Es war, als hätte ihr Verein ein ent­schei­dendes Gegentor kas­siert. Im Hotel Palace in Berlin ver­harrten die Fan­ver­treter und ver­folgten auf ihren Lap­tops, was einige hun­dert Meter weiter pas­sierte. Ver­treter von DFB und DFL sowie der Innen­mi­nister ver­kün­deten die Ergeb­nisse ihres Sicher­heits­gip­fels. Was die Fans sahen und hörten, ver­schlug ihnen die Sprache. Die Dauer von Sta­di­on­ver­boten soll nun von bisher drei auf bis zu zehn Jahren erhöht werden. Jakob Falk von der Fan-Orga­ni­sa­tion Pro Fans“ bezeich­nete das als Schlag ins Gesicht“.

2007 war die Dauer der Sta­di­on­ver­bote noch von fünf auf drei Jahre zurück­ge­setzt worden. Fan­ver­treter mahnten immer wieder die teils will­kür­liche Praxis der Ver­bote an. Als exem­pla­risch dafür gilt der Fall eines Nürn­berger Fans, der für das Auf­hängen einer Fan­klub-Fahne ein ein­jäh­riges, bun­des­weites Sta­di­on­verbot erhielt. Die Sta­di­on­ver­bots­richt­li­nien ver­stoßen gegen gel­tendes Recht“, sagte René Lau von der AG Fan­an­wälte. Der DFB plante zwar eine AG Sta­di­on­ver­bote, die sich mit dieser The­matik befassen und der auch ein Fan­ver­treter ange­hören sollte. Mit der neuen Maß­gabe jedoch scheint dieses Ansinnen hin­fällig. Wenn wirk­lich durch­ge­setzt wird, dass Fans zehn Jahre aus­ge­sperrt werden, dann ist der Dialog end­gültig geschei­tert“, sagte Philipp Mark­hardt von Pro Fans“.

Ver­band schlägt Dia­log­an­gebot aus

Rund um den Sicher­heits­gipfel machten die Ver­bände und Ver­eine aller­dings wie­derum deut­lich, wie wenig ihnen an einem Dialog gelegen ist. Zunächst hatten sie die Anfrage der Fan­ver­tre­tungen abge­schmet­tert, am Sicher­heits­gipfel teil­zu­nehmen. Dann igno­rierten sie das aber­ma­lige Gesprächs­an­gebot der Fans. Die füh­renden Fan­or­ga­ni­sa­tionen ver­an­stal­teten am Dienstag eine Pres­se­kon­fe­renz im Hotel Palace – gerade mal fünf Minuten Fußweg vom Sicher­heits­gipfel ent­fernt. Das hier ist keine Gegen­ver­an­stal­tung, son­dern ein Gesprächs­an­gebot“, stellten sie bereits zu Beginn klar.

Sach­lich und reflek­tiert prä­sen­tierten sieben Männer im Alter von Mitte 20 bis Ende 40 der Presse ihre Ansichten – zu Fan­pro­jekt­ar­beit, Pyro­technik, Sta­di­on­ver­boten und Gewalt im Fuß­ball. Wir wissen, wie die Leute in der Kurve ticken. Wir können mit diesem Exper­ten­wissen helfen“, sagte Philipp Mark­hardt. Die Presse füllte am Mittag den großen Kon­fe­renz­raum des Hotels, am Nach­mittag wäre genug Platz gewesen für die über 100 Ver­bands- und Ver­eins­ver­treter, die per­sön­lich von den Fans ein­ge­laden worden waren. Es kamen nicht hun­dert, nicht fünfzig, nicht zehn. Es kamen vier. Keiner von der DFL oder vom DFB.

Rein­hard Rau­ball, der Chef der Deut­schen Fuß­ball-Liga, begrün­dete die Absage an die Fans mit den Worten: Heute saßen die­je­nigen zusammen, die für das, was pas­siert, auch gera­de­stehen müssen.“

Womit eigent­lich auch die Fans gemeint wären. In Rau­balls Aus­sage wurde der eigent­liche Sinn des Sicher­heits­gip­fels deut­lich: Es ging mit­nichten um eine Dis­kus­si­ons­runde von Politik, Ver­einen und Ver­bänden, son­dern um Beteue­rungen der Ver­bände an die Politik. Ein Schüler, der zum Rap­port beim Lehrer muss. Union Berlin blieb dem Treiben fern, Pres­se­spre­cher Chris­tian Arbeit sprach von einer Akkla­ma­ti­ons­ver­an­stal­tung“. Eine Ein­schät­zung, der auch man­cher Teil­nehmer nicht wider­spre­chen wollte. Man kann schon den Ein­druck gewinnen, dass wir nur zum Abni­cken gekommen sind“, sagte ein Klub­funk­tionär hinter vor­ge­hal­tener Hand.

Am Montag gegen 16:00 Uhr sen­deten DFB und DFL ihren aus­ge­ar­bei­teten Ver­hal­tens­kodex an die Ver­eine, denen damit keine Zeit blieb, das Papier mit allen Ver­ant­wort­li­chen zu bespre­chen. Am Dienstag um elf Uhr traten die Funk­tio­näre zusammen. Der Kodex wurde dort circa 45 Minuten zwar heftig dis­ku­tiert, Ände­rungen wurden jedoch nicht vor­ge­nommen. Die Zeit drängte, denn schließ­lich kamen wenig später die Poli­tiker hinzu. Da hieß es, dass man ein Signal der Geschlos­sen­heit abgeben muss“, erklärte ein Ver­eins­ver­treter.

Bereits um 14:30 Uhr wurde die Pres­se­mit­tei­lung ver­öf­fent­licht, die neben dem Ehren­kodex auch die Maß­nahmen wie die Erhö­hung der Sta­di­on­ver­bots­dauer auf­lis­tete. Auch dieser Schritt irri­tierte so man­chen Klub­funk­tionär, der davon aus­ge­gangen war, dass ledig­lich der Kodex ver­öf­fent­licht werde. Denn die Maß­nahmen haben zunächst einmal nur Emp­feh­lungs­cha­rakter für die Ver­eine, intern fir­mierte der Maß­nah­men­ka­talog“ als Mög­lich­kei­ten­ka­talog“.

Angst vor Radi­ka­li­sie­rung

Den­noch werden hef­tige Reak­tionen aus der Fan­szene wohl nicht aus­bleiben. Für den Start der Dritten Liga am kom­menden Wochen­ende rechnen auch Ver­eins­ver­treter mit Pro­testen und Pyro­technik. Wir haben die Chance, diese Leute zu errei­chen“, sagte Jakob Falk von Pro­Fans“. Doch wenn wir nicht gehört werden, scheint es auf ein Kräf­te­messen hin­aus­zu­laufen.“ Durch die Miss­ach­tung des Ver­bandes ver­lieren die mode­raten Kräfte an Ein­fluss in den Kurven. Falk sagt: Wenn wir nicht Erfolge unserer Arbeit prä­sen­tieren, werden sich Teile der Fans radi­ka­li­sieren.“

Das Rezept von Coca-Cola, der Algo­rithmus von Google, der Bibel-Code oder der Ort des Bern­stein­zim­mers – die größten Rätsel der Mensch­heit müssen um ein Kapitel ergänzt werden: Die kon­se­quente Ableh­nung der Fuß­ball­ver­bände für einen Dialog mit den Fans.