Locke: Jahr­gang 1991, Dau­er­kar­ten­be­sitzer seit 2003. Mit­glied der 2006 gegrün­deten Ultra­gruppe Fre­netic Youth“. Philipp Gauch: Jahr­gang 1989, Mit­glied der seit 1998 bestehenden und somit ältesten FCK-Ultra­gruppe Genera­tion Luzifer“. Sebas­tian Scheffler: Jahr­gang 1979, offi­ziell gewählter Fan­ver­treter und Vor­sit­zender der Inter­es­sen­ge­mein­schaft Per­spek­tive FCK“. Thomas Hilmes: Jahr­gang 1980, seit 1990 FCK-Fan. Früher Mit­glied der Genera­tion Luzifer“, heute Betreiber des Web­zines Der Betze brennt“.

Sehr geehrte Herren, Sie alle kennen den berühmten Satz: Wenn der 1. FCK Kai­sers­lau­tern absteigt, stirbt eine Region.“ Was pas­siert, wenn er nicht auf­steigt?

Thomas Hilmes: Natür­lich waren wir ent­täuscht, dass es nicht geklappt hat. Den­noch haben die Spiele gegen Hof­fen­heim die Fan­szene wieder sehr enger zusammen gebracht.

In einigen Medien war davon die Rede, dass es seit den acht­ziger Jahren nicht mehr so laut im FCK-Block war. Die Frank­furter Rund­schau“ schrieb: Der Lärm, den die Fans auf dem Betze machten, war für Ohren von Nicht-Pfäl­zern kaum noch erträg­lich.“
Hilmes: Es war wirk­lich unfassbar laut. Schon auf dem Weg zum Sta­dion habe ich peit­schende Gesänge gehört – und alle haben mit­ge­macht haben. Nicht nur Ultras.

Trotz der Nie­der­lagen gegen den rei­chen Rivalen?
Philipp Gauch: Trotz einer Saison, die nicht befrie­di­gend war.
Locke: Die Stim­mung war eher eine Aus­nahme als ein Spie­gel­bild der ganzen Saison. Es hat sich sicher keiner gefreut, dass wir nicht auf­ge­stiegen sind, aber an dem Abend wollte keiner die Hof­fen­heimer feiern hören.
Hilmes: Bei diesen Spielen sind Welten auf­ein­ander getroffen. Wir haben aber rea­li­siert, dass wir als Underdog gegen solche Pro­jekte, die sich Ver­eine nennen, nur eine Chance haben, wenn wir zusam­men­halten.

Thomas Hilmes, Sie betreiben die Inter­net­seite Der Betze brennt“. Dort hieß es nach dem Spiel: Der Mythos Bet­zen­berg wacht nach zwei ruhenden Jahren wieder auf.“ Was bedeutet dieser Mythos denn für Sie?
Hilmes: Dass die Fans im wahrsten Sinne des Wortes der zwölfte Mann sind. Dass sie Ein­fluss aufs Spiel haben.

Sehen das die Ultra­szene auch so, Philipp Gauch und Locke?
Gauch: Durchaus. Mit viel Pathos for­mu­liert: Die Zuschauer ver­schmelzen im Sta­dion und stellen eine Ein­heit dar. Der Betze kann im besten Fall ein magi­scher Ort sein, wo die Fans den Ball ins Tor schreien.
Locke: Ich ver­stehe es auch als eine starke Sym­biose zwi­schen Publikum und Spie­lern. Sie kann aus einer Rand­er­schei­nung ent­stehen, einem Tack­ling an der Mit­tel­linie oder einem Ball, der statt ins Sei­tenaus ins Toraus zur Ecke rollt. Dann kann der Bet­zen­berg aus dem Nichts explo­dieren.
Hilmes: Vor allem bei einem Abend­spiel: Flut­licht und das Warten auf den Funken, der aufs Spiel­feld springt. Wie oft habe ich hier Spiele gesehen, die wir nach einem 0:2 noch umge­bogen haben.
Sebas­tian Scheffler: Erin­nerst du dich noch an unseren alten Sta­di­on­spre­cher Udo Scholz? Der ver­kün­dete bei Anschluss­tref­fern, die in der 90. Minute fielen, gerne mal über Laut­spre­cher: Tor in der 85. Minute!“
Hilmes: Um den Schieds­richter zu ver­wirren. Schön war das. (lacht)

Wenn in den Medien vom Mythos Bet­zen­berg“ die Rede ist, wird gerne auf Euro­pa­po­kal­spiele der acht­ziger Jahren samt ben­ga­li­scher Feuer ver­wiesen. Warum gab es recht früh Ultra-Ele­mente in der FCK-Fan­szene?
Scheffler: Das hing mit Hans-Peter Briegel zusammen. Als er 1984 zu Hellas Verona gewech­selt ist, begannen viele FCK-Fans sich für die ita­lie­ni­sche Fan­kultur zu inter­es­sieren. Es haben sich Fan­freund­schaften ent­wi­ckelt und wir sind häu­figer nach Ita­lien gereist. Zurück kamen wir mit aller­hand neuen Ein­drü­cken – und ben­ga­li­schen Fackeln.

Haben diese Bilder noch was mit der aktu­ellen Fan­kultur gemein?
Locke: Kaum. Wenn ich am Wochen­ende Bun­des­liga gucke und da Augs­burg gegen Hof­fen­heim spielt, dann schalte ich den Fern­seher wieder aus.
Scheffler: Eine schlimme Ent­wick­lung, zumal der ganze Aufbau im deut­schen Fuß­ball durch Ver­eine wie Hof­fen­heim, Lever­kusen, Wolfs­burg und jetzt RB Leipzig ganz offen­sicht­lich unter­wan­dert wird.

Wenn es dem FCK in der Ver­gan­gen­heit mal schlecht ging, hat auch Kurt Beck gerne mal geholfen.
Hilmes: Kurt Beck hat sicher nicht seine Pri­vat­scha­tulle geöffnet, aber natür­lich wurden in den FCK genauso Steu­er­gelder gepumpt wie in alle anderen Ver­eine auch: Die Bayern haben ihr Sta­dion zwar selbst bezahlt, aber für die Infra­struktur über 200 Mil­lionen vom Steu­er­zahler bekommen. In Mainz wurden mit mehr als 60 Mil­lionen aus der öffent­li­chen Hand gleich zwei Sta­dien hoch­ge­zogen, Köln erhält über Umwege Zuschüsse vom stadt­ei­genen Ener­gie­ver­sorger, Hertha BSC musste in der zweiten Liga keine Sta­di­on­miete zahlen. Diese Sub­ven­tio­nie­rung des Pro­fi­fuß­balls kann man durchaus kri­tisch sehen, aber es ist keine FCK-spe­zi­fi­sches Sache.

Wie sehr wurmt es Sie, dass der 1. FC Kai­sers­lau­tern eine Art Fahr­stuhl­klub geworden ist, wäh­rend sich andere Ver­eine aus der Region – Mainz 05, Ein­tracht Frank­furt oder die TSG Hof­fen­heim – in der Bun­des­liga eta­bliert haben.
Locke: Mich nervt es richtig, dass wir nicht Bun­des­liga spielen.
Scheffler: Ein­tracht Frank­furt hat es ver­dient, dort zu stehen. Aber Hof­fen­heim? Augs­burg? Fürth? Mainz?

Wie passen denn Augs­burg, Mainz und Fürth in diese Liste?
Gauch: Fakt ist, dass der Fuß­ball ja auch gerade durch die Emo­tionen, die er erzeugt, so inter­es­sant wird. Aber ein Spiel wie Augs­burg gegen Fürth erzeugt keine Emo­tionen.
Hilmes: Hof­fen­heim oder Leipzig sind viel­leicht die bes­seren Bei­spiele. Das sind Klubs, bei denen man glaubt, mit Mil­lionen von Euro den sport­li­chen Erfolg kaufen und durch Mar­ke­ting Tra­di­tionen eta­blieren zu können.

Was wäre denn, wenn ein Mäzen beim FCK ein­steigen oder der Klub seinen Sta­di­on­namen ver­kaufen würde? 
Hilmes: Ich denke, der FCK zeichnet sich durch zwei große Säulen aus: Auf der einen Seite die Tra­di­tion und auf der anderen die Fans. Wenn man beides mit Füßen tritt, dann könnte sich der Verein nicht mehr oben halten.
Locke: Eines unserer Allein­stel­lungs­merk­male ist unser Sta­di­on­name, das Fritz-Walter-Sta­dion“. Ein Ver­kauf des Namens könnte viel­leicht kurz­fristig etwas Geld bringen, aber lang­fristig ver­kaufe ich doch meine Seele.
Gauch: Oft­mals werden da von oben Ängste geschürt. Es heißt dann, dass man nur noch Geld kriegt, wenn man den Sta­di­on­namen ver­kauft oder plei­te­geht, wenn man sich nicht aus­glie­dert. Aber es gibt genü­gend aktu­elle Bei­spiele, die zeigen, dass das eben nicht so ist.
Locke: Wenn man clever ist, merkt man auch, dass Tra­di­tion eigent­lich das beste Mar­ke­ting­mittel ist. Man darf es natür­lich nicht über­treiben und sich bei zu vielen Begriff­lich­keiten bedienen, aber der Trend geht in die Rich­tung.
Scheffler: In Braun­schweig hat man es ziem­lich gut gemacht. Dort haben sich ver­schie­dene Firmen zusam­men­getan, um den Namen Ein­tracht-Sta­dion“ zu erhalten. Das wirft doch ein viel posi­ti­veres Licht auf diese Firmen.
Philipp Gauch, Sie haben mit Ihrer Gruppe Genera­tion Luzifer“ wegen der infla­tio­nären Sta­di­on­um­be­nen­nung im deut­schen Fuß­ball sogar mal einen Preis abge­lehnt. Muss man so weit gehen?
Gauch: Im Oktober 2011 sollten wir von der Aka­demie für Fuß­ball­kultur“ einen Preis für die beste Cho­reo­gra­phie des Jahres bekommen. Das Ver­hee­rende war, dass das Preis­geld von Easy Credit“ gespon­sert wurde, also dem Unter­nehmen, dass in Nürn­berg den Sta­di­on­namen gekauft hatte.
Hilmes: Die Choreo prä­sen­tierte die Genera­tion Luzifer“ zum 90. Geburtstag von Fritz Walter. Inte­griert war der Spruch Für immer in Ehren: Fritz Walter und sein Sta­dion“.
Gauch: Hätten wir diesen Preis und das Geld ange­nommen, dann hätten wir die Werte ver­raten, die wir mit der Choreo ver­treten wollten.

Wie posi­tio­niert sich der FCK aus Ihrer Sicht in der Dis­kus­sion um Werte und Tra­di­tion?
Scheffler: Es hat zumin­dest klare Ansagen gegeben, dass man den Sta­di­on­namen nicht ver­kauft. Im End­ef­fekt wäre eine Umbe­nen­nung des Fritz-Walter-Sta­dions“ auch Nega­tiv­wer­bung für jeden Sponsor.

Sie glauben also, dass der FCK e.V. ist mit dem Fritz-Walter-Sta­dion“ und dem Ottmar-Walter-Tor“ ein Gegen­ent­wurf zum modernen Fuß­ball ist?
Scheffler: So weit würde ich nicht gehen. Bei uns wurden auch Fehler gemacht, sowohl von der Ver­eins­füh­rung als auch vom aktu­ellen Mar­ke­ting­leiter. Die haben in der Ver­gan­gen­heit häufig behauptet, der FCK müsse als eine Marke plat­ziert werden. Eine Marke? Da kommen Leute von der Uni, die haben das so gelernt, aber ver­stehen nicht, dass für die Fans die Iden­ti­fi­ka­tion der Klub ist. Und dass ein Ver­eins­wappen keine Marke ist.

Tra­di­ti­ons­ver­eine wie Borussia Dort­mund haben sich wie Marken auf­ge­stellt und sind lange am FCK vor­bei­ge­zogen. Andere Klubs, die diese Ent­wick­lung nicht mit­ma­chen, gurken seit Jahren in den Nie­de­rungen der Ligen herum. Keine Sorge, dass es dem FCK ähn­lich ergehen könnte?
Scheffler: Die Ver­eine stehen ja nicht dort unten, weil sie sich auf Tra­di­tion besonnen haben, son­dern weil dort die fal­schen Leute am Werk waren. Das Bei­spiel Duis­burg zeigt das gut: Es waren eigent­lich genü­gend Spon­so­ren­gelder vor­handen, aber es haben anschei­nend zur fal­schen Zeit die fal­schen Leute den Verein geführt. Natür­lich kann das immer wieder pas­sieren, aber darum ist es auch wichtig, dass man darauf achtet, was in der Ver­eins­füh­rung pas­siert. Nur weil einer gut erzählen kann, heißt das nicht, dass er im Inter­esse der Fans und des Ver­eins han­delt.

Und wie ist es mit der Iden­ti­fi­ka­tion? Ist das nicht pure Romantik?
Scheffler: Natür­lich ist das nicht mehr so wie früher – aber das ist der heu­tigen Natur des Fuß­ball­ge­schäfts geschuldet. Spieler wie die Walter-Brüder oder Horst Eckel, die dem Klub ein Leben lang treu blieben, gibt es nicht mehr. Oder einen Hans-Peter Briegel, bei dem man das Gefühl hatte, er nimmt die Funken von der Tri­büne auf und ver­sucht die Spiele über den Kampf zu gewinnen.
Gauch: Das wird immer weniger. Jeden­falls konnte man sich in der ver­gan­genen Saison kein Kratzen und Beißen sehen, etwas, das früher die Spieler auf dem Bet­zen­berg aus­ge­zeichnet hat.
Locke: Ich denke sowieso, dass sich viele Fans eher mit der Kurve, der Geschichte und dem Verein als Ganzes iden­ti­fi­zieren als mit ein­zelnen Spie­lern. Als Kind steht man in diesem Sta­dion und ist fas­zi­niert von der Atmo­sphäre. Ich denke, die Iden­ti­fi­ka­tion speist sich eher über solche Erfah­rung als über Spieler.
Gauch: Trotzdem gibt es noch ein paar. Domi­nique Heintz zum Bei­spiel, weil er ein gebür­tiger Pfälzer ist. Aber auch Flo­rian Dick, der sich kom­plett mit der Spiel­weise und dem Klub iden­ti­fi­ziert.

Was ist mit Stefan Kuntz? Man könnte annehmen, dass gerade er den FCK wie kein anderer ver­kör­pert.
Hilmes: Als Spieler auf jeden Fall.

Und als Vor­stands­vor­sit­zender?
Hilmes: Da kann man ihn erst am Ende seiner Amts­zeit bewerten. Ein Bei­spiel: Atze Fried­rich war auch ein ver­dienter Spieler, und als Prä­si­dent ist er mit dem FCK auf­ge­stiegen und hat die Meis­ter­schaft geholt. Doch was hin­ter­ließ er? Reines Chaos und 30 Mil­lionen Euro Schulden.
Scheffler: Im Gegen­satz dazu ist jemand wie Nor­bert Thines sehr gut gelitten bei den Fans. Bei ihm merkte man, dass er eine soziale Ader hat. Er war darum bemüht, die Fans zu einen und den Verein solide zu führen.

Wie sieht denn der aktu­elle Dialog zwi­schen Ver­eins­füh­rung und Fans aus?
Scheffler: Der hat etwas gelitten durch das Kon­zept Sicheres Sta­di­on­er­lebnis und die Initia­tive 12:12“.

War es über­ra­schend, dass der FCK das Papier unter­zeichnet hat?
Scheffler: Zunächst waren wir – Klub­füh­rung und Fans – einer Mei­nung, zumal drei Punkte für uns nicht akzep­tabel waren. Als die Klub­füh­rung sich dann doch für die Abseg­nung des Papiers ent­schied, haben wir sie stark kri­ti­siert. Wir waren mit die Ersten, die den Pro­test 12:12“ aus­ge­dehnt haben.

Gegen den VfR Aalen haben Sie 90 Minuten lang geschwiegen.
Hilmes: Richtig. Die Atmo­sphäre war so gespens­tisch, abso­luter Wahn­sinn. Zumal es bei uns über­haupt keinen Ärger gegeben hat. Da hat fast das ganze Sta­dion geschwiegen – ob Ultra oder nicht. Das war wieder so ein Moment, wo ich merkte, hier bin ich richtig. Das ist eine rich­tige Familie.
Scheffler: Jeden­falls unter den Fans. Der Verein hat sich der­weil dem poli­ti­schen Druck ergeben und es den Anhän­gern nicht mal erklärt.

Stefan Kuntz gab doch eine Stel­lung­nahme ab. Er sagte, für die Fans ändere sich nach dem 12. Dezember 2012 nichts, da die meisten Punkte sowieso in der Sta­di­on­ord­nung ver­an­kert seien.
Scheffler: Aber das erste Gespräch mit den Fans fand erst Ende Januar auf einer Fan­ver­samm­lung statt. Dort sagte er dann sinn­gemäß: Wenn die Ultra-Gruppen unter­ein­ander still­schweigen und Pyro-Fans oder Gewalt­täter schützen, dann soli­da­ri­siert er sich mit der Mehr­heit der Ver­eine der 1. und 2. Bun­des­liga und stimmt für die ab. 

Stefan Kuntz scheint Ihrer Ansicht also ziem­lich viel falsch gemacht zu haben in der ver­gan­genen Saison.
Hilmes: Er hat sich ein paar Mal in der Wort­wahl ver­griffen.

Inwie­fern?
Hilmes: Er sprach zum Bei­spiel von Ratten, die ihre Köpfe wieder aus den Löchern ste­cken, wenn es nicht so gut läuft“.

Womit er, so sagte Pres­se­spre­cher Chris­tian Gruber, nicht die Fans meinte.
Hilmes: Stefan Kuntz hat zumin­dest die Fans und die Ratten in einem Atemzug genannt. Alles wei­tere ist Spe­ku­la­tion, weil er sich danach nicht mehr dazu geäu­ßert hat.
Scheffler: Wirk­lich skurril war die Situa­tion nach den beiden Rele­ga­ti­ons­spielen. Jeder im Sta­dion wusste, dass die Stim­mung nicht auf die Mann­schaft, den Trainer oder den Vor­stand bezogen, son­dern auf den Klub als Ganzes – und auf uns. Den­noch stellte sich Kuntz dann hin und lobte uns dafür, dass es gewesen sei wie in den Acht­zi­gern oder Neun­zi­gern.

Hat sich denn nach dem 12. Dezember 2012 etwas geän­dert?
Hilmes: Es gab im März ein Derby zwi­schen Waldhof Mann­heim und der zweiten FCK-Mann­schaft, das über 50 Sta­di­on­ver­bote nach sich zog, die meisten ohne Anhö­rung. So etwas hatten wir noch nie erlebt.

Es soll zu Aus­schrei­tungen gekommen sein.
Scheffler: Es gab ein paar klei­nere Vor­fälle, auch ein biss­chen Pyro wäh­rend des Spiels. Doch weil die Polizei keinen Ein­zelnen greifen konnte, ver­haf­tete sie ein­fach eine Gruppe – das Gieß­kannen-Prinzip.

Muss ein Fuß­ballfan sich heute eigent­lich sorgen, kri­mi­na­li­siert zu werden?
Locke: Man wird ja nur von Außen­ste­henden kri­mi­na­li­siert. Von den Medien. Von Mode­ra­to­rinnen, die von den Taliban der Fans“ spre­chen.
Scheffler: Ich bin in der Hin­sicht total abge­stumpft. Mir ist es mitt­ler­weile fast egal, dass Fuß­ball für Außen­ste­hende Mord und Tot­schlag oder Bür­ger­kriegs­zu­stände bedeuten. Ein Bei­spiel: Für uns war das Rele­ga­ti­ons­spiel 2012 zwi­schen Düs­sel­dorf und Berlin über­haupt kein Thema. Das war ein freu­diger Platz­sturm, so wie wir ihn 1991 in Köln erlebten, als wir Meister geworden sind. Ich konnte die Hys­terie über­haupt nicht nach­voll­ziehen.
Hilmes: Früher war das doch Gang und Gäbe. Und wenn es zu viel wurde, dann sagte der Sta­di­on­spre­cher: Bitte geht runter“, und dann war es okay.

Sie kri­ti­sieren den Verein gele­gent­lich auch über die stark fre­quen­tierte Seite Der Betze brennt“. Hat die Seite Rele­vanz?
Locke: Mein Vater guckt täg­lich drauf. (lacht) Die Seite ist eben top­ak­tuell. Alles, was auf der FCK-Home­page zu lesen ist, kann man vorher schon bei Der Betze brennt“ lesen.

Fühlt sich der Verein durch Der Betze brennt“ beob­achtet oder gar unter Druck gesetzt?
Scheffler: Man muss klar kon­sta­tieren, dass es hier in der Pfalz kaum kri­ti­sche Bericht­erstat­tung gibt. Da ist Der Betze brennt“ schon mei­nungs­stärker, wobei das Gros der Artikel mehr als positiv ist. Kritik ist ein heikles Thema.

Inwie­fern?
Hilmes: Gehen wir mal ein paar Jahre zurück, da kam es schon mal vor, dass sich Leute aus der Ver­eins­füh­rung oder deren Bekannte im Forum ange­meldet haben, um dort Stim­mung zu machen oder Dis­kus­sionen zu lenken, wenn Ent­wick­lungen im Verein kri­tisch ange­spro­chen worden sind.

Kri­ti­sieren Sie sich unter­ein­ander?
Locke: Natür­lich gibt es immer mal Mei­nungs­ver­schie­den­heiten. Die werden aber nicht übers Internet geklärt.
Hilmes: Es ist wie in jeder Familie.

Den­noch werden Sie in der kom­menden Saison in der West­kurve ein Stim­mungs­zen­trum mit sämt­li­chen Ultra­gruppen errichten. Fühlen sich die Fans, die nor­ma­ler­weise dort stehen, nicht über­gangen? 
Locke: Ziel ist es ja, die Stim­mung wieder zu ver­bes­sern. Und dafür sind wir vor rund einem Jahr auf die betrof­fenen Fans zuge­gangen und haben ihnen erklärt, was Sinn und Zweck des Pro­jekts ist. Wir wollten da schon eine größt­mög­liche Trans­pa­renz schaffen, was unser Vor­haben angeht. Auf einer Fan­ver­samm­lung wurde der Vor­schlag bei­nahe ein­stimmig akzep­tiert.

Warum brau­chen Sie denn über­haupt ein Stim­mungs­zen­trum?
Scheffler: Man hatte in den ver­gan­genen zwei Jahren das Gefühl, die Fans befinden sich in einer Lethargie. Es musste was pas­sieren.
Hilmes: Man hatte manchmal sogar das Gefühl, dass die Ultra­gruppen gegen­ein­ander gesungen haben, nicht bös­willig wie viel­leicht in anderen Sta­dien, aber den­noch so, dass man rea­li­siert hat: In Kai­sers­lau­tern kann das kein Zustand sein.
Locke: Des­halb werden ab der kom­menden Saison die drei großen Ultra­gruppen (Pfalz Inferno, Genera­tion Luzifer und Fre­netic Youth, d. Red.) zusammen in der West­kurve stehen. Aber sie werden sich nicht abschotten. Das Stim­mungs­zen­trum ist für jeden offen. 

Und was pas­siert, wenn Leute auf­tau­chen, die einen Spieler mit Drecks­jude“ beschimpfen?
Scheffler: So wie bei Itay Shechter vor zwei Jahren? Das war eine schlimme Sache. Doch ich denke, wenn man die Kurve im Ver­hältnis zur Bevöl­ke­rung sieht, hat man dort nicht mehr Neo­nazis oder rechts­ge­rich­tetes Publikum stehen als außer­halb.
Locke: Ist soweit richtig. Das macht die Sache aber nicht besser.
Scheffler: Natür­lich nicht.

Damals, Ende 2011, sagte der FCK-Fan­pro­jekt-Leiter Erwin Ress in einem Inter­view mit 11FREUNDE: Es gibt diese Per­sonen, und man muss sie benennen!“
Scheffler: Natür­lich gibt es diese Per­sonen. Ich denke, beim FCK kommt das Pro­blem hinzu, dass Rechts­ex­tre­mismus im länd­li­chen Raum ver­brei­teter ist als in der Stadt. Und der FCK hat nun mal viele Fans im Saar­land oder der Süd­pfalz, also in kleinen Gemeinden und Dör­fern. Ich finde es den­noch wichtig, diese Leute nicht von vorn­herein aus­zu­grenzen. Dar­über­hinaus war es beim FCK immer so, dass der Fuß­ball – und nicht die Politik, weder links noch rechts – im Vor­der­grund stehen sollte.
Locke: Das stimmt absolut. Selbst­ver­ständ­lich müssen der Fuß­ball und der Verein im Vor­der­grund stehen. Das tut er ja auch. Aber ich finde auch, dass es unsere Auf­gabe ist, Ver­ant­wor­tung zu über­nehmen und zu sagen: Ras­sismus ist scheiße!“ Das ist dann Politik. Und das muss man dann klar sagen. Das hat im Sta­dion, aber auch sonstwo nix zu suchen.

Die Ultras schreiben sich gerne auf die Fahnen, den Neo­nazis in den Sta­dien etwas ent­ge­gen­ge­setzt zu haben. Manchmal zu Recht. Wie ist es in Kai­sers­lau­tern?
Gauch: Vor zehn Jahren war es wirk­lich noch so, dass nach gewissen Chants ein Sieg heil“ nach­hallte. Doch die Ultra­szene hat seitdem immer wieder stark inter­ve­niert.

Was heißt stark inter­ve­niert?
Gauch: Nun (lacht). Muss ich das jetzt aus­führen?
Locke: Man geht halt dazwi­schen. Wenn jemand zum Bei­spiel mit Affen­ge­räu­schen anfängt, muss man den­je­nigen darauf hin­weisen, dass er es sein lassen soll. Wie Scheffler aber vorhin erwähnt hat, wäre es auch falsch die Leute direkt abzu­stem­peln und aus­zu­schließen. Das führt ja dann eher zum Gegen­teil.

Gruppen wie Rot­front KL“ sind aber nicht gänz­lich ver­schwunden. Sind das Ver­säum­nisse von Klub- oder Fan-Seite?
Scheffer: Die Hoo­li­gan­gruppen sind noch aktiv, ja. Aller­dings sind sie anders auf­ge­stellt als in den acht­ziger Jahren. Das Pro­blem ist, dass viele Leute die Ver­hält­nisse von früher eins zu ein auf die heu­tige Zeit über­tragen. Da hat sich aber vieles gewan­delt. Natür­lich findet man in diesen Gruppen immer noch Per­sonen, die dem rechten Spek­trum zuzu­ordnen sind, aber ebenso gibt es dort Leute mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund.

Wie ver­hält sich der Verein?
Hilmes: Vor einigen Jahren hat er einen Passus in die Sta­di­on­ord­nung auf­ge­nommen, nach dem rechte Sym­bo­liken und Klei­dungs­stücke ver­boten sind. Das hat er nicht explizit auf die Marke Thor Steinar“ gemünzt, son­dern all­ge­mein gehalten. Das fand ich gut, denn die Kla­motten und Marken ändern sich ja ständig. Nur die Umset­zung am Sta­di­on­ein­gang lässt oft zu wün­schen übrig.

Weil die Leute am Ein­gang nicht das Knowhow haben?
Scheffler: Oft stehen da externe Secu­rity-Leute, die eine große Rota­tion haben…
Hilmes: …die teil­weise selbst Thor Steinar“ tragen.
Scheffler: Die Haupt­kräfte sind zwar geschult, aber die aus­füh­renden Organe nicht. Was ich auch nicht ver­stehe, ist die laxe Ein­stel­lung der Stadt. Wenn es um die Ein­reise von Aus­wärts­fans geht, wird alles Erdenk­liche getan, um die zu über­wa­chen. Eine rechts­ex­treme Partei kann hin­gegen ohne wei­teres einen Stand in der Innen­stadt auf­bauen. Ebenso ver­hält es sich mit den Schal­händ­lern vor dem Sta­dion.

Sie meinen die Händler, die inof­fi­zi­elles Mer­chan­dise ver­kaufen?
Scheffler: Richtig. Das sind Mafi­a­struk­turen. Die ver­wenden ver­eins- und ultra­ähn­liche Sym­bole – und ver­ti­cken den Kram auf Kosten des Klubs. Kurzum: Ich mag Leute nicht, die sich auf dem Rücken des Fuß­balls pro­fi­lieren und davon dann pro­fi­tieren. Aber eigent­lich über­haupt keine echten Fans sind.

Was sagen denn die echten Fans: Kann die Mann­schaft von den Fans pro­fi­tieren?
Hilmes: Wir haben in den Rele­ga­ti­ons­spielen gesehen, dass die Mann­schaft mit lauten und enthu­si­as­ti­schen Fans im Rücken mehr leistet. Dass der Bet­zen­berg Mythos wieder lebt.
Locke: Wenn das 2:1 im Rück­spiel der Rele­ga­tion gezählt hätte, dann hätten wir noch ne Bude gemacht und wären auf­ge­stiegen.

Also gelingt mit Franco Foda der Auf­stieg? 
Locke: Ich bin skep­tisch.
Gauch: Ich auch, denn ich hätte von der ver­gan­genen Saison mehr erwartet. Natür­lich war die Situa­tion nicht ein­fach, zumal mit Enis Alushi der Schlüs­sel­spieler häufig ver­letzt war. Den­noch: Ein richtig guter Trainer hätte mehr aus der Mann­schaft geholt, er hätte aus den Indi­vi­dua­listen eine Ein­heit geformt. Mit dem Kader hätte man jeden­falls auf­steigen können…
Locke: Müssen! Mal ganz ehr­lich Jungs: Nach Hertha hatten wir auf dem Papier den besten Kader.