Seite 2: „Sammer bekam den Befehl von Hoeneß“

Dirk Schuster soll einen Brief geschrieben haben, in dem stand, er sei fortan nicht mehr DDR-Bürger, son­dern BRD-Bürger. Seine Nomi­nie­rung für die DDR-Mann­schaft sei damit hin­fällig.
Die Geschichte kenne ich nicht. Ich habe mich jeden­falls gefreut, an diesem 12. Sep­tember dabei zu sein. Mir war klar, dass ich so in die Geschichts­bü­cher ein­gehen würde. Es war eine Selbst­ver­ständ­lich­keit mit dahin zu fahren. Mat­thias Sammer hin­gegen, so wurde uns erzählt, soll von Dieter Hoeneß den Befehl bekommen haben, zu dem Spiel zu kommen. Als er ankam und da nur uns zwölf sah, da wollte er gleich wieder abhauen. Er ist aber doch geblieben, hat zwei Tore gemacht. War dann ja doch ein guter Abgang für uns. 

Über das Thema Stasi im DDR-Fuß­ball können Sie relativ gelassen spre­chen…
Viel­leicht würde ich anders reden, wenn ich selber aus­spio­niert worden wäre. Wenn mich jemand bespit­zelt und mir damit geschadet hätte, wäre er für mich tot gewesen. Ich weiß aber auch, wie viele Spieler in den Stasi-Dreck gerutscht sind, nur weil der Ver­wandte die Aus­reise bean­tragt hatte, oder weil man Fehler im System DDR begangen hatte. Alle Fuß­baller, von denen ich weiß, dass sie für die Stasi gear­beitet haben, sind durch miss­liche Umstände da rein­ge­raten. 

Exis­tiert eine Stasi-Akte von Ihnen?

Natür­lich. 

Haben Sie die auch gelesen?
Nein. Das inter­es­siert mich nicht. 

Für wen waren Sie beim End­spiel der WM 1990?
Also guter Mann, wir kamen zwar aus dem Osten, aber ganz unterm Tep­pich waren wir auch nicht! Natür­lich war ich für die BRD. Zumal die Wende da schon längst voll­zogen war und ich ja theo­re­tisch in Ita­lien hätte spielen können. Grund­sätz­lich war in der DDR aber alles, was ver­boten war, reiz­voll. Immer, wenn West­deutsch­land spielte, drückten wir die Daumen, bei Toren gingen Raketen in die Luft. Die Polizei ist dann mit dem Auto durch die Straßen patrouil­liert und hat geguckt, wo der Rauch herkam. 

Als Sie nach Lever­kusen wech­selten, standen Sie plötz­lich mit Andreas Thom gemeinsam auf dem Rasen. Der war vorher beim BFC, Ihrem großen Kon­kur­renten zu DDR-Zeiten. War die Riva­lität bei Bayer noch spürbar?

Ach was. Das war doch nur auf dem Platz. Da hat man sich weg­ge­grätscht. Nach dem Spiel sind wir zusammen ein Bier trinken gegangen. Wenn du dich seit 20 Jahren kennst, dann hasst du dich auf dem Platz, weil es eben Leipzig gegen Berlin ist, aber in der Kabine sitzt du wieder zusammen und alles ist gut. 

Gab es eigent­lich einen Moment nach der Wende, wo sich wie ein Ossi“ im Westen gefühlt haben?

Als Fuß­baller lebt man ohnehin in einer Schein­welt. Ein Erlebnis ist aber hängen geblieben: Meine Tochter kam einmal aus der Schule, und erzählte uns, ihr Lehrer hätte behauptet, dass Ossis zu faul zum Arbeiten seien. Das hat mich unend­lich traurig gemacht. Du reißt Dir – auf gut deutsch gesagt – den Arsch auf, deine Frau geht nebenbei noch arbeiten, deine Eltern haben sich ein Leben lang abge­müht und dann so ein Satz. Der Typ hat es ein­fach nicht kapiert.