Mat­thew Bar­rett, worum geht es bei Goal Click genau?
Goal Click ist ein glo­bales Pro­jekt über Geschichten rund um den Fuß­ball. Wir suchen Men­schen aus der ganzen Welt und lassen sie von ihrem Leben und ihren Mann­schaften berichten. Das Pro­jekt gibt den Teil­neh­mern dabei die Frei­heit, selber über ihre Erleb­nisse zu erzählen, anstatt es einem Außen­ste­henden zu über­lassen. Dabei ist es egal, ob hinter der Kamera ein pro­fes­sio­neller Fuß­baller oder ein Geflüch­teter steht. Uns ist ein­fach wichtig, dass wir die Welt anderer Men­schen durch ihre Augen sehen. Des­wegen ver­schi­cken wir Ein­weg­ka­meras an Leute, die mit­ma­chen wollen. Die Kamera ist aber nur der erste Schritt, um ihre Geschichte zu erzählen. Neben den Bil­dern ver­fassen die Teil­nehmer auch eigene Texte. Es gibt somit meh­rere Ele­mente bei Goal Click. Wir orga­ni­sieren außerdem noch Aus­stel­lungen, um unsere gesam­melten Geschichten in einem anderen Rahmen zeigen zu können.

Wie kam die Idee zustande?
Ein Freund und ich arbei­teten vor sieben Jahren noch bei einer Sport­mar­ke­ting-Agentur. Er kam damals auf die Idee, ana­loge Ein­weg­ka­meras an Fuß­ball­fans zu schi­cken, um ihre Reisen wäh­rend der Welt­meis­ter­schaft 2014 zu doku­men­tieren. Ich war begeis­tert von der Idee. Aber sie kam nie zustande, weil wir anstatt dessen Goal Click grün­deten und unser Pro­jekt star­teten. Es gab uns die Mög­lich­keit, im gewissen Sinne selber um die Welt zu reisen und ver­schie­dene Kul­turen und Gesell­schaften aus einer inneren Per­spek­tive zu sehen.

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Im Nebel: Tor­wart beim Bel­grader Derby.

David Vujanic

Was waren dann die ersten Bilder und Geschichten, die Sie zurück­be­kommen haben?
Unsere erste Geschichte kam vom Fuß­ball­ver­band der Ampu­tierten aus Sierra Leone. Für mich bleiben die Fotos eigent­lich bis heute mit die Besten, die wir je zurück­be­kommen haben. Der Pastor und gleich­zeitig auch Trainer Abraham Ban­gura, der selber einige Finger auf­grund einer explo­die­renden Hand­gra­nate im Bür­ger­krieg ver­loren hat, ließ uns durch die Bilder sehr tief mit in seine Mann­schaft ein­tau­chen. In dem Moment, in dem wir die Fotos gesehen und seine Geschichte gehört haben, wussten wir: Das bietet mehr, als wir selber gedacht hatten. Aus unserer zunächst banalen Idee: Lass uns ein spa­ßiges Foto­pro­jekt zusammen machen!“ ent­stand etwas viel Tief­sin­ni­geres. Dieses Erlebnis machte uns letzt­end­lich erst zu der Orga­ni­sa­tion, die wir jetzt sind.

Haben Sie wei­tere Lieb­lings­bilder?
Ich habe ver­schie­dene Lieb­lings­fotos aus ver­schie­denen Gründen. Die Bilder aus Sierra Leone werden emo­tional betrachtet natür­lich immer unsere Lieb­lings­bilder bleiben, weil es die ersten Fotos von Goal Click waren. Aus rein ästhe­ti­scher Sicht fand ich aber auch die Auf­nahmen von David Vujanic toll. Er hat das Derby zwi­schen Roter Stern und Par­tisan Bel­grad in Ser­bien foto­gra­fiert. Das Bild des vom Nebel umhüllten Tor­warts sticht für mich beson­ders hervor. Also auch im Ver­gleich mit allen anderen exis­tie­renden Fuß­ball­fotos.
Ein Bild, was Sam Mewis von der Frau­en­na­tio­nal­mann­schaft der USA auf­ge­nommen hat, zeigt ihre Kol­le­ginnen Alex Morgan und Rose Lavelle im Eisbad wäh­rend des Trai­nings­la­gers vor der Welt­meis­ter­schaft. Ein tolles Foto, weil es pro­fes­sio­nelle Super­stars in einem ganz natür­li­chen, unge­schützten Moment zeigt. Das ist meiner Mei­nung nach auch die die Beson­der­heit an Goal Click. Wir bekommen Aus­schnitte zu sehen, die kein pro­fes­sio­neller Foto­graf und auch keine Han­dy­ka­mera hätte ein­fangen können.
Erwäh­nens­werte Bil­der­se­rien sind auch die aus Paki­stan und Nepal über den Frau­en­fuß­ball dort. Der Hima­laja und die umlie­gende Land­schaft erschaffen ein wirk­lich unglaub­li­ches Set­ting. Aber die Bilder sind auch des­wegen so wichtig, weil sie junge Frauen beim Fuß­ball­spielen zeigen und ver­deut­li­chen, dass auch immer mehr Frauen die Chance haben sollten, Fuß­ball zu spielen.

Sam Mewis USA4

Auch Profis machen bei Goal Click mit.

Sam Mewis

Was unter­scheidet denn ein schönes von einem nicht so schönen Foto?
Ein gutes Foto macht meiner Mei­nung nach aus, dass es nur von jemandem geschossen werden kann, der aus dem inneren Kreis der Gemein­schaft oder des Teams kommt. In den heu­tigen Zeiten ist es viel schwie­riger geworden, nah an die Men­schen her­an­zu­kommen. In den Fotos, die für uns her­aus­ste­chen, fühlen sich die abge­bil­deten Per­sonen sicher, weil jemand hinter der Kamera steht, dem sie ver­trauen. Das gewährt meist sehr intime Ein­blicke. Natür­lich ist die rein ästhe­ti­sche Per­spek­tive und der Kon­text eben­falls wichtig für ein gutes Foto. Kon­text ist alles und die besten Bilder gehen weit über die eigent­liche Auf­nahme hinaus. In Paki­stan war es zum Bei­spiel die Gebirgs­land­schaft im Hin­ter­grund. Diese unglaub­li­chen Berge haben den Kon­text des Fotos sofort von selbst erklärt. Genauso wie bei Ablich­tungen von Fans: Flaggen, Lichter, Lei­den­schaft – das alles erschafft Kon­text. Wenn wir sofort ver­stehen, was sich zu der Zeit auf dem Bild abspielt, dann hat der Foto­graf alles richtig gemacht.

Nepal Huracan19

Auf den Dächern der Welt in Nepal.

Mingma Ten­zing K.C.

Ana­log­fo­to­grafie macht dabei ja einen erheb­li­chen Mehr­auf­wand aus. Warum haben Sie sich trotzdem dafür ent­schieden?
Wir benutzen Ana­log­ka­meras aus drei Gründen. Der erste davon ist die Chan­cen­gleich­heit. Egal ob ein Geflüch­teter aus Jor­da­nien oder ein pro­fes­sio­neller Fuß­baller aus Groß­bri­tan­nien eine Ein­weg­ka­mera benutzt: das Werk­zeug bleibt immer das selbe und erlaubt es somit jedem, sich auf die Geschichte hinter den Bil­dern zu fokus­sieren. Der zweite Grund ist wahr­schein­lich der Wich­tigste: man hat nur eine begrenzte Anzahl an Auf­nahmen. 27 Fotos passen auf eine Bild­rolle. Dadurch ist man gezwungen, auf­merk­samer zu sein, was man wann ablichten möchte. Klar, wir lieben unsere Smart­phones, mit denen wir überall tau­sende Fotos von jeder Gele­gen­heit machen können, aber die meisten dieser Bilder schauen wir uns nie wieder an. Der Moment zählt nicht mehr so viel.

Und der dritte Grund?
Ana­loge Fotos sehen ein­fach toll aus. (Lacht.) Jedes Bild ist ein Unikat und auf eine gewisse Art auch feh­ler­haft, aber genau das mögen wir. Außerdem haben wir mit­be­kommen, dass auch unsere Teil­nehmer ana­loge Kameras lieben. Wir hatten der Frau­en­mann­schaft der USA ursprüng­lich nur eine Kamera zuge­sendet, an eben erwähnte Sam Mewis. Doch dann wollten auch Kol­le­ginnen von ihr eine haben. Die Men­schen lieben dieses nost­al­gi­sche Gefühl und haben in den meisten Fällen noch nie selber so ein Gerät in der Hand gehalten.

Woher kommen die Kameras? Und wie finan­ziert sich das Pro­jekt?
Wir kaufen sie bei einer Reihe von Groß­händ­lern ein und ver­wenden dabei jede Art von Ein­weg­ka­mera. Goal Click besteht aus zwei Teilen: zum einen aus den global lau­fenden Pro­jekten, die ich schon ange­spro­chen habe. Wir suchen Men­schen und Orga­ni­sa­tionen aus, mit denen wir zusammen arbeiten wollen und senden ihnen dann Kameras zu. Zum anderen erstellen wir aber auch grö­ßere Bil­der­se­rien, in denen meh­rere Autoren ihre Geschichten zu einem gemein­samen Thema erzählen. Die Serien können über eine Stadt wie London, ein Land wie Katar, oder aber auch ein Tur­nier wie die Women’s Cham­pions League sein. Wir gehen dafür Part­ner­schaften mit Orga­ni­sa­tionen ein, egal ob es Marken, Klubs oder Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tionen sind. Diese Koope­ra­tionen werden finan­ziert und somit nährt eine Seite die andere.

Auf was für Schwie­rig­keiten trifft man wäh­rend so eines Pro­zesses?
Wir mussten schon mit allen nur erdenk­li­chen Pro­blemen kämpfen. Die Logistik ist nur eines davon. Kameras um die gesamte Welt zu ver­schi­cken, kann manchmal sehr schwierig sein. Manche Länder sind ver­läss­li­cher als andere. Wir haben zwar eine solide Zustell­quote, trotzdem gehen immer mal wieder Kameras ver­loren. Mal auf dem Postweg, mal durch die Per­sonen selber. Uns darf die Geduld nie ver­loren gehen, denn oft brau­chen unsere Autoren sechs, neun oder sogar zwölf Monate, um uns die Bilder wieder zurück­zu­schi­cken. Eine Geschichte aus Nord­korea hat sogar vier Jahre gedauert. Diese lang­same Pro­duk­ti­ons­zeit macht Goal Click zwar aus, aber wenn ich einen Zau­ber­stab hätte, mit dem ich eine Kamera auf magi­sche Art und Weise in die Anden oder in ein Flücht­lings­lager trans­por­tieren könnte, dann würde ich das auf jeden Fall machen. Man darf bei dem Ganzen auch nicht ver­gessen, dass wir mit Men­schen zusam­men­ar­beiten und Men­schen manchmal eben unvor­her­sehbar sind. Aber auch das wollen wir. Echte Geschichten von echten Men­schen.

Wie kann man selber Teil dieses Pro­jektes werden?
Jeder kann uns über unsere Web­site oder unsere Social-Media Kanäle anschreiben. Erzähl uns ein­fach von Deiner Geschichte und warum Du eine beson­dere Sicht auf die Welt hast. Dann gucken wir, ob es für uns passt. Meis­tens tut es das, weil jeder Mensch eine span­nende Geschichte zu erzählen hat. Wir haben bereits einige Bewer­bungen aus Deutsch­land erhalten, aber viel­leicht noch nicht genug.

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Vier Jahre War­te­zeit für Bilder aus Nord­korea.

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Wie würden Sie das Ziel von Goal Click beschreiben?
Es geht uns im End­ef­fekt darum, neue Per­spek­tiven über andere Länder, Kul­turen und Gesell­schaften auf­zu­zeigen. Das steht ein biss­chen im Kon­trast zum oft beschrie­benen Nar­rativ: Fuß­ball ver­bindet die ganze Welt.“ Lokal betrachtet kann Fuß­ball ver­schie­dene Men­schen zusam­men­bringen. Aber es ist für mich eine sehr pro­ble­ma­ti­sche Sicht­weise, wenn man denkt, dass der Fuß­ball alleine alle großen Pro­bleme lösen könne. Es ist diese große Sepp-Blatter-Vision: Gib den Men­schen einen Fuß­ball und alles wird gut. Aber so ist es nicht.

Wie dann?
Es geht darum, kleine Ver­än­de­rungen auf lokaler Ebene vor­an­zu­bringen. Das kann dann Stück für Stück zu grö­ßeren Aktionen führen. Erst in den letzten zehn Jahren hat man rea­li­siert, dass der Fuß­ball wirk­lich Ver­än­de­rungen schaffen kann. Aber es geht dann nicht um abs­trakte Dinge, son­dern darum, wie man im Kleinen den Fuß­ball wirk­lich ver­än­dern könnte. Da zähle ich auch unser Pro­jekt dazu, denn es zeigt Unter­schiede in ver­schie­denen Län­dern und Regionen auf und bringt uns somit Kul­turen näher, an denen wir sonst gar nicht so sehr inter­es­siert wären. Mit unseren Bilder decken wir dabei die gesamte Band­breite an Themen ab: Gleich­be­rech­ti­gung der Geschlechter, Flücht­lings­the­ma­tiken, Bil­dung und Ent­wick­lungen in unter­schied­li­chen Län­dern. Ich denke nicht, dass diese Themen den Men­schen egal sind – sie haben bei ihnen ein­fach keine Prio­rität. Wenn man ihnen dann aber diese Themen durch den Fuß­ball ver­mit­telt, inter­es­sieren sie sich unter­be­wusst auch für die hin­ter­grün­dige Pro­ble­matik. Im End­ef­fekt geht es darum, das Bewusst­sein der Men­schen für Dinge zu schärfen, die um sie herum in der Welt pas­sieren. Der Fuß­ball soll nur das Fenster dafür sein.

Die Geschichten zu den Bil­dern findet ihr auf: www​.goal​-click​.com.
Eine Aus­wahl der Bilder von Goal Click ist auch in unserem Kunst­schuss in 11FREUNDE #238 zu sehen. Das Heft ist hier bei uns im Shop erhält­lich.