Seite 4: Andere Nationalmannschaften lassen sich schulen - und der DFB?

40 Jahre später erin­nert der Mann auf Neu­ber­gers ehe­ma­ligem Posten, Rein­hard Grindel, in der Rus­si­schen Bot­schaft daran, dass es auch 2006, vor der WM in Deutsch­land, viele kri­ti­sche Stimmen über Deutsch­land gegeben habe. Wäh­rend des Tur­niers habe sich das dann ganz anders dar­ge­stellt. Die WM könne also auch das Bild von Russ­land ver­än­dern – und das Land selbst. Hat er das wirk­lich so gesagt?“, fragt Wenzel Mich­alski in seinem Büro in Berlin am Hacke­schen Markt. Da werden Äpfel mit Birnen ver­gli­chen. In Deutsch­land hatten wir auch 2006 eine leb­hafte Zivil­ge­sell­schaft. In Russ­land haben wir einen Staat mit auto­ri­tären Zügen. Es ist nicht die Gesell­schaft, die sich ver­än­dern soll, es ist die Regie­rung Putin. Da ver­wech­selt Grindel etwas.“

Wenn die rote Sonne glüht

Der DFB sagt bei jeder Gele­gen­heit, dass er bei der WM in Russ­land Brü­cken in die Zivil­ge­sell­schaft“ bauen wolle, kleine Brü­cken zwi­schen den Men­schen, um große Brü­cken zwi­schen den Nationen ent­stehen zu lassen. 1978, zur WM in Argen­ti­nien, nahmen die Natio­nal­spieler mit Udo Jür­gens das Lied Buenos Dias, Argen­tina“ auf, in dem es hieß Komm, wir rei­chen uns die Hand“. 2017, beim Confed-Cup, ver­öf­fent­lichte der DFB vor dem Finale einen offenen Brief das dama­ligen Kapi­täns Julian Draxler: Wir bedanken uns für eine tolle Orga­ni­sa­tion, für die vielen hel­fenden Hände überall und für ein immer vor­han­denes Gefühl der Sicher­heit“, hat Draxler geschrieben. Oder ver­mut­lich schreiben lassen. Was wir erleben durften, hat uns begeis­tert. Wir haben archi­tek­to­nisch beein­dru­ckende Sta­dien bespielt. Wir haben die Tage an der Schwarz­meer­küste genießen können. Es schien immer die Sonne.“ Udo Jür­gens sang vor 40 Jahren: Wenn die rote Sonne glüht, rauscht von ferne der La Plata, und er singt mit mir ein Lied.“

In Russ­land hat es seit 2012 mehr als 30 Geset­zes­än­de­rungen gegeben, mit denen die Bür­ger­rechte ein­ge­schränkt wurden. Dass der Sport die Zustände ver­än­dert – das stimmt nie, auch in punkto Men­schen­rechte nicht“, sagt HRW-Direktor Mich­alski. Die Men­schen­rechte werden gerade wegen dieser Groß­ver­an­stal­tungen miss­achtet. In Russ­land steht es wieder zu befürchten.“ So war es laut Human Rights Watch auch beim Confed-Cup 2017, als Men­schen, oft mit dem Ver­weis auf Sicher­heits­as­pekte bei einem sol­chen Tur­nier, ein­fach ver­haftet wurden. 30 Fälle sind doku­men­tiert. Die deut­schen Natio­nal­spieler können sich in ihrem Quar­tier aus einem Fundus an Büchern über Russ­land bedienen. Mats Hum­mels hat sich in dieser Woche 100 Gramm Wodka“ gegriffen, in dem ein Russ­land­deut­scher über die Reise in das Land seiner Vor­fahren berichtet. Mein Bild von Russ­land ist bisher extrem unaus­ge­reift“, sagt der Ver­tei­diger des FC Bayern Mün­chen. Eine poli­ti­sche Schu­lung über die Zustände im WM-Land habe es für die Mann­schaft nicht gegeben, erzählt er, aber wir haben die Mög­lich­keit, uns briefen zu lassen“. Die Schweden und Dänen hatten in ihren Trai­nings­la­gern Besuch von Men­schen­rechts­ver­tre­tern. Schwe­dens Natio­nal­trainer Janne Andersson sagte anschlie­ßend: Was man uns da erzählt hat, ist schon nie­der­schmet­ternd.“ Bei den Deut­schen gab es eine solche Ver­an­stal­tung nicht. Mats Hum­mels sagt: Ein inter­es­santer Gedan­ken­an­stoß ist es auf jeden Fall.“

Aus­wei­chender Ver­band

Wenzel Mich­alski ist in den ver­gan­genen Jahren immer mal wieder mit Rein­hard Grindel zusam­men­ge­troffen. Zuletzt haben sie sich auch über Ojub Titijew unter­halten. Der Leiter des Büros der Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tion Memo­rial in Tsche­tsche­nien ist im Januar unter dem Vor­wand ille­galen Rausch­gift­be­sitzes in Grosny ver­haftet worden, inzwi­schen wird dem 60-Jäh­rigen der Pro­zess gemacht. Mich­alski hat Grindel emp­fohlen, sich öffent­lich für Titijew ein­zu­setzen. Der DFB-Prä­si­dent habe anfangs auf ihn nicht ableh­nend“ gewirkt, sagt Mich­alski. Geschehen aber sei bisher nichts, und auf ent­spre­chende Fragen reagiere der Ver­band aus­wei­chend.