Wer gewinnt?“.
Polen!“.
Wer gewinnt?“.
Polen!“.
Wer gewinnt?“
Polen! Die Weiß-Roten!“

Es ist Mitt­woch, der 29. Februar, knapp eine Stunde vor dem Län­der­spiel der Polen gegen Por­tugal. In genau hun­dert Tagen wird die dies­jäh­rige EM ange­pfiffen. In genau diesem Sta­dion, in dem der Sta­di­on­spre­cher wieder fragt, wer das Spiel gewinnt und in dem er wieder die gleiche Ant­wort zu hören bekommt: POLSKA!“

Es ist ein Ruf, der bis auf die nahe gele­gene Ponia­towski-Brücke hallt, von wo man einen traum­haften Blick auf diesen weiß-rot erleuch­teten Wei­den­korb hat. Kurwa, was für ein Sta­dion“, sagt Rafal, der für das Spiel aus dem ober­schle­si­schen Ratibor in die pol­ni­sche Haupt­stadt ange­reist ist. Auch wenn er nicht gerade an einen Erfolg der Kadra“ glaubt. Unsere Natio­nal­mann­schaft ist schwach wie die ganze Liga“, sagt Rafal. Aber das Sta­dion ist Welt­klasse. Besser als so man­ches bei euch in Deutsch­land. Und ich weiß es, da ich nur wegen der Bun­des­liga regel­mäßig nach Deutsch­land fahre.“ Das ist Europa“, fügt Rafals Freund Zby­szek voller Stolz hinzu und zeigt dabei mit dem Finger auf das Natio­nal­sta­dion.

Es ist ein Satz, der Pro­gramm war für diesen Tag und die dar­auf­fol­genden Wochen. Die Polen sind stolz auf ihre EM-Vor­be­rei­tungen, auch wenn nicht alle Pläne rea­li­siert werden konnten und ihre eigene, zum pol­ni­schen Natio­nal­be­wusst­sein dazu­ge­hö­rende Skepsis, sie immer noch an sich und an einen Erfolg der EM zwei­feln lässt. Gegen­über einem Eng­länder oder einem Fran­zosen fühlen wir uns immer noch schlechter“, sagte am Montag der Kaba­ret­tist Grze­gorz Mar­kowski in Polens bekann­tester Fern­seh­talk­show.

Und nun, einen Monat vor dem Beginn der EM wachsen diese Zweifel am Tur­nier. Grund dafür sind jedoch nicht die unfer­tigen Auto­bahnen oder die vielen Bau­stellen, die auch wäh­rend des Tur­niers in den vier Gast­ge­ber­städten zum Stadt­bild gehören werden, son­dern die in Deutsch­land und dem rest­li­chen Europa geführte Debatte um einen EM-Boy­kott der Ukraine. Ich gebe zu, dass das Ver­halten von Prä­si­dent Viktor Janu­ko­witsch auch dem Ansehen Polens und der EM schaden kann“, brachte als einer der ersten pol­ni­schen Poli­tiker der Euro­pa­ab­ge­ord­nete Jacek Saryusz-Wolski die Angst der Polen auf den Punkt.

Viel­leicht wäre es gut, wenn wir dem Westen klar­ma­chen würden, dass es absurd ist, Polen dafür zu bestrafen, wie die Ukraine mit seiner ehe­ma­ligen Minis­ter­prä­si­dentin umgeht“, kom­men­tierte darauf der Jour­na­list Michal Szuld­rzynski in der Tages­zei­tung Rze­cz­pos­po­lita“. Eine Mei­nung, mit der Szuld­rzynski nicht alleine blieb. Der kon­ser­va­tive Euro­pa­ab­ge­ord­nete Pawel Kowal bezeich­nete die Absage Redings als fehl am Platze“ und ver­wies dabei auf die EU-Mit­glied­schaft Polens. Und auch die pol­ni­sche Regie­rung machte in ihrer ersten Stel­lung­nahme aus ihrer Ver­är­ge­rung kein Geheimnis. Schon die Boy­kott­auf­rufe der EM in der Ukraine sind ein Miss­ver­ständnis. Aber der Boy­kott von Spielen in Polen wegen der Situa­tion in der Ukraine, sind noch ein grö­ßeres Miss­ver­ständnis“, erklärte ver­gan­gene Woche der Spre­cher des pol­ni­schen Außen­mi­nis­te­riums, Marcin Bosacki.

Dass diese Angst nicht unbe­gründet ist, zeigte Viviane Reding, EU-Kom­mis­sarin für Justiz. Schon eine Woche bevor die gesamte EU-Kom­mis­sion ihren Boy­kott der EM-Spiele bekannt gab, erklärte die Poli­ti­kerin, aus Pro­test gegen die Haft­be­din­gungen von Julia Timo­schenko das EM-Eröff­nungs­spiel am 8. Juni boy­kot­tieren zu wollen. Dass das Tur­nier jedoch in War­schau ange­pfiffen wird, ist Reding offenbar egal.

Damit brachte Bosacki aber auch zum Aus­druck, was die pol­ni­sche Regie­rung und mit ihr der Groß­teil der pol­ni­schen Öffent­lich­keit von den Boy­kott­auf­rufen west­li­cher, vor allem deut­scher Poli­tiker denkt: man hält sie für ver­logen. Warum aber kommt dieses Inter­esse so spät? Viel­leicht hätte Alarm geschlagen werden sollen, als Sie­mens oder andere deut­sche Unter­nehmen Ver­träge für die Vor­be­rei­tung der Meis­ter­schaft abräumten? Oder vor einigen Jahren, als Sie­mens half, Peking für die Olym­pi­schen Spiele im Land der poli­ti­schen Häft­linge fit zu machen?“, läs­terte die Rze­cz­pos­po­lita“, wäh­rend die libe­rale und nicht gerade Deutsch­land-kri­ti­sche Gazeta Wyborcza“ rhe­to­risch fragte, warum deut­sche Poli­tiker nicht ähn­lich gegen­über Russ­land han­deln. Sie fürchten das mäch­tige Russ­land und werden sich nicht mit ihm auf eine Polemik ein­lassen. Doch die Ukraine ist ein Rand­staat, ein schwarzes Loch mitten in Europa.“

Die Gründe für diese har­sche Kritik liegen aber nicht nur in der Angst vor einem ver­pfuschten Fuß­ball­fest in der Ukraine, das durch einen Boy­kott auch für uns Ver­lust und ver­geb­li­chen Ein­satz von Kraft und Geld bedeuten würde“, wie es Prä­si­dent Bro­nislaw Komo­rowski in einem Fern­seh­in­ter­view aus­drückte, son­dern auch in der pol­ni­schen Außen­po­litik. Denn wäh­rend deut­sche und andere west­eu­ro­päi­sche Poli­tiker zu den Ereig­nissen in der Ukraine schwiegen, zumin­dest bis vor einigen Tagen, scheute sich War­schau nicht, Janu­ko­witsch und seine Politik zu kri­ti­sieren. Zudem hat man in der pol­ni­schen Haupt­stadt auch nicht ver­gessen, dass die Annä­he­rung der Ukraine an die EU, die der pol­ni­schen Politik, egal wel­cher Gesin­nung, stark am Herzen liegt, bisher auch an den deut­schen Part­nern schei­terte.

Und wahr­schein­lich würde die tief­ge­spal­tene pol­ni­sche Politik aus­nahms­weise diese Hal­tung ein­stimmig ver­treten, wenn die innen­po­li­ti­schen Gräben nicht doch so tief wären, wie sie spä­tes­tens seit dem Flug­zeug­un­glück von Smo­lensk sind. Denn seit dem Tod von Prä­si­dent Lech Kac­zynski und 95 wei­teren, teil­weise rang­hohen Ver­tre­tern des öffent­li­chen Lebens in Polens im April 2010, betreibt der ehe­ma­lige Regie­rungs­chef Jaroslaw Kac­zynski als Chef der größten Oppo­si­ti­ons­partei eine Fun­da­men­tal­op­po­si­tion, die in Europa wahr­schein­lich ein­malig ist. Alles, was Minis­ter­prä­si­dent Donald Tusk vor­schlägt, der nach Mei­nung der natio­nal­kon­ser­va­tiven Anhänger von Jaroslaw Kac­zynski eh nur ein Ver­räter und eine Mario­nette Mer­kels und Putins ist, ist falsch. Und so wun­dert es nicht, dass Jaroslaw Kac­zynski und seine natio­nal­kon­ser­va­tive Recht und Gerech­tig­keit (PiS) seit Don­nerstag die ein­zige poli­ti­sche Grup­pie­rung sind, die die Boy­kott­auf­rufe unter­stützt.

Dass Kac­zynski jedoch nicht das Wohl­ergehen Timo­schenkos und der gesamten ukrai­ni­schen Oppo­si­tion am Herzen liegt, zeigen schon zwei Bei­spiele. Zeit­gleich mit der Boy­kott­erklä­rung Kac­zynskis, ver­öf­fent­lichte der PiS-Euro­pa­ab­ge­ord­nete Rys­zard Czarnecki in seinem Blog einen Text, in dem er über die deut­schen Boy­kott­auf­rufe und Frau Merkel“ läs­terte. Die natio­nal­kon­ser­va­tiven Medien dagegen zeigten sich zunächst von Kac­zynskis Vor­stoß irri­tiert, feiern nun aber die Weit­sicht des poli­ti­schen Füh­rers“ und jubeln dar­über, dass Tusk als ein­ziger EU-Poli­tiker wäh­rend der EM neben Putin und Janu­ko­witsch sitzen wird. Und sollte Tusk dies ver­meiden wollen, dann ist das nach Ansicht der Kac­zynski-Anhänger auch schlecht, denn dann hätte Tusk mal wieder nur gezeigt, dass er nach der Pfeife Mer­kels tanzt, wie es am Wochen­ende ein PiS-Poli­tiker aus­drückte.

Doch gerade diese von Kac­zynski ver­ur­sachte inner­pol­ni­sche Boy­kott­dis­kus­sion zeigt, in wel­chem Dilemma sich Polen momentan befindet. Einer­seits ist man gegen­über Kiew skep­tisch, ander­seits möchte man es sich mit dem Partner im Osten, ohne den es die EURO 2012 nie­mals gegeben hätte, aus Rück­sicht auf das Tur­nier nicht ver­derben. Und dass dies ein Draht­seilakt ist, zeigt der EM-Boy­kott der EU-Kom­mis­sion. Dieser gehören näm­lich auch pol­ni­sche Poli­tiker an.

Und so hält das offi­zi­elle War­schau wei­terhin an seiner Mei­nung, obwohl Kac­zynski die Lage am Freitag noch mehr ver­schärfte indem er die UEFA auf­for­derte, wenigs­tens das Finale von Kiew nach War­schau zu ver­legen. Ein Gedanke, der den meisten Polen durchaus gefällt, und dies erst nicht nur seit diesem Wochen­ende.

Es wäre schon schön gewesen, wenn wir die EM auch alleine aus­richten würden oder wenigs­tens noch das Finale“, sagte Joanna, eine Stu­dentin, am Tag der Sta­di­oner­öff­nung in War­schau. Damals saß sie mit vielen anderen Fuß­ball­fans in der Pija­lnia“, einer kleinen Kneipe in der War­schauer Pracht­straße Nowy Swiat, die am 29. Februar ein Treff­punkt der War­schauer Fuß­ball­fans war. Und das nicht nur wegen der Sport­zei­tungen aus den Zeiten der Volks­re­pu­blik, die in der Kneipe als Tapete dienen, und der Nähe zum Natio­nal­sta­dion, son­dern wegen der Geträn­ke­preise von 1 Euro. Doch seien wir ehr­lich. Auch wenn es Polen besser geht als der Ukraine. So ein Tur­nier alleine könnten wir nicht orga­ni­sieren.“

Und dies scheint auch Kac­zynski zu wissen. Am Dienstag, genau einen Monat vor dem Beginn der EM, lud er die pol­ni­schen Jour­na­listen zu einer Pres­se­kon­fe­renz ein. Auf einer Bau­stelle der Auto­bahn A2. Einer in Polen mitt­ler­weile berühmt-berüch­tigten Auto­bahn, da sie das Symbol für die unfer­tigen EM-Bau­pro­jekte ist.