Christof Wie­sche­mann, ist Heinz Müller der neue Jean-Marc Bosman?
Das lässt sich noch nicht sagen, da der 1. FSV Mainz 05 in Beru­fung gegangen ist und das Urteil somit noch nicht rechts­kräftig ist. Aber sollte Heinz Müller auch in den nächst­hö­heren Instanzen Recht bekommen, dann wären die Aus­wir­kungen auf den Fuß­ball sogar noch größer, als nach dem Bosman-Urteil.

Viele Ver­eine spra­chen nach dem Urteil davon, dass sie sich keine Kader mit 40 oder 50 Spie­lern vor­stellen könnten. Wären grö­ßere Kader eine Folge des Ver­fah­rens?
Defi­nitiv, wobei diese Zahl bei weitem nicht aus­reicht. Es geht hier eher um Groß­un­ter­nehmen mit Genera­tionen von früher aktiven Fuß­bal­lern, die ein Verein dann beschäf­tigen würde.

Das heißt, im Fall der Fälle spielen die Fuß­baller bis zur Rente für ihren Klub?
Im Extrem­fall schon. Die Spieler wären dann 67, aber Pro­fi­fuß­ball lässt sich nur bis zu einem gewissen Alter auf höchsten Niveau spielen. Was soll also mit denen zwi­schen 40 und 67 geschehen? Eine mög­liche Reak­tion der Ver­eine wäre die, dass man sich sagt: Wir bezahlen die Spieler ohnehin, dann möchten wir sie auch wert­schöp­fend beschäf­tigen.“ Dann wäre eine Ü‑40 und selbst eine Ü‑60 Liga vor­stellbar, so albern das jetzt auch klingen mag.

Wie rea­lis­tisch erscheint Ihnen dieses Sze­nario?
Unrea­lis­tisch, denn eine Über­le­gung ist da ganz wichtig: Euro­pa­weit gilt eine Ver­bands­au­to­nomie. Das bedeutet, dass die Sport­ver­bände die Regeln, die sie brau­chen, um einen Liga­be­trieb auf­recht­zu­er­halten, selbst setzen dürfen. Damit können sie sich in bestimmten Grenzen der staat­li­chen Kon­trolle ent­ziehen und auch gegen natio­nales Arbeits­recht ver­stoßen, wenn es unver­meidbar ist.

Weiß Heinz Müller eigent­lich, was er da los­ge­treten hat?
Das würde mich über­ra­schen, denn ich denke, ihm ging es vor­nehm­lich um seine For­de­rung nach Scha­dens­er­satz. Ich glaube auch nicht, dass Bosman damals das enorme Poten­tial seines Ver­fah­rens bewusst war. Aber die Gesell­schaft braucht Leute, die quer denken und beharr­lich ihren Finger in die Wunde legen, damit solche Pro­bleme dau­er­haft und ver­nünftig gelöst werden.

Wie könnte eine dau­er­hafte Lösung aus­sehen?
Im Prinzip wären drei Ansätze denkbar. Die Gewerk­schaft VDV (Ver­ei­ni­gung der Ver­trags­fuß­ball­spieler, d. Red.) wünscht sich Tarif­ver­träge zwi­schen den Spie­lern und ihren Ver­einen. Das Pro­blem hierbei ist jedoch, dass die Ver­eine der­zeit nicht tarif­fähig sind. Dafür müssten die Ver­eine, die momentan im Liga­ver­band orga­ni­siert sind und einer Zwangs­mit­glied­schaft unter­liegen, einen frei­wil­ligen Zusam­men­schluss gründen, damit sie als Arbeit­ge­ber­ver­band tarif­fähig werden.