Seite 2: Keine Durchschlagskraft

3. Es fehlt Durch­schlags­kraft – an beiden Enden des Felds
Dass ein hohes, ris­kantes Pres­sing zum Erfolg führen kann, bewiesen unlängst die Bayern. Im Ver­gleich zum Triple-Sieger fällt die deut­sche Elf jedoch in einem Bereich ab: der Durch­schlags­kraft. Selbst wenn das Pres­sing der Bayern über­spielt wird, sichern David Alaba und Jerome Boateng clever ab. Die deut­sche Rest­ver­tei­di­gung funk­tio­niert nicht annä­hernd so gut, sodass sowohl die Schweizer als auch die Spa­nier zu Chancen kamen, sobald die erste Pres­sing­reihe über­spielt war.

Aber auch vorne man­gelt es der deut­schen Mann­schaft an Durch­schlags­kraft – jedoch in gänz­lich anderer Hin­sicht. Keiner der deut­schen Angreifer über­zeugt durch Wucht und Kör­per­lich­keit. Deutsch­land kann zwar das Mit­tel­feld domi­nieren mit den Pass­künst­lern Toni Kroos und Ilkay Gün­dogan; Beide brachten in beiden Par­tien über 90 Pro­zent ihrer Pässe zum Mit­spieler.

Doch weder kann die deut­sche Mann­schaft Bälle in der vor­dersten Linie halten, noch über Flanken in den Straf­raum gelangen. Dadurch kann Deutsch­land das Spiel weniger gut dik­tieren als die Bayern, sie ver­lieren häu­figer den Ball in vor­derster Linie. Ent­spre­chend häu­figer muss das deut­sche Team dem Gegner hin­ter­her­laufen – etwas, das ange­sichts des Spiels Mann-gegen-Mann Kraft raubt.

4. Gosens könnte eine wich­tige Ergän­zung werden
Robin Gosens war ein großer Gewinner der Län­der­spiel-Woche. Dadurch dass sich Löw für Kon­ti­nuität ent­schied, kam der Debü­tant gleich zweimal zum Ein­satz. Defensiv über­zeugte er nicht auf ganzer Linie. Sowohl gegen Spa­nien als auch gegen die Schweiz war er am Gegen­treffer betei­ligt; Gegen Spa­nien ließ er eine Flanke zu und löste anschlie­ßend das Abseits auf (auch wenn er das man­gels Regel­kenntnis nach dem Spiel leug­nete). Gegen die Schweiz verlor er den Anschluss an seinen direkten Gegen­spieler.

Zugleich bewies er, was für eine wich­tige Ergän­zung er sein kann: Er beherrscht die Posi­tion des Links­ver­tei­di­gers einer Fün­fer­kette aus dem Effeff. Gerade offensiv kann er Akzente setzen. Er hat ein gutes Gespür dafür, sich in der Breite zu posi­tio­nieren und recht­zeitig in die Tiefe zu starten. Gosens erste Län­der­spiele dürften nicht seine letzten gewesen sein.

5. Es bleiben viele Fra­ge­zei­chen
Am Ende hin­ter­lässt diese Län­der­spiel-Woche mehr Frage- als Aus­ru­fe­zei­chen. Noch immer weiß der deut­sche Fan nicht, wie die Nations League ein­zu­ordnen ist. Ist es ein ernst­zu­neh­mender Wett­be­werb – oder sind es bes­sere Test­spiele? Die deut­sche Mann­schaft wirkte trotz zweier ver­spielter Füh­rungen nicht son­der­lich unglück­lich.

Hinzu kommt, dass die Spieler in dieser Phase der Vor­be­rei­tung kör­per­lich noch nicht fit sind. Das spürte man in beiden Par­tien, als die deut­sche Mann­schaft nach der Pause klar nach­ließ. Ob die deut­sche Mann­schaft ihr Mann-gegen-Mann-Pres­sing mit mehr Kon­di­tion und Sprit­zig­keit länger aus­führen kann? Und hätte Löw gegen Spa­nien derart defensiv gewech­selt, hätten die Spieler auf dem Feld mehr Kraft gehabt? 

Zugleich fehlten wich­tige Säulen der deut­schen Mann­schaft. Wird Löw auch auf das 5 – 2‑3-System setzen, wenn Joshua Kim­mich und Leon Goretzka im Mit­tel­feld zur Ver­fü­gung stehen? Der Bun­des­trainer wird die Ant­wort in den kom­menden Län­der­spielen lie­fern müssen, beim Freund­schafts­spiel gegen die Türkei und beim Nations-League-Duell mit der Ukraine. Ange­setzt sind die Par­tien für Anfang Oktober. Löw wird hoffen, dass Corona ihn nicht wieder 258 Tage warten lässt.

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