Ein Trainer ist nicht ein Idiot“, sagte Gio­vanni Tra­pat­toni einmal. Ein Fuß­ball­trainer, so dachte der Ita­liener jeden­falls bis dahin, ist ein Mann des geist­rei­chen Wortes, des stil­vollen Auf­tritts, des über­legten Han­delns. Mister nennen sie die Trainer in Tra­pat­tonis Heimat. In Eng­land heißen sie Boss, Manager oder Gen­tleman, manchmal werden sogar zum Sir geadelt.


Und in Deutsch­land? Felix Magath nennen sie Idiot, weil er sich vor allem in der spiel­freien Zeit recht seltsam ver­hält. Er wirkt in den Winter- und Som­mer­mo­naten wie ein Son­der­ling aus einer ame­ri­ka­ni­schen High­school-Fern­seh­serie der acht­ziger Jahre. Er ist der Nicht-Dazu­ge­hö­rige.

Junmin Hao, Danilo Alevar, Tianjin Teda, Kar­paty Lwiw

Bei­nahe 80 Spieler hat der Coach in den ver­gan­genen vier Jahren für Schalke 04 und den VfL Wolfs­burg ver­pflichtet. Er holte Alt­stars in die Bun­des­liga zurück wie Angelos Cha­ris­teas oder Ali Karimi. Und er holte – merken Sie sich diese Namen nicht! – Junmin Hao oder Danilo Alevar von Ver­einen wie Tianjin Teda und Kar­paty Lwiw.

Gele­gent­lich wurde gerät­selt, wie Felix Magath sich über Spieler, sagen wir mal, von Tianjin Teda infor­mierte. Hatte er dort seine asia­ti­schen Scouts sitzen? War er selbst nach Tianjin geflogen? Hatte er sich die Nächte mit You­tube-Zusam­men­schnitten um die Ohren gehauen? Manchmal, so schien es jeden­falls, gefielen ihm ein­fach die Namen der Spieler. Einmal kaufte er etwa Tore Regi­ni­ussen, ein anderes Mal Anthony Annan. Ein spre­chender Name, ein wohl­klin­gender Name. Es war die alte Geschichte von Schall und Rauch.

In diesem Winter schlägt Felix Magath wieder zu. Er ver­pflich­tete jüngst Petr Jiracek von Vik­toria Pilsen, Slo­bodan Medo­jevic von Fud­balski Klub Voj­vo­dina oder Ferhan Hasani von Sken­dija Tetovo. Es werden wei­tere folgen, denn Magath kün­digte an, dass er 40 Spieler mit ins Trai­nings­lager nehmen will.

Bist du der exo­ti­sche Wun­der­stürmer aus Samoa oder Gabun?

Wenn Magath solche Sätze sagt, wirkt er wie ein von der großen weiten Welt träu­mender Mann, der aus der deut­schen Pro­vinz ent­flieht, indem er mit geschlos­senen Augen seinen Zei­ge­finger auf einen dre­henden Globus legt. Man ist drauf und dran, seine eigene Vita ein biss­chen zu schönen und einen pfif­figen Berater zu enga­gieren, um sich selbst als Wun­der­stürmer aus Samoa oder Gabun anzu­preisen. 

Dabei hat Felix Magath auch eine andere Geschichte. Er hat den Ham­burger SV einst zum Euro­pa­po­kal­sieger gemacht, mit Bayern und Wolfs­burg wurde er Deut­scher Meister, mit dem VfB Stutt­gart zog er in die Cham­pions League ein und mit Schalke fei­erte er die Vize­meis­ter­schaft. Außerdem holte er Raul und Klaas-Jan Hun­telaar in die Bun­des­liga. Doch das zählt im Moment nicht. 

Im Moment, heute, 2010, 2011 2012, gilt Magath als der Ram­sch­könig der Liga, als Trainer, der keinen Wert auf ein homo­genes Mann­schafts­ge­füge legt. Er ist die Tine Wittler der Bun­des­liga, einer, der erst mal alle ver­füg­baren Dinge in den Ein­kaufs­wagen legt, weil sie nett dra­piert wurden und günstig zu haben sind, der zuhause aber fest­stellt, dass die meisten Artikel eher von min­derer Qua­lität sind. Er, der Käufer, bleibt schließ­lich als Stil­ba­nause zurück. 

Gewiss, über Magath lässt sich leicht spotten. Und Magath lässt das über sich ergehen. Er ist es gewohnt. Im Inter­view mit 11FREUNDE sagte er neu­lich zu Trans­fers wie den alternden Herren Chris oder Soti­rios Kyr­giakos: Das sind quasi die Paten für die A‑Jugendlichen.“ Dann lächelte er. Das tut er immer dann, wenn er zu seinem Trans­fer­ver­halten befragt wird. Lächeln, lächeln, lächeln. Manchmal heißt es, er lächelt, um damit einen wie auch immer gear­teten Mas­ter­plan hinter seinem ganzen Han­deln zu sug­ge­rieren.

Wie ein Stand-Up-Comedy-Pro­gramm

Tat­säch­lich wirkt sein Gebaren nach Trans­fers eher wie das eines Paten. Er thront oben, all­wis­send. Jeden­falls ganz woan­ders als all die Que­ru­lanten, die über ihn urteilen. Von dort aus schmun­zelt er den Rummel und die Hys­terie ein­fach weg. Als ver­spotte er die Ver­hält­nisse, indem er dem Fuß­ball den Spiegel vor­hält. Als wolle er sagen: Fuß­ball funk­tio­niert nur mit Geld. Mit sehr viel Geld. Und natür­lich mit sehr vielen Spie­lern, pardon, Spie­ler­ma­te­rial.

Lassen wir also ein paar Minuten den Spott ruhen und nehmen an, sein Han­deln und Tun sei ein kri­ti­sches State­ment eines Nicht-Dazu­ge­hö­rigen auf das immer schneller wer­dende Fuß­ball­ge­schäft. Wir haben uns beson­ders nach jungen Spie­lern umge­sehen“, sagte er etwa vor einigen Tagen. Alleine diese Aus­sage! Man kann sie beim besten Willen nur als humo­ris­ti­sches Kleinod ver­stehen. Nach den Trans­fers von Alek­sandr Hleb, Hasan Sali­ha­midzic und Thomas Hitzl­sperger wäre sie jeden­falls eine wun­der­bare Pointe eines Stand-Up-Comedy-Pro­gramms.

Sein eigenes Denkmal, wie oft­mals ver­mutet wird, kann er so aller­dings nicht zer­stören. Das Lächeln, diese putzig höl­zerne Art der Außen­dar­stel­lung, die manchmal selbst­iro­ni­sche Fuß­note, die er – bewusst, unbe­wusst – an seine Sätze klebt, hebt ihn von anderen Leuten im Sport- und Pro­mi­zirkus ab, die ihren Namen, trotz großer Erfolge, quasi über Nacht voll­kommen zu ram­po­nieren. Felix Magath bleibt Felix Magath. Ein Ram­sch­könig. Ein Alles­käufer. Aber eben auch: Ein Euro­pa­po­kal­ge­winner. Ein Deut­scher Meister. Und ja, schließ­lich auch ein Idiot. Jeden­falls im ursprüng­li­chen Sinne des antiken Grie­chen­land. Dort bedeu­tete das Wort: Außen­seiter.