Hans Meyer, wie infor­mieren Sie sich über die kom­mende Saison? Lernen Sie Son­der­hefte aus­wendig, oder bereitet Ihnen eine Hilfs­kraft ein paar Kar­tei­karten vor?
Ich bin fast 70 Jahre alt und soll noch aus­wendig lernen? Sie scherzen! Und eine Hilfs­kraft? Die kostet doch Geld! Nein. Gehen Sie davon aus, dass ich schon alles weiß.

Sie sind seit einem Jahr Vor­stands­mit­glied bei Borussia Mön­chen­glad­bach. Ihre Besuche auf der Geschäfts­stelle werden von Augen­zeugen mit einer Chef­arzt­vi­site ver­gli­chen. Dürfen wir Sie jetzt mit Herr Doktor“ anreden?
Ein Scheiß­ver­gleich. Wenn ich mich nicht irre, besucht ein Chef­arzt Kranke, und ich habe das Gefühl, dass unsere Borussia sich momentan so gesund wie lange nicht prä­sen­tiert. Aber Herr Doktor“ können Sie mich trotzdem gerne nennen. Ers­tens ist die Pro­mo­tion immer der Wunsch meiner Mutter gewesen. Und zwei­tens laufen so viel fal­sche Dok­toren rum, dass es auf einen mehr oder weniger auch nicht ankommt.

Haben Sie die EM gemeinsam mit Ihren Glad­ba­cher Kol­legen gesehen?
Nein. Und ich habe mich ein biss­chen gewun­dert, dass weder Trainer Lucien Favre (angeb­lich im Urlaub) noch Sport­di­rektor Max Eberl (angeb­lich mit Trans­fers beschäf­tigt) Lust hatten, mit mir und meinem alters­schwa­chen Hund Aldo die Spiele zu ver­folgen.

Sind Sie auch so erleich­tert, dass Waldis EM-Club“ nun vor­erst pau­siert?
Ich habe diese Sen­dung zu selten gesehen, als dass ich Ihre ver­ur­tei­lende Frage kor­rekt beant­worten könnte.

Reglos auf der Bank sitzen und elf Welt­klas­se­spie­lern dabei zusehen, wie sie es richten: Würde Sie Vicente del Bos­ques Job bei der spa­ni­schen Natio­nal­mann­schaft auch reizen?
Von seiner pas­siven Art, das Spiel zu ver­folgen, sollten Sie sich nicht irri­tieren lassen, junger Mann. Vicente del Bosque leistet fan­tas­ti­sche Arbeit bei der kör­per­li­chen, tak­ti­schen und psy­chi­schen Vor­be­rei­tung seines Teams. Haben Sie eine Ahnung, wie viele Trainer auch mit Welt­klas­se­spie­lern im Kader ver­sagen?

Wie haben Sie die Kritik an Bun­des­trainer Joa­chim Löw nach dem Halb­final-Aus emp­funden?
Viele Bericht­erstatter haben völlig über­zo­gene Schlüsse aus dieser einen Nie­der­lage nach vier Siegen gezogen – basie­rend auf einer Über­schät­zung der deut­schen Mann­schaft und einer gleich­zei­tigen Unter­schät­zung des Geg­ners. Die so geschürte Erwar­tungs­hal­tung hat dazu bei­getragen, dass die Ent­täu­schung eska­liert ist.

Sie sagen es: Viele Fans ver­stehen offenbar nicht, dass Ver­lieren zum Spiel gehört.
Es gibt durchaus Fuß­ball­freunde, die die Nie­der­lage gegen einen bes­seren Gegner, der Ita­lien an diesem Tag war, akzep­tieren. Im Bou­le­vard und in den Inter­net­foren jedoch kommen Zeit­ge­nossen zu Wort, die sich anmaßen, Scharf­richter über die Prot­ago­nisten unseres schönen Spiels zu sein.

Eine der Thesen lau­tete, die Deut­schen seien zu nett für den Titel gewesen.
Ich habe bei den Spa­niern bestimmt genauso viele nette Jungs gesehen wie bei uns, aller­dings eine grö­ßere Anzahl von Welt­klas­se­spie­lern. Diese Dis­kus­sion ist ähn­lich unnütz wie die über die angeb­lich schlam­pige Inter­pre­ta­tion der Natio­nal­hymne durch unsere Mann­schaft. Die Spa­nier haben aus Text­mangel über­haupt nicht gesungen, und es ist ihnen so schlecht nicht bekommen.

DFB-Sport­di­rektor Mat­thias Sammer wech­selte unmit­telbar nach der EM zum FC Bayern. Dieser Mann scheut Kon­flikte ebenso wenig wie Prä­si­dent Uli Hoeneß. Kann das gut gehen?
Eine Zusam­men­ar­beit in diesem Metier und auf diesem Niveau kann gar nicht ohne unter­schied­liche Auf­fas­sungen ablaufen. Unter gestan­denen Fach­leuten sollte es aber immer mög­lich sein, sich zusam­men­zu­raufen.

Sehen Sie irgend­einen Grund, warum Dort­mund nicht zum dritten Mal hin­ter­ein­ander Deut­scher Meister werden sollte?
Einen schon: Die Leis­tungs­dichte der Bun­des­liga ist so hoch, dass eine Titel­ver­tei­di­gung schon längst kein Selbst­läufer mehr ist. Aber natür­lich führt auch in diesem Jahr der Weg zur Schale nur über Dort­mund.
Wird es je wieder vor­kommen, dass ein Verein auf­steigt und gleich Meister wird wie Kai­sers­lau­tern 1998?
Nein. Solche Sen­sa­tionen schließe ich für die Zukunft aus.

Wie lange muss Schalke noch auf den ersten Tri­umph seit 1958 warten?
Ich stand schon diesem dubiosen Schwanz­lurch, der wäh­rend der EM als Orakel fun­gierte, äußerst reser­viert gegen­über. Und jetzt soll ich selbst ora­keln? Nein, danke.

Werden Sie Raul ver­missen, der nach Katar gewech­selt ist?
Ja, sehr!

Und Michael Bal­lack, den es wohl in die USA zieht?
Den auch! Er hat für sich und den deut­schen Fuß­ball Bewun­de­rungs­wür­diges geleistet. Wir sollten ihm alle danken.

Glauben Sie, dass Lothar Mat­thäus end­lich einen Job in der Bun­des­liga bekommt?
Da sich an der grund­sätz­li­chen Ten­denz, sein Pri­vat­leben höher zu bewerten als seine Fuß­ball­kom­pe­tenz, nichts geän­dert hat, werden seine Chancen nicht gestiegen sein. So leid mir das tut.

Kleine Denkauf­gabe: Können Sie sich Werder Bremen ohne Thomas Schaaf vor­stellen?
Schwer! Und ich hoffe, er kann seine über Jahre erfolg­reiche Arbeit fort­setzen.

Und noch eine Denkauf­gabe: Was ist Ihre schönste Erin­ne­rung an Hof­fen­heim?
Ich war noch nie in Hof­fen­heim.

Wie muss es wohl sein, im Mit­tel­feld zu stehen, so fern jeden Titels, aber auch weit weg vom Abgrund?
Da kann ich aus­nahms­weise mal nicht aus Erfah­rung spre­chen. Fragen Sie mich wieder, wenn wir mit der Borussia vier bis fünf Jahre weit weg vom Abgrund gespielt haben.

Die nie­der­rhei­ni­sche Meis­ter­schaft wird in diesem Jahr zwi­schen den Lever­ku­se­nern, den Düs­sel­dor­fern und Ihren Glad­ba­chern aus­ge­fochten. Wer ist Favorit?
Ich werde durch Sie das erste Mal darauf hin­ge­wiesen, dass es auch eine nie­der­rhei­ni­sche Meis­ter­schaft gibt. Ich hab noch keinen Gedanken daran ver­schwendet, aber mög­li­cher­weise unter­schätze ich da was.

Es wurde ja viel über die tolle Leis­tung Ihrer Glad­ba­cher in der ver­gan­genen Saison gespro­chen. Hier haben Sie die Gele­gen­heit zu sagen, dass die Leis­tung der Augs­burger noch viel toller war. Schon wieder so ein unzu­läs­siger Ver­gleich! Beide Mann­schaften haben natür­lich Groß­ar­tiges geleistet, sind aber mit ganz anderen Vor­aus­set­zungen gestartet.

Frank­furt, Fürth, Düs­sel­dorf: Wel­cher Auf­steiger hat in der kom­menden Saison die besten Chancen, drin­zu­bleiben?
Letztes Jahr war Augs­burg in der Tat mein erster Absteiger. Lassen wir uns also auch in diesem Jahr über­ra­schen.

Sie leben in Nürn­berg. Wie stark ist dort die Riva­lität zum Nach­barn Fürth?
Von meiner Seite aus exis­tiert sie nicht. Ich erin­nere mich aller­dings an ein ver­lo­renes Spiel bei einem Hal­len­tur­nier 2007, im Jahr unseres Pokal­siegs. Danach konnte ich nur mit Mühe meine Ent­las­sung ver­hin­dern, die zu dem Zeit­punkt sicher von allen Fans begrüßt worden wäre.

Wie fänden Sie es, wenn das Nürn­berger Sta­dion nach Max Mor­lock benannt werden würde?
Das ist ein echtes Dilemma für die Ver­ant­wort­li­chen des Clubs. Auf der einen Seite steht die lobens­werte Idee der Fans, einen Welt­meister zu ehren. Auf der anderen der per­ma­nent wach­sende Druck, eine leis­tungs­starke Erst­li­ga­mann­schaft finan­zieren zu müssen – und der wird nicht zuletzt durch die Fans mit aus­geübt. Mein Vor­schlag zur Güte: Große Wür­di­gung im neuen Club-Museum, wei­tere Pflege der fan­ei­genen Max-Mor­lock-Statue – und der feste gemein­same Vor­satz, dass in dem Augen­blick, da der Club im Geld schwimmt, das Sta­dion umbe­nannt wird.

Nürn­berg gegen Fürth im Max-Mor­lock-Sta­dion, das klingt nach guter alter Fuß­ball­zeit. Haben Sie Ihren Staub­mantel und Ihre Schie­ber­mütze schon aus dem Klei­der­schrank geholt, Herr Doktor?
Jetzt sagen Sie bitte nicht, es hat sich schon bis zu Ihnen nach Berlin rum­ge­spro­chen, dass ich in modi­schen Dingen eher kon­ser­vativ und geizig bin!