natio­na­lis­ti­sche Kräfte nicht gern im Natio­nal­team sehen. Tur­geman ist Jude. Der Fuß­ball in Israel ist somit ein Abbild der inner­lich zer­ris­senen Gesell­schaft: Alles ist irgendwie poli­tisch, reli­giös, kom­pli­ziert, umstritten und ange­spannt. Seit Monaten gibt es ständig Schar­mützel zwi­schen Paläs­ti­nen­sern und Israelis. Zusam­men­stöße an den Grenz­zäunen zum Gaza­streifen, Rake­ten­be­schuss durch Paläs­ti­nenser, israe­li­sche Gegen­an­griffe, Atten­tate, Über­griffe, Ver­letzte, Tote.

Vor­wurf der Vet­tern­wirt­schaft

Bei Her­zogs erster Israel-Visite im Jahr 2001 war die Situa­tion noch ver­schärfter. Im Jahr zuvor war die zweite Inti­fada“ (Ara­bisch für: sich erheben) ent­flammt – die Fort­set­zung des flä­chen­de­ckenden Stra­ßen­kampfes der Paläs­ti­nenser gegen Israel, der 1987 erst­mals aus­ge­bro­chen war. Das WM-Quali-Spiel zwi­schen Israelis und Öster­rei­chern musste zudem nach einem Flug­zeug­ab­sturz über dem Schwarzen Meer, bei dem 40 Israelis ums Leben gekommen waren, ver­schoben werden. Weil man zunächst einen Anschlag hinter dem Unglück ver­mu­tete, ver­wei­gerten zahl­reiche öster­rei­chi­sche Natio­nal­spieler die Anreise, was die Gast­geber wie­derum als Affront auf­fassten. Als nach Her­zogs Frei­stoß-Tor auch noch Israels WM-Traum zer­platzt war, brach im Sta­dion das Chaos aus. ORF-Reporter Hans Huber wurde von auf­ge­brachten Heim­fans mit Gegen­ständen beworfen und musste das Ganze auch noch live kom­men­tieren.

Israels Ex-Inter­na­tio­naler Eyal Ber­kovic erin­nerte in den ver­gan­genen Tagen immer wieder an 2001 und an das bit­tere Aus­scheiden seiner Mann­schaft. Ber­kovic‘ Aus­sagen waren wohl nicht ganz unei­gen­nützig, denn der 46-Jäh­rige wäre selbst gern Natio­nal­coach geworden und wit­terte Vet­tern­wirt­schaft beim Ver­band, dessen Sport­di­rektor (Willi Rut­ten­steiner) eben­falls Öster­rei­cher ist. Rut­ten­steiner gilt nicht zu Unrecht als ent­schei­dender Für­spre­cher von Herzog, dessen Erfah­rung als Chef­coach sich auf zwei Jahre als öster­rei­chi­scher U21-Trainer und zwei wei­tere Jahre als Ver­ant­wort­li­cher der US-Olympia-Aus­wahl beschränkt. Auch das wird dem ehe­ma­ligen Bun­des­liga-Star von israe­li­schen Medien gern vor­ge­halten.

End­lich wieder End­runde

Rechnet man die his­to­risch schwer bela­denen Bezie­hungen zwi­schen Israel und Öster­reich hinzu, könnte man meinen: Es gab schon bes­sere Arbeits­vor­aus­set­zungen für einen Natio­nal­trainer. Ande­rer­seits ist im gesamten Welt-Fuß­ball kaum eine span­nen­dere Auf­gabe zu finden als jene in Israel. Daher mag es kaum ver­wun­dern, wenn Andreas Herzog sagt: Das ist meine ulti­ma­tive, meine aller­größte Her­aus­for­de­rung. Ich will unbe­dingt mit Israel zu einer End­runde.“ Für den kleinen Nahost-Staat wäre es die zweite nach der Welt­meis­ter­schaft 1970 in Mexiko, wo man in der Vor­runde aus­schied.

Für Herzog selbst wäre eine neu­er­liche EM- oder WM-Teil­nahme Israels ein Erfolg auf ganzer Linie – sport­lich, per­sön­lich und his­to­risch. Über 2001 würde anschlie­ßend wohl nie­mand mehr reden. Zumal Her­zogs spätes Frei­stoß-Tor auch den Öster­rei­chern letzt­lich nichts ein­brachte: In der WM-Rele­ga­tion gegen die Türkei gerieten sie mit 0:1 und 0:5 unter die Räder.