Viel ist in den letzten Tagen von den Par­al­lelen zwi­schen Fuß­ball und Politik geschwa­felt worden. Jogi Löw sei wie Angela Merkel und das Land wie die Natio­nalelf, träge, ent­schei­dungs­schwach und über­heb­lich. Nun taugt die Vor­stel­lung, es gebe eine deut­sche Uni­ver­sal­be­quem­lich­keit, die glei­cher­maßen Politik, Wirt­schaft und Politik ergriffen habe, allen­falls für hys­te­ri­sche Spiegel-Titel­bilder.

Ansonsten ist die Bezie­hung zwi­schen Politik und Fuß­ball die Geschichte einer ein­sei­tigen Anbie­de­rung, die in den Acht­ziger Jahren ihren Anfang nahm. Zuvor hatten sich Poli­tiker fern gehalten vom Fuß­ball. 1954 saß kein ein­ziger Bun­des­mi­nister in Bern, Konrad Ade­nauer spielte eh lieber Boccia. 1966 gab Bun­des­prä­si­dent Hein­rich Lübke ganz unpa­trio­tisch zu Pro­to­koll, er habe deut­lich gesehen, wie der Ball im Netz gezap­pelt“ habe. Und 1982 wurde Kanzler Helmut Schmidt vom Publikum ange­feindet, weil er nach dem ver­lo­renen Finale mit Ita­liens Staats­prä­si­dent Per­tini her­um­ge­scherzt hatte anstatt trä­nen­feucht ins Leere zu starren.

Volksnah auf der Ehren­tri­büne

Dann aber kam Kohl. 1986, nach dem ver­geigten Finale gegen Argen­ti­nien, drückte er jeden Spieler an seinen mas­sigen Körper. Der Spiegel“ schrieb schau­dernd: Selbst Litt­barski, der mit einer blitz­schnellen Dre­hung bereits halb am Kanzler vorbei ist, holt dessen öffent­liche Hand mit hartem Schul­ter­schlag noch ein.“ Kohl hatte die Chance erkannt, die der Fuß­ball den Anzug­trä­gern bot. Nir­gendwo können Poli­tiker sich so volksnah geben wie auf den Ehren­tri­bünen. Schnell noch den fabrik­neuen Schal umge­hängt, ab auf den Scha­len­sitz und den emo­tio­nalen Turbo anwerfen, wenn die Kamera die Tri­büne abschwenkt.

Drei Poli­tiker rui­nierten die Bezie­hungen zwi­schen Fuß­ball und Politik end­gültig. Zunächst Kanzler Ger­hard Schröder und sein Her­aus­for­derer Edmund Stoiber, die die zeit­gleich 2002 statt­fin­denden Groß­ereig­nisse Welt­meis­ter­schaft und Bun­des­tags­wahl­kampf nutzten, um sich zwang­haft als hun­dert­fünf­zig­pro­zen­tige Fans der deut­schen Elf zu geben. Schröder und Stoiber unter­bra­chen gleich rei­hen­weise Kabi­netts­sit­zungen und Wahl­kampf­ver­an­stal­tungen, um in großer Runde die Spiele zu ver­folgen. Das ging oft schief.

Weit daneben

Etwa als Stoiber auf einem Som­mer­fest einen Ball auf ein extra auf­ge­stelltes Tor schießen sollte. Der Minis­ter­prä­si­dent schoss eine neben dem Tor war­tende ältere Frau um. Die blu­tete, ver­si­cherte aber benommen, sie wähle trotzdem Stoiber. Als drei Jahre später Angela Merkel ins Kanz­leramt einzog, wäre das ein for­mi­da­bler Zeit­punkt gewesen, um die neu­ro­ti­sche Fuß­ball-Politik-Bezie­hung wieder auf­zu­lösen. Aber auch Merkel ritt auf der fuß­bal­le­ri­schen Welle. Bis 2018. Da sorgte sie mit ihrer Selbst­zu­frie­den­heit und Träg­heit fürs deut­sche Aus­scheiden bei der WM in Russ­land. Oder habe ich da was ver­wech­selt?