An dieser Stelle schreibt Thomas Broich über seine Erleb­nisse mit Bris­bane Roar, die momentan in der AFC Cham­pions League spielen. Wir ver­losen dazu jedes Mal eine signierte DVD des sehr sehens­werten Doku­men­tar­films von Aljoscha Pause über Thomas Broich: Tom meets Zizou“. Schickt eine Mail mit Name und Adresse an: quiz@​11freunde.​de. Stich­wort: Roar!

Tokio, 03.05.2012

Das ist sie also, die pul­sie­rende Metro­pole. Ein asia­ti­scher Mythos. Unfassbar groß, schwer zu begreifen. Im Groß­raum Tokio leben rund 35 Mil­lionen Men­schen. Keine City of Lights“ wie Los Angeles, eher die City of Neon Lights. Vor Leucht­re­klamen sieht man keine Häuser mehr. Doch was ist die viel-schild­rige Mes­sage? Lost in trans­la­tion. Nun also auch ich. Und doch leider nicht wirk­lich. In der Kürze der Zeit konnte mir noch nicht einmal Scar­lett Johans­sons Mutter über den Weg laufen. Schade. Zu gerne würde ich dem fas­zi­nie­renden Flim­mern und Rau­schen dieses Leucht­turms fern­öst­li­cher Zivi­li­sa­tion länger nach­spüren.

Doch so fremd mir diese Stadt erscheint – meteo­ro­lo­gisch betrachtet war unser Spiel ges­tern Abend gegen den FC Tokio ein Heim­spiel. Fritz Walter-Wetter XXL. Schwül-warm und 90 Minuten mon­sun­ar­tiger Dau­er­regen. Wir kennen das aus Aus­tra­lien, was aber nicht heißt, dass wir es lieben. Fuß­ball spielen ist dann eben schwer. Obwohl wir im Olym­pia­sta­dion von 1964 einen guten Start erwischten und schon nach vier Minuten mit 1:0 in Füh­rung gingen, gewann Tokio am Ende mit 4:2.

Wir hätten dieses fünfte Vor­runden-Spiel wirk­lich gewinnen können. Da unser Aus­scheiden aus der Cham­pions League aber bereits vor dem Match nahezu fest­stand, hielt sich die Ent­täu­schung in Grenzen. Zumal immer noch die Euphorie unseres natio­nalen Titel­ge­winns nach schwingt. Die Tage rund um das Grand Final“ waren unglaub­lich.

Spiel­vor­be­rei­tung sieht in Aus­tra­lien etwas anders aus als in Deutsch­land. Zumin­dest was die Eigen­ver­ant­wor­tung der Profis betrifft. Das war auch beim großen Finale um die Meis­ter­schaft nicht anders. Wäh­rend es in der Bun­des­liga undenkbar wäre, den Spie­lern in der Nacht vor einem wich­tigen Match freie Hand zu lassen, ist es in der A‑League Gang und Gäbe, bei Heim­spielen zu Hause zu über­nachten.

Streng genommen war ich am Vor­abend des End­spiels sogar in Ver­eins-Mis­sion unter­wegs. Die Ver­ant­wort­li­chen von Bris­bane Roar hatten mich – zunächst ohne meine Kenntnis – für ein paar Stücke mit der Big Band beim Fest-Ban­kett im Anschluss an das Finale ein­ge­plant. Wis­send, dass ich bei Musik immer schwach werde. Um nicht unnötig nervös in den Finaltag zu starten, schaffte ich mir also mit meinen Freunden Georgie und Che­yenne ein paar Klas­siker wie Valerie“ oder Hit The Road Jack“ drauf. Spiel­vor­be­rei­tung nach Aussie-Art.

» Die besten Bilder vom Grand Final und der Meis­ter­feier

Wie trist dieser Gig bei einer Nie­der­lage aus­ge­fallen wäre, muss ich mir jetzt glück­li­cher­weise nicht mehr aus­malen. Mitten im Spiel aller­dings tat ich genau das. Es war etwa die 60. Minute, wir lagen bereits 0:1 zurück. Und plötz­lich schoss es mir durch den Kopf. Es konnte doch nicht sein, dass wir jetzt dieses Finale ver­lieren. Wir hatten so ein auf­wän­diges Musik-Set vor­be­reitet, extra am Vor­abend noch geprobt. Wir konnten uns das ein­fach nicht ver­sauen lassen. Sicher war die Musik nicht der ein­zige Grund für meinen unver­hofften Ener­gie­ein­schuss.

Obwohl ich schon am Limit war, konnte ich jetzt noch zwei Schippen drauf­legen und bis zum Abpfiff über meine Grenzen hin­aus­gehen. Es erin­nerte mich an meine Kölner Zeit, als ich für den Auf­stieg meine letzten Reserven mobi­li­sieren musste. Mir wurde schwin­delig. Noch auf dem Spiel­feld hätte ich mich am Liebsten über­geben. An diesem Abend habe ich vier Kilo abge­nommen. Ohne Über­trei­bung. Was man nicht alles tut für die Musik. Und für ein großes Fuß­ball­match.

» Die besten Bilder vom Grand Final und der Meis­ter­feier

Der Final-Tag in Bris­bane hatte mit einer all­ge­gen­wär­tigen Vor­freude begonnen. Schon als ich mir mor­gens um die Ecke an der Grey Street meinen Cap­puc­cino holte, sah ich die ersten Fans in Roar-Tri­kots. Über der ganzen Stadt lag diese Fest­tags­stim­mung, schon lange bevor die orange-far­benen Massen sin­gend und fei­ernd Rich­tung Sta­dion zogen. Das Grand Final wird in Aus­tra­lien zele­briert wie kein anderes Fuß­ball­spiel. Einen Tag lang spielen Rugby und Cri­cket nur die zweite Geige. Natür­lich ist das alles ziem­lich über­trieben und sehr ame­ri­ka­nisch. Ein Show­down wie beim Super­bowl. Den­noch kann man sich der Fas­zi­na­tion dessen nicht ent­ziehen. Jeden­falls nicht als Betei­ligter.

Dem großen Show­pro­gramm im Sta­dion folgte das fei­er­liche Ein­laufen der Mann­schaften vor 50.000 Zuschauern – und die aus­tra­li­sche Natio­nal­hymne. Da bekommt man schon Lust zu kicken. Wobei es danach in der ersten Hälfte, offen gestanden, nicht aussah. Perth Glory mau­erte, und wir fanden nicht die rich­tigen Mittel. Kurz nach der Pause fiel wie aus hei­terem Himmel das Tor für Perth. Ein Eigentor unseres rechten Ver­tei­di­gers Ivan Franjic. Der Ball wäre von alleine nie­mals Rich­tung Tor gekommen. Perth brachte es tat­säch­lich fertig, in der kom­pletten Partie nicht ein ein­ziges Mal selber auf unser Tor zu schießen.

Umso mehr habe ich mich im Nach­gang dar­über gewun­dert, dass die Glory-Spieler ein­ge­denk eines ver­meint­lich unbe­rech­tigten Elf­me­ters über Dieb­stahl“ und Betrug“ lamen­tierten. Abge­sehen davon, dass mit den ver­füg­baren Kame­ra­per­spek­tiven ein­deutig nach­ge­wiesen werden konnte, dass der Straf­stoß berech­tigt war, ging es mir um etwas anderes. Wir hatten die zweite Hälfte klar domi­niert. Perth, mitt­ler­weile zu Zehnt, hatte keine ein­zige Chance. Spä­tes­tens in der Ver­län­ge­rung hätten wir das Spiel für uns ent­schieden. Wer in einem Grand Final so wenig ris­kiert und inves­tiert und sich nachher beklagt, dem fehlt es an Sports­geist. Das habe ich in den Inter­views auch klar arti­ku­liert – und bin von Glory“-Seite dafür kri­ti­siert worden.

Bei­nahe wäre Perth mit dieser Men­ta­lität Meister geworden. Uns rannte die Zeit davon. Etwa in der 80. Minute stand ich bei einer Ver­let­zungs­un­ter­bre­chung am Spiel­feld­rand. Flüs­sig­keits­zu­fuhr, der letzte Stroh­halm für den dehy­drierten Körper. Auf der Video-Lein­wand lief das Pro­gramm des über­tra­genden Sen­ders Fox Sports, der wäh­rend des Spiels regel­mäßig aktu­elle Twitter-Bei­träge ein­spielte. Noch wäh­rend ich trank, wan­derten meine Augen zur Anzei­gen­tafel. Jemand twit­terte: Ange Pos­teco­glou hat weder als Spieler noch als Trainer jemals ein Grand Final ver­loren.“ Ich drehte mich Rich­tung Trai­ner­bank und wies mit einer Kopf­be­we­gung auf den Twitter-Bei­trag: Trainer, stimmt das?“ Der Coach nickte ernst. Dann brauche ich mir ja keine Gedanken zu machen“, froh­lockte ich mit einem Augen­zwin­kern. Pos­teco­glou hatte nicht wirk­lich Sinn für die Situa­ti­ons­komik.

» Die besten Bilder vom Grand Final und der Meis­ter­feier

Erst als das Spiel gewonnen war und er die Bege­ben­heit, in eine seiner tro­ckenen Anek­doten ver­packt, auf dem Ban­kett zum Besten gab: Manchmal fragt man sich schon, was den Spie­lern auf dem Platz so durch den Kopf geht.“ Tat­säch­lich hat Ange nun alle sechs Grand Finals seiner Kar­riere gewonnen. Zwei als Spieler, vier als Trainer. Bei mir ist also noch Luft nach oben.

Da die beiden Rugby-Teams der Stadt, die Broncos und die Reds, nun wieder Woche für Woche über den Platz pflügen, ist es leider nur noch ein bes­serer Kar­tof­fel­acker. Der ein­zige Grund, warum er im Fern­sehen noch halb­wegs adrett daher kommt, ist die Tat­sache, dass er allen Ernstes vor dem Match grün ange­malt wird. Das darf man eigent­lich keinem erzählen. Es wäre aller­dings eine wit­zige Wer­bung für eine Bau­markt-Kette. Viel­leicht nicht gerade für die Gar­ten­ab­tei­lung. Trotz der wid­rigen topo­lo­gi­schen Bedin­gungen war unsere Marsch­route für die zweite Hälfte klar. Auch nach dem Rück­stand. Ball laufen lassen, ruhig bleiben. Stick to the game plan – don’t panic“. Obwohl Perth sehr unan­ge­nehm ver­tei­digte. Uns war klar, dass wir als Team nicht den aller­besten Tag erwischt hatten. Und doch stei­gerten wir uns suk­zes­sive bis zu einem finalen Cre­scendo“. Allein: unser Game-Plan“ sah nicht vor, dass wir den Ball in den Straf­raum flanken. Wir sollen immer schön alles zu Ende kom­bi­nieren.

Das Pro­blem war, dass unser Stürmer Besart Berisha, der beste Tor­jäger der Liga, wei­test­ge­hend ohne Tor­chance blieb. Da musste ich dann doch einmal etwas vom Plan abwei­chen. Berisha ist ziem­lich clever zwi­schen den beiden Innen­ver­tei­di­gern durch gestartet und hat die Flanke mit einem per­fekten Kopf­ball erwischt. Er ist sonst nicht wirk­lich der König der Lüfte. In sofern war das im dop­pelten Sinne eine iro­ni­sche Pointe, nachdem unser Trainer bis zum Abwinken gepre­digt hatte: Wir werden nicht nervös, wir kom­bi­nieren ruhig, wir flanken nicht.“

Es war die 83. Minute als der Aus­gleich fiel. Das Sta­dion tobte. Die Zuschauer stellten sich nun auf eine Ver­län­ge­rung ein, die Spieler von Perth Glory sowieso. Wir hin­gegen machten auch in der Nach­spiel­zeit weiter Druck. Es war in gewisser Weise fol­ge­richtig, dass wir so noch das 2:1 erzielt haben. Wir hatten die Bälle kon­ti­nu­ier­lich in die Schnitt­stellen gespielt. So kam auch der Elf­meter zu Stande. In der 94. Minute. Kein Mensch hätte geglaubt, dass das Grand Final noch mal einen ähn­lich dra­ma­ti­schen Ver­lauf nehmen könnte wie in der Vor­saison. Der Gefoulte, Besart Berisha, rannte unmit­telbar nach dem Elf­meter-Pfiff wie wild geworden zur Eck­fahne. Das ganze Sta­dion ver­sank in Euphorie. Alle drehten durch. Mir wurde mulmig. Ich dachte, ich sei im fal­schen Film.

» Die besten Bilder vom Grand Final und der Meis­ter­feier

Das war nicht der Schluss­pfiff. Wir hatten noch nicht gewonnen. In der kom­pletten Saison hatten wir von fünf Elf­me­tern vier ver­schossen – und nun jubelten alle, sie­ges­si­cher, obwohl noch nicht einmal geklärt war, wer schießen würde. Einige Kol­legen hatten sich im Laufe der letzten Spiele als Schützen dis­qua­li­fi­ziert. Und wer Tom Meets Zizou“ gesehen hat, weiß, dass Elf­meter auch nicht meine Lieb­lings-Dis­zi­plin sind.

Schließ­lich kam Berisha mit einer – für die 95. Minute eines Finales – unge­wöhn­lich selbst­be­wussten, fast über­trie­benen Kör­per­hal­tung von der Eck­fahne zurück. Mit dem Ernst eines Auf­trags­kil­lers schnappte er sich den Ball und machte ihn locker unten rechts rein. Davor kann ich nur meinen Hut ziehen. Wir waren Meister. Das Sun­corp Sta­dium, The Den“, wie es die Fans nennen, explo­dierte. Unter dieser Dra­matik machen wir es wohl nicht.

Die Party war gerettet. Mein Auf­tritt mit der Band also auch. Obwohl ich den Anfang ziem­lich ver­mas­selt habe. Ich bin glatt mal um einen Halbton in der Tonart ver­rutscht. Im Publikum hat das zwar keiner mit­be­kommen, aber es war mir trotzdem ziem­lich pein­lich. Egal auf wel­chem Ter­rain – es ist schon hilf­reich, wenn man Profis um sich herum hat. Die anderen Musiker, fle­xibel wie sie waren, sind also ganz cool in meine Tonart gewech­selt und weiter ging’s. Ist eben auch ein Mann­schafts­sport.

Am nächsten Tag stand die Meister-Party in Bris­bane Down­town auf dem Pro­gramm. In einer Street Parade“ fuhren wir mit Old­ti­mern durch die City und fei­erten zusammen mit den Fans in der Queen Street. Auch der Abend wurde ent­spre­chend feucht-fröh­lich. Am dritten Fei­ertag“ hatte ich keine Lust mehr auf die gän­gigen Loca­tions und das übliche Pro­gramm. Also habe ich die Pla­nung selber in die Hand genommen und das kom­plette Team zu einer Jam-Ses­sion in eine meiner Lieb­lings­bars geschleppt. Zusammen mit Che­yenne, Georgie, meinem vir­tuosen Kumpel Matt am Bass und ein paar anderen Freunden haben wir ordent­lich Gas gegeben. Die meisten meiner Mit­spieler waren sehr angetan, ein paar wollten gar nicht mehr nach Hause. Wäh­rend einige der jün­geren Kol­legen unsere Dar­bie­tung eher als Zumu­tung emp­fanden – und in Erman­ge­lung einer höheren Dichte an fei­er­wü­tigen Blon­dinen lieber ein paar Läden weiter zogen.

Zwei aus meiner Musik-Clique sind rich­tige Roar-Fans. Micky und Gavin. Ver­mut­lich habe ich es deren Fuß­ball-Manie zu ver­danken, dass ich über­haupt mit­spielen darf – im Kreis dieser Pro­fi­mu­siker. Manchmal an der Gitarre – und an diesem Abend eben am Piano. Da unser Sponsor extra zum Grand Final jedem Spieler eine Gravur der End­spiel-Schuhe spen­diert hatte, habe ich mich für Micky’s und Gavin’s Lieb­lings-Akkorde als Motiv ent­schieden. Und habe ihnen die Schuhe an diesem Abend mit­ge­bracht. Als Dan­ke­schön für das musi­ka­li­sche Asyl. Ohne die Mucke wäre Bris­bane für mich nur die Hälfte wert.

Es war eine herr­lich rau­schende Nacht, mit dieser für mich neuen Sym­biose aus Fuß­ball-Kol­legen und Musiker-Freunden, die erst nach dem Mor­gen­grauen endete. Übri­gens wieder mit einem ver­wan­delten Elf­meter. Doch dieses Mal war Bas­tian Schwein­s­teiger der Absender. Wir hatten es uns nicht nehmen lassen, bis um 7.30 Uhr aus­zu­harren, um Bay­erns Cham­pions-League-Tri­umph gegen Real Madrid bis zum Ende mit zu erleben. Das hat dann selbst unser Grand-Final-Drama noch mal locker getoppt. Um 8 Uhr bin ich ins Bett gefallen, müde aber glück­lich.

Unsere Cham­pions-League-Saison ver­lief leider nicht ganz so glor­reich wie die des FC Bayern. Aber wenn wir die rich­tigen Lehren ziehen, können wir im nächsten Jahr ein ernstes Wört­chen mit­reden. Ohnehin bin ich weit davon ent­fernt, mich zu beschweren. Ich habe Peking, Ulsan in Süd­korea und jetzt Tokio im Crash-Kurs kennen gelernt. Und ich konnte end­lich auf inter­na­tio­nalem Niveau Fuß­ball spielen. In der kom­menden Saison ist dann eben das nächste Level dran. Und Scar­lett Johansson kann mir ja in Bris­bane ebenso gut begegnen.