Wenn zwei Typen in Tagen der Qua­ran­täne Mikros in die Hände nehmen, um einen Pod­cast zu machen, dann ahnt man schon: Hätten sie es viel­leicht lieber gelassen. Richtig frag­würdig wird es aber dann, wenn sie aus­ge­rechnet über die Bun­des­liga spre­chen wollen, über die es, Sport­re­dak­tionen im ganzen Land wissen das, seit drei Wochen nichts wesent­lich Neues zu berichten gibt.

Cedric Pick hat es trotzdem getan und sich dafür Hilfe von Thorsten Legat geholt. Pick ist Mode­rator, ver­kaufte früher im Struk­tur­ver­trieb Ver­si­che­rungen, heute mode­riert er haupt­säch­lich in der 3. Liga. Thorsten Legat ist, nun ja, ein ehe­ma­liger Bun­des­li­ga­profi und den meisten mitt­ler­weile nur noch dadurch bekannt, dass er in ver­schie­denen Rea­lity-Shows auf­tritt und im Dschun­gel­camp war. Was vor allem eine Frage auf­wirft: Warum?

Hand­werk­lich sauber

Das Ver­spre­chen des Pod­casts: Wenn Pick’s jour­na­lis­ti­sche Auf­ar­bei­tung der Spiel­tags­themen auf scho­nungs­lose Ehr­lich­keit und Legat’sche Lei­den­schaft treffen, dann ist Feuer in der Bude.” Das klingt ganz aus­sichts­reich, und sogar noch besser, wenn das Rainer Cal­mund ver­kündet, der das Intro spricht.

Einmal vorweg: Hand­werk­lich spielt dieser Pod­cast auf dem höchsten Niveau. Der Gele­gen­heits­hörer erkennt kein Knis­tern, die Stimmen sind klar und ange­nehm. Zuzu­hören erfor­dert keine Anstren­gung. Blöd allein, dass die Idee der Show es erfor­dert, über den letzten Spieltag zu spre­chen. Der drei­ein­halb Wochen zurück­liegt.

Doch auch die beiden Pod­caster wissen, dass außer­ge­wöhn­liche Umstände außer­ge­wöhn­liche Themen erfor­dern. Wes­halb Pick, ganz Mensch, Legat erst einmal fragt, was der Garten so macht. Und Legat den Hörer also mit­nimmt, hin­ters Haus: Jetzt kommt der Früh­ling, ja, und da muss der Garten im Schuss bleiben. Der muss zurecht­ge­bogen werden. Für mich ist wichtig, ja, dass der Rasen genauso wird wie der Thorsten Legat auch.” Uff.

Bezie­hungs­weise: Herrje. Der Rasen soll genauso werden wie Thorsten Legat, ja? Soll das heißen, beson­ders mus­kulös? Glatt rasiert? Soll der Rasen auch mal Trainer beim TuS Böving­hausen werden? Man weiß es nicht. Denn dies ist kein Laber­pod­cast und Cedric Pick hat den Zettel noch voller Themen, wes­halb er eine Nach­frage ver­passt und lieber zum Haupt­thema der Sen­dung kommt: dem Titel­rennen.

Pick, der für die Ana­lysen zuständig sein soll, macht dabei den Anfang. Und rat­tert kur­zer­hand die Bun­des­li­ga­ta­belle von Platz 1 bis 5 hin­unter. Eine Ana­lyse, die einen erfahren lässt, dass die Bayern aktuell 55 Punkte auf dem Konto haben, Borussia Dort­mund 51 Punkte, Leipzig hat 50 Punkte, und so weiter. Nur: Was soll das?

Legat & Pick – Die Spiel­tags-Stamm­ti­scher” Der Pod­cast heißt so, weil Cedric Pick, der Mode­rator, Model steht für das Label Stamm­ti­scher”. Die bringen bedruckte Shirts und Pull­over auf den Markt, auf denen so Sprüche wie Schiri, der hat schon Gelb” oder Ohne Fuß­ball. Ohne Mich.” gedruckt sind. Auf den Wer­be­fotos zum Pod­cast tragen Pick und Legat des­halb auch Shirts mit dem Mar­ken­namen und man ahnt, wohin die Reise also geht. Es soll wohl nebenher ein biss­chen Wer­bung gemacht werden. Und des­halb sind die beiden auf Schlag­zeile aus.

Ker­nige Aus­sagen

Wie das funk­tio­niert, wird schon klar, als Pick die Hörer begrüßt und seinen Co-Kom­men­tator vor­stellt: Mit Legat ist natür­lich der wun­der­bare, oft kopierte, nie erreichte, aber eben auch oft zitierte Thorsten Legat gemeint”, sagt Cedric Pick. 

Thorsten Legat soll in den nächsten Wochen aller­hand Stel­lung beziehen, um zitier­fä­hige Aus­sagen zu lie­fern. Was die Bayern gerade falsch machen, was Borussia Mön­chen­glad­bach richtig macht, warum dieser oder jene Transfer ganz super ist – oder auch nicht. Das System arbeitet auf diese Weise seit Jahren. Ein Ex-Spieler äußert sich, andere Medien greifen das Zitat auf. Am Ende die not­wen­dige und rich­tige Quel­len­an­gaben: Für ihn sei es wichtig, dass der Rasen genauso werde wie der Thorsten Legat auch, sagte Legat im Stamm­ti­scher-Pod­cast.”

Was bestimmt funk­tio­nieren wird, aber auch schade ist. Denn Thorsten Legat war 15 Jahre Bun­des­li­ga­spieler, gewann die Deut­sche Meis­ter­schaft, den DFB-Pokal und einen Euro­pa­pokal. Thorsten Legat hat, wenn man ihn lässt, eine ganze Menge zu erzählen. 

Rüh­rende Anek­doten aus Lis­sabon

Rüh­rend ist die Geschichte, die Legat zum Thema Geis­ter­spiele” erzählt. Denn im Finale des Euro­pa­po­kals der Pokal­sieger mit Werder Bremen kamen nur 15.000 Men­schen ins Sta­dion. Jetzt muss man wissen”, sagt Pick, das Finale fand statt im Sta­dion von Ben­fica Lis­sabon im Estadio da Luz. Und das ist rie­sen­groß, es passen nor­ma­ler­weise 65.000 Men­schen rein.” Was nicht ganz richtig ist, denn 1992 wurde noch im alten Estadio gespielt, das damals noch viel größer war, und 120.000 Zuschauer fasste. Der Geis­ter­spiel-Atmo­sphäre dürfte das aber nicht abträg­lich gewesen sein.

Und Legat also erzählt davon, wie sie im leeren Sta­dien ankamen und wie Otto Reh­hagel ihm und Stefan Kohn, den armen Teu­feln, doch am Vortag ver­si­chert hatte, dass sie ganz sicher spielen würden. Nur um kurz vor dem Anpfiff auf exakt zwei Posi­tionen zu tau­schen – und Legat und Kohn auf der Bank Platz nahmen. Legat erzählt das rüh­rend, die Ungläu­big­keit liegt noch immer in seiner Stimme: Ich dachte damals, ganz ehr­lich, will der mich ver­äp­peln?” Und gleich­zeitig ist da aber diese Zunei­gung zu Reh­hagel und Legats Glaube, dass nur so, durch den Ver­zicht auf Legat und Krohn, das Finale gewonnen werden konnte. In diesen Momenten ent­wi­ckelt der Pod­cast eine uner­war­tete, echte Anzie­hungs­kraft.

Es ist, als würde der selt­same Onkel, von dem nie­mand genau weiß, was er mitt­ler­weile beruf­lich macht, bei einem Fami­li­en­treffen, jetzt da er end­lich mal gefragt wird und Zeit hat, über alles zu berichten, von seinen unbe­kannten Aus­lands­mis­sionen erzählen. Don­ner­wetter! Und alle hängen erstaunt an seinen Lippen. Nur nicht Cedric Pick, der will jetzt näm­lich über Borussia Dort­mund spre­chen. Und Legat, der zwi­schen­durch den Namen von Erling Haa­land ver­gessen hat, muss wieder einmal, und leider, Zitate lie­fern. 

Die Ana­lysen der beiden geraten dann so wie im Fall von RB Leipzig und deren Meis­ter­schafts­chancen. Eine Kost­probe:
Legat:
Leipzig kann Meister werden, Leipzig kann aber auch Zehnter werden. Sie sind ein­fach in einer Ent­wick­lungs­phase unter Nagels­mann, wo man sagen muss: Was pas­siert? Und das ist für mich so die Frage: Was pas­siert mit Leipzig?”
Pick: Also wohin geht der Weg…”
Legat:
Absolut.”
Pick:
Lang­fristig.”
Legat:
Absolut.”
Pick:
In dieser Saison…”
Legat:
In dieser Saison, ja, sind sie, glaube ich, noch in der Fin­dungs­phase mit Nagels­mann. Ja, hört sich blöd an, aber: Sie können natür­lich das Ulti­ma­tive schaffen. Sie sind nahe­lie­gend dran auch auf den 2. Platz zu agieren. Da darf man die Leip­ziger nicht unter­schätzen. Also, das ist wirk­lich ein Pro­ze­dere schlechthin, wo ich sagen muss: Ist auch ein Drei­kampf.”

Legat sorgt für die Show

Und wäh­rend man sich also noch fragt, was das Ulti­ma­tive” nun sei und wie man auf den zweiten Platz agiert, und vor allem, wen diese Sätze nun wei­ter­ge­bracht haben, fragt Pick bereits, ob Glad­bach sich im Sommer gezielt ver­stärken sollte.

Da will man ärger­lich rufen: Ja, was denn sonst?! Sollen die sich etwa unge­zielt ver­stärken?! Sollen die die Füße still­halten und ein­fach mal schauen, was die anderen Klubs so machen?!” Nur Legat bleibt locker und warnt in einem Halb­satz vor den wirt­schaft­li­chen Folgen der Coro­na­krise. Und über­rascht mal wieder.

Um klar zu machen, was seit dem ersten Absatz klar sein sollte: Diesen Pod­cast hört man allein, um Legat reden zu hören. Cedric Pick, das scheint er selbst zu wissen, ist Fra­ge­steller und Stich­wort­geber. Er ist ein unauf­ge­regter Mode­rator, der Legats Erzäh­lungen schnell zusam­men­fasst, ohne sich selbst auf­zu­drängen. Thorsten Legat sorgt für die Show, wenn er darf.

Keine wei­teren Fragen

Weniger, weil er sport­liche Ein­schät­zungen lie­fert, für die er zu weit vom Geschehen ent­fernt ist. Und weil er sowieso keinem Akteur arg auf die Füße treten will (Fazit der Ana­lyse zum Titel­rennen: Fünf­kampf. Alle können es theo­re­tisch noch schaffen. Bayern ist aber der leichte Favorit). Eher aber, weil er dem Hörer von Kopf-auf-Schwitz-Spielen” erzählt oder wie er sich früher Gut aus der Szene setzte”.

Denn das ist die eigent­liche Stärke des Pod­casts: Dass Legat eine Geschichte aus seiner prall gefüllten Asser­va­ten­kammer der Anek­doten zieht und drauf­los­redet. Da ist man­ches viel­leicht über­trieben. Zum Bei­spiel, wenn Legat erzählt, wie Calli ihn ver­pflichten wollte, nachdem Bochum Lever­kusen aus dem Sta­dion schoss. 5:0 oder 5:1, ich weiß es nicht mehr genau.” Wahr­schein­lich des­halb, weil Bochum mit ihm gegen Lever­kusen nur ein ein­ziges Mal gewann – und das 3:1. Aber das ist auch egal, denn es folgen Tele­fo­nate mit Calli, Her­mann Ger­land auf der anderen Lei­tung, neue Ver­träge, gebro­chene Ver­spre­chen. Kurzum: Es ist beste Unter­hal­tung.

Oder wie Pick sagt: Stark!” Und auf Nach­fragen mal wieder ver­zichtet.