Remo Cen­namo ist Fan des 1.FC Köln seit über dreißig Jahren. Trotzdem unter­stützt er auch den FC St.Pauli. Vor allem, weil er dort in seiner Jugend, als das Wort Fan­freund­schaften noch ganz neu war, Freunde ken­nen­ge­lernt hat. Seinen Töch­tern hat er später Schals des Ham­burger Kult­ver­eins geschenkt. Mit seinem Kölner Fan­klub Ultima Ratio“ ist Remo Cen­namo als Vor­sit­zender auch heute noch mit der Familie bei Aus­wärts­spielen am Mil­l­erntor ver­treten. Wir haben mit dem FC-Fan über echte Fan­freund­schaften gespro­chen.

Remo Cen­namo, wie groß ist die Vor­freude vor Spielen gegen den FC St. Pauli?
Gegen St.Pauli zu spielen, ist natür­lich toll. Die St. Pauli-Fans ver­mit­teln ein beson­deres Lebens­ge­fühl. Ich ver­binde mit dem Verein und seinen Fans schöne Erin­ne­rungen. Abende in der Hafen­straße, Dis­kus­sionen nach dem Spiel. Wahr­schein­lich spielt da auch so ein biss­chen roman­ti­sche Ver­klä­rung eine Rolle. Unter den St.Pauli-Fans habe ich viele Leute ken­nen­ge­lernt, die den Fuß­ball so sehen wie ich. Leider ist das im Laufe der Zeit immer weniger geworden.

Das hört sich tat­säch­lich etwas melan­cho­lisch an. Was hat sich seitdem ver­än­dert?
Vielen St.Pauli-Fans ist es heut­zu­tage relativ egal, mit wem sie es zu tun haben. Sie inter­es­sieren sich für den Fuß­ball, für den FC St.Pauli und sind auch einem gepflegten Bier mit Leuten, die sie sym­pa­thisch finden, nicht abge­neigt. Auch mit uns trinken sie. Aber eben nicht, weil wir Köln-Fans sind, son­dern weil es eben dazu gehört.

Wie kommt das bei euch als FC-Fans an?

Die Kölner Szene ist aktuell sehr zwei­ge­teilt. Da gibt es die ältere Genera­tion, die eine echte Fan­freund­schaft zum FC St. Pauli wei­terhin pflegen will. Diese Leute suchen auch wirk­lich die Nähe zu bestimmten St.Pauli-Fans. Genauso gibt es aber auch Fans, die St. Pauli über­haupt nicht aus­stehen können, dem Klub Kom­merz vor­werfen und den Kon­takt meiden. Häufig gehen diese Fans demons­trativ wortlos nach dem Spiel anein­ander vorbei. Das hätte es bei uns nicht gegeben.

Das klingt wie ein Auf­ein­an­der­treffen ver­schie­dener Genera­tionen und Ansichten.
Auch unter den Fuß­ball­fans ist eine ganz neue Genera­tion her­an­ge­wachsen. Die junge Ultra­szene auf beiden Seiten hält von dieser Fan­freund­schaft eigent­lich gar nichts. Beim FC St. Pauli sind die Ultras höchs­tens an inter­na­tio­nalen Fan­freund­schaften, bei­spiels­weise mit Celtic Glasgow, inter­es­siert. Mit anderen Bun­des­li­ga­klubs, auch mit uns, gehen sie eher auf ver­bale Kon­fron­ta­tion. Und auch die Wilde Horde“ beim FC und die USP von St.Pauli können nicht viel mit­ein­ander anfangen.

Wieso ver­sucht die alte Genera­tion nicht, alte Freund­schaften wieder auf­leben zu lassen?
Viele von uns sind aus den neuen Fan­szenen raus­ge­wa­schen worden. Zudem haben einige Familie und Kinder und können sich häufig gar nicht mehr so aktiv betei­ligen. Bei Aus­wärts­spielen bucht man dann schon eher mal ein Hotel, in dem man mit der Familie bleibt. Unser Fan­pro­jekt bietet zwar auch ver­län­gerte Auf­ent­halte an, damit man zusammen mit St. Pauli-Fans abends noch auf die Ree­per­bahn gehen kann. Früher wurden solche Treffen aber stark von beiden Seiten vor­an­ge­trieben und nicht nur als orga­ni­sierter Trip ange­boten. Das hat auch damit zu tun, dass Fei­er­touren nach Ham­burg inzwi­schen pro­fes­sio­nell ver­marktet werden. Für mich ist dieser Drang, in der Gruppe in einer Kneipe mit anderen Fans nach dem Spiel abzu­hängen, ist nicht mehr so stark. Bei uns gab es noch Kon­takte, die über das Spiel hinaus Bestand hatten.

Also eine wirk­liche Freund­schaft?
Klar. Ich wollte und konnte mich tat­säch­lich mit anderen Fans unter­halten, auch über andere Dinge als Fuß­ball.

In den sieb­ziger Jahren war das Wort Fan­freund­schaft“ auch noch nicht so prä­sent. Was macht denn heut­zu­tage eine echte Fan­freund­schaft aus?

Auf jeden Fall ist eine echte Fan­freund­schaft eine orga­ni­sierte Sache und nicht nur das Bier nach dem Spiel. Der Kon­takt muss auch gepflegt werden und man bietet gegen­seitig Ver­an­stal­tungen an, zu denen man ein­lädt. Gemein­same Freund­schafts­schals, eine enge Zusam­men­ar­beit der größten Fan­klubs, regel­mä­ßige Treffen. Auch das ist nicht mehr so stark gegeben wie früher.



Worauf hat die enge Ver­bin­dung der beiden Ver­eine in den sieb­ziger Jahren basiert?
Früher war der FC St. Pauli eigent­lich ein ziem­lich lahmer Verein. Zum Kult­verein ist der Klub erst später geworden. Sicher­lich hat die Legende von der Kölner Meis­ter­schaft 1978 eine große Rolle gespielt, als die St.Pauli-Fans den FC trotz der 0:5‑Niederlage als Meister gefeiert haben. Angeb­lich haben die St.Pauli-Fans ein Gefühl dafür gehabt, dass das Spiel der Glad­ba­cher gegen Dort­mund (Glad­bach siegte 12:0 und wäre damit bei einem knappen Kölner Sieg Meister geworden, Anm.) abge­spro­chen sein könnte.

Dafür müssen die Kölner die St.Pauli-Fans geliebt haben.
Die Stim­mung war natür­lich toll. Wir Kölner Fans haben uns auf der Tri­büne zuerst einmal ver­wun­dert ange­schaut und uns gedacht: Moment mal, wir sind doch die FC-Fans.“ Das hat sich bei der gemein­samen Feierei dann aber schnell gelegt.

Kannst Du kon­kret sagen, wieso das Inter­esse von Seiten des FC St.Pauli später so abge­nommen hat?
In den sieb­ziger und acht­ziger Jahren gab es zu meiner Zeit viele St.Pauli-Fans, die auch in Köln gelebt und stu­diert haben. Die haben solche Aktionen hier vor Ort ange­trieben und auch in Ham­burg pro­pa­giert. Diese Kon­takte gibt es heute nicht mehr. Viele Fans tau­schen sich nur sehr ober­fläch­lich aus. Wenn man in den Fan­foren stö­bert, sieht man, dass die echten Unter­stützer der Fan­freund­schaft schnell iso­liert werden und höchs­tens noch ihre pri­vaten Kon­takte pflegen.

Hast Du resi­gniert?
St. Pauli ist nach wie vor ein High­light für uns. Beson­ders die Aus­wärts­spiele zählen für uns immer noch zu den wich­tigsten der Saison. Wir sehen das auch bei der Nach­frage an den Karten, dass Spiele auf St.Pauli für uns Kölner immer noch etwas Beson­deres sind. Der Ruf eilt dem Verein voraus. Aller­dings gilt es eben nicht mehr, die Fan­freund­schaft zu pflegen. Die Leute ver­spre­chen sich eher viel Spaß und eine beson­dere Atmo­sphäre am Mil­l­erntor. Das müssen wir so akzep­tieren.