232 Gi F 3

Dieser Brief erschien erst­mals im Februar 2021 in 11FREUNDE #232. Darin hul­digen auch wei­tere Stürmer ihren frü­heren Part­nern im Angriff. Alle Briefe lest ihr hier. Das Heft ist hier bei uns im Shop erhält­lich.

An meinen lieben Uwe!

Erst kürz­lich hast du zu mir gesagt: Das wusste ich ja gar nicht, dass du auch so viele Tore geschossen hast!“ Ja, da kannst du mal sehen: Was du kannst, kann ich schon lange! Wenn du mal nicht getroffen hast, war ich zur Stelle. Aber du hast schon recht: Meis­tens war es ja wirk­lich so, dass ich dir als Links­außen mit meinen Flanken die Tore auf­ge­legt habe. Und das habe ich gerne gemacht. Oder wie ich es mal an anderer Stelle zum Scherz for­mu­liert habe: Ich kann voller Stolz sagen, dass ich dir so viele Jahre lang gegen den Kopf schießen durfte. Du kannst froh sein, dass du davon keinen Dach­schaden bekommen hast! Spaß bei­seite, ich war sehr stolz darauf, dass ich dir Schüt­zen­hilfe leisten durfte, schließ­lich warst du immer mein großes Idol. Ich habe dich ver­ehrt!

Als ich damals als kleiner Buttje von 18 Jahren von Polizei Ham­burg zum HSV kam, warst du bereits eine große Nummer. Aber das hast du dir nie anmerken lassen. Wir haben uns sehr schnell mit­ein­ander arran­giert. Auch wenn wir uns manchmal geneckt haben. Weißt du noch? Pass auf, du“, habe ich gesagt, wenn du so wei­ter­machst, flanke ich zwei, drei Zen­ti­meter höher, dann renkst du dir den Kopf aus.“ Oder als wir ein Jahr vor der WM mit der Natio­nal­mann­schaft ein Freund­schafts­spiel in Chile hatten: Da schlug ich eine ganz wun­der­bare Flanke auf deinen Kopf, über Freund und Feind hinweg. Das Tor war sogar leer, aber du hast den Ball über die Latte geköpft. Da habe ich zu dir gesagt: Im Kopf­ball bist du wohl doch nicht so gut, wie wir alle dachten.“

Deine Braut auf dem Platz haben sie mich genannt“

So war es nun mal: Wo andere den Nacken haben, hatte ich den Schalk. Du weißt ja, beim Circus Krone wollten sie mich sogar als Clown mit auf Tournee nehmen. Du warst hin­gegen eher kauf­män­nisch und sach­lich. Und obwohl wir so unter­schied­lich waren, waren wir eine tolle Ein­heit. Zum Fuß­ball-Traum­paar des Jahr­hun­derts wurden wir sogar gewählt. Wir führten eine Fuß­bal­lerehe, wie sie im Buche steht. Deine Braut auf dem Platz haben sie mich genannt, weißt du noch? Nur dass wir weniger Streit hatten als in einer gewöhn­li­chen Ehe.

Und doch hatten wir ja auch so einiges gemeinsam: Wir sind beide Ham­burger Jungs, wir lieben unsere Heimat. Als ich noch bei meinen Eltern wohnte, war einmal der gesamte Vor­stand von Juventus Turin bei uns im Wohn­zimmer, um mich von einem Wechsel nach Ita­lien zu über­zeugen. Aber ich habe abge­sagt. Ich wollte lieber in Ham­burg bleiben. Beim HSV und bei dir. Auch du hast lukra­tive Ange­bote aus dem Aus­land aus­ge­schlagen. Uns konnte man eben nicht ver­pflanzen. (Dass ich viel später doch noch einmal nach Süd­afrika gegangen bin, ist eine andere Geschichte.)

13 Jahre lang stürmten Uwe Seeler und Gert Charly“ Dörfel gemeinsam für den Ham­burger SV, Dörfel auf Links­außen, Seeler als Mit­tel­stürmer. Auch in der Natio­nalmannschaft absol­vierten sie einige Par­tien gemeinsam, jedoch konnte Bun­des­trainer Helmut Schön wenig mit Dör­fels Clow­nerie anfangen. Als Seeler 1972 seine Kar­riere beimHSV been­dete, wech­selte Dörfel nach Süd­afrika.

Mein lieber Uwe, ich bin sehr dankbar, dass ich mit einem so großen Sports­mann wie dir zusam­men­spielen durfte. Es war mir eine Ehre, dich mit meinen Flanken zu bedienen.

Und eines noch: Schön, dass du nach 30 Jahren dann doch noch zuge­geben hast, dass du es warst, der 1960 im Halb­fi­nal­hin­spiel des Lan­des­meis­ter­po­kals gegen den FC Bar­ce­lona den ent­schei­denden Fehl­pass gespielt hat, und nicht ich. Das zeigt: Auch Fuß­ball­götter sind manchmal mensch­lich. Und mensch­lich, das warst du in ganz beson­derem Maße, mein lieber Uwe.

Dein Charly

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