Seite 2: ,,Die Pubertät war die Hölle!‘‘

Sie bekamen Tes­to­steron gespritzt, damit ihr äußeres Erschei­nungs­bild männ­li­cher‘‘ wird?
Genau. Dadurch hat eine spe­zi­fi­sche Gesichts- und Kör­per­be­haa­rung ein­ge­setzt. Ich habe quasi eine zweite Pubertät durch­ma­chen müssen. Eines kann ich sagen: Die Pubertät ist die Hölle! Es reicht eigent­lich, sie einmal durch­leben zu müssen (lacht). Doch im End­ef­fekt war es mir das wert – ganz ohne Zweifel.

Ging es für Sie dann in der Her­ren­mann­schaft weiter?
Grün-Weiß Eims­büttel hat tolle Arbeit geleistet. Sie sind nach meiner voll­stän­digen Tran­si­tion mit offenen Armen auf mich zuge­kommen und haben mir das Angebot unter­breitet, bei den Män­nern zu spielen. Das habe ich aller­dings dan­kend abge­lehnt. Zum einen wegen eines Kreuz­band­risses, zum anderen weil ich mit 1,66 Meter nicht die besten Vor­aus­set­zungen mit­bringe, um bei den Män­nern mit­zu­halten. Beson­ders nicht als Keeper, dafür ist die phy­si­sche Bipo­la­rität ein­fach doch zu stark aus­ge­prägt.

Der Ber­liner Fuß­ball­ver­band geht in die Offen­sive und will ab dem 1. Juli 2020 Trans- und Inter­men­schen, die in ihrem Pass divers‘‘ als Geschlecht ange­geben haben, ermög­li­chen, am orga­ni­sierten Spiel­be­trieb teil­zu­nehmen? Begrüßen Sie diesen Schritt?
Ich finde es genial, dass der Ver­band so pro­gressiv agiert und damit eine Art Vor­rei­ter­rolle ein­nimmt. Der BFV gibt durch diesen Beschluss auch Men­schen, die sich in einer Tran­si­tion befinden, die Mög­lich­keit, ohne Ein­schrän­kungen am Fuß­ball­sport par­ti­zi­pieren zu können. Ob sich das so schnell auch auf natio­naler Ebene im Pro­fi­fuß­ball durch­setzen wird, wage ich aber zu bezwei­feln. Es gibt immer Men­schen, die sich an Neue­rungen stören – gerade wenn es um viel Geld geht.

Nach dem Coming-Out von Thomas Hitzl­sperger kam immer wieder das Thema Homo­se­xua­lität im Män­ner­fuß­ball auf. Was ist Ihrer Mei­nung nach das größte Hin­dernis für schwule Profis, ein nor­males Leben ohne Ver­steck­spiel zu führen?
Fuß­ball gilt noch immer als Män­ner­sport, die Fans for­dern echte Kerle‘‘ auf dem Rasen. Trans­se­xu­elle und homo­se­xu­elle Spieler passen gemäß der weit ver­brei­teten Vor­ur­teile und Kli­schees nicht in dieses Bild. Schwule Fuß­baller haben des­wegen heut­zu­tage noch immer einen schweren Stand und wenden sich folg­lich nicht an die Öffent­lich­keit. Auch um Belei­di­gungen und Dro­hungen zu ent­gehen. Hier sind die Ver­eine und Ver­bände gefor­dert. Ab und an mal eine Trans­pa­rent gegen Dis­kri­mi­nie­rung hoch­zu­halten, reicht nicht aus: In den Ver­einen muss Diver­sität wirk­lich gelebt werden. Homo­se­xu­elle Spieler, die keine Lust mehr auf ein Ver­steck­spiel haben, müssen ermu­tigt und unter­stützt werden.

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Mitt­ler­weile gibt es zumin­dest eine Menge Fan- und Ultra­gruppen, die sich auf die Fahnen geschrieben haben, Homo- und Trans­phobie aus den Sta­dien zu ver­bannen.
Das war mir so gar nicht bewusst. Ich muss aber auch zugeben, dass ich kein Experte für die deut­sche Fan­szene bin. Wenn sich viele Fans für Tole­ranz und gegen Dis­kri­mi­nie­rung enga­gieren, finde ich das sehr löb­lich und unter­stüt­zens­wert. Sol­chen Leuten wird von den großen Medi­en­an­stalten zu wenig Platz in der Bericht­erstat­tung ein­ge­räumt. Sie kon­zen­trieren sich lieber auf das Nega­tive, das ist medi­en­wirk­samer. Leider. Den­noch bin ich sehr dankbar dar­über, in Deutsch­land geboren worden zu sein. Natür­lich ist hier noch nicht alles per­fekt, was Gleich­be­rech­ti­gung für trans‑, inter- und homo­se­xu­elle Men­schen angeht, den­noch sind wir in der Bun­des­re­pu­blik im Ver­gleich zu anderen Orten dieser Welt deut­lich fort­schritt­li­cher in Sachen Eman­zi­pa­tion. Darauf dürfen wir uns aber nicht aus­ruhen. Die Auf­klä­rung muss wei­ter­gehen.