Wer mit der U‑Bahn anreiste, bekam beim Aus­steigen das Gefühl, nicht 22 Fuß­baller würden gleich das Spiel­feld betreten, son­dern die poli­ti­schen Köpfe dieser Welt. Im Abstand von knapp 30 Metern durch­lief der Fan bereits auf der Zubrin­ger­brücke von der Metro ins­ge­samt drei Poli­zei­kon­trollen, die nur Kar­ten­in­haber zum Aller­hei­ligsten des Fuß­balls durch­ließen. Mara­cana war am Tag des Vier­tel­fi­nals gegen Frank­reich gesi­chert wie Fort Knox. Immer wieder pas­sierte man Kolonnen von Sicher­heits­kräften, die scheinbar ohne kon­krete Auf­gabe mar­tia­lisch hoch­ge­rüstet in Reihe im und ums Sta­dion herum standen. Von dem Pro­vi­so­rium, das die Fifa noch bei der WM 1950 als Spielort zuge­lassen hatte, ist nicht viel geblieben. Damals waren große Teile der sani­tären Anlagen im Mara­cana unfertig geblieben. Viele der nomi­nell 203 000 Besu­cher des End­spiels sollen in die Anlagen uri­niert haben. Dieses Mal­heur blieb diesmal aus.

Nach wie vor eine Fas­zi­na­tion

Nach der Halb­zeit tat sich hin­gegen ein großes tür­kises Loch aus leeren Sitz­schalen auf der Haupt­tri­büne auf. Die feinen Herr­schaften auf den Vip- und Spon­so­ren­plätzen waren offenbar auf dem Toi­let­ten­gang auf­ge­halten worden oder hatten zu lang am Lachs­häpp­chen zu kauen. Naja, das Vier­tel­fi­nal­match war auch eher für Taktik-Füchse hübsch anzu­schauen. Da zogen etliche eben den kli­ma­ti­sierten Hos­pi­ta­lity-Bereich der Haupt­tri­büne in der glü­henden Mit­tags­sonne vor. Alle Kri­tiker, die das Estádio Jorna­lista Mario Filho nach dem 350 Mil­lionen Euro teuren Umbau seiner Seele beraubt sahen, konnten sich in diesen Minuten bestä­tigt fühlen. Von der Idee, einen Ort fürs Volk zu bauen, in dem der Ein­tritt ein­heit­lich fünf Real kos­tete, wo in den Rängen alle glei­cher­maßen stehen mussten und eine ähn­liche Sicht aufs Spiel­feld hatten, ist nicht viel geblieben. Den­noch geht von der denk­mal­ge­schützten Rund­fas­sade und dem Dach, das sich archi­tek­to­nisch eng an der ursprüng­li­chen Form ori­en­tiert, nach wie vor eine Fas­zi­na­tion aus, der sich kein Fuß­ballfan ent­ziehen kann.

Die klas­si­zis­ti­schen Säulen am Ein­gang, die kilo­me­ter­langen Gänge, die den Besu­cher in den unter­schied­li­chen Rängen um das Sta­di­on­in­nere herum führen, von denen man an son­nigen Tagen eine gute Sicht auf die umlie­genden Favelas hat, das hat auch beim ersten Besuch etwas sehr Ver­trautes, das man bis­lang nur aus Büchern kannte. Auch wenn es die Fifa nicht gerne sieht, wenn die schrei­bende Presse wäh­rend der WM-Spiele Fotos macht, ließen sich viele Kol­legen erst einmal vor der Sta­di­on­ku­lisse ablichten. Und im Rang dar­unter, dem Block für Staats­gäste und Super-Vips, stand Ita­liens Welt­meister, Fabio Can­na­varo, im silbrig glän­zenden Maß­anzug und tat es auch. Der Mythos ist nicht tot, er wir nur anders gedeutet.