Her­bert Pro­haska, Ihr Mar­ken­zei­chen zu Spiel­er­zeiten war Ihre volu­mi­nöse Locken­frisur. Wie kamen Sie mit Ihren Schne­ckerln“ zurecht?
Es ging. In den Sieb­zi­gern hatten meine Freunde alle­samt schul­ter­lange Haare. Zweimal ging ich zum Fri­seur, um mir die Locken zu glätten. Beim ersten Mal sah ich nachher zwar aus wie ein Pavian, aber es gefiel mir besser. Beim zweiten Mal ver­wen­dete der Fri­seur jedoch zu viel Beize und ver­ätzte meine Kopf­haut. Tage­lang konnte ich mich nicht kämmen, ohne am ganzen Kopf zu bluten.

Und Sie ließen fortan die Locken sprießen?
Ja. Zum Glück gab es Jimi Hen­drix. Ich war ein großer Fan von ihm und plötz­lich gefiel auch mir meine Frisur. Denn die Freunde nannten mich den weißen Hen­drix“.

Sie wuchsen in ein­fa­chen Ver­hält­nissen im Wiener Arbei­ter­be­zirk Sim­me­ring auf. Wie hat Sie diese Zeit geprägt?
Bis zum 12. Lebens­jahr schlief ich zwi­schen meinen Eltern, weil wir so beengt wohnten. Mit meinem Groß­vater lebten wir in einer schimm­ligen Zwei­zim­mer­woh­nung in einer unsi­cheren Gegend. Die Spiele des lokalen FC Hasen­leiten endeten jedes Mal mit einer Schlä­gerei. Den­noch war es eine furchtbar schöne Zeit. Nie­mand in der Nach­bar­schaft konnte sich groß­artig etwas leisten, des­halb fühlten wir uns auch nicht arm.

Hatten Sie als junger Fuß­baller ein Vor­bild?
Pelé war für mich einer der Größten. Gemeinsam mit einem Freund ließ ich für ein Schwei­ne­geld einen kurzen Brief ins Por­tu­gie­si­sche über­setzen, wir gaben noch min­des­tens 40 Bilder dazu und schickten den Umschlag an seine Auto­gramm­adresse. Es kam nie etwas zurück. Viele Jahre später aber lief ich Pelé bei einem Län­der­spiel in Buda­pest über den Weg. Ich nahm einen Ball und ließ mir eine Unter­schrift geben. Er ist der ein­zige Fuß­baller, den ich als Aktiver jemals um ein Auto­gramm bat.

Mit 16 Jahren wech­selten Sie vom Ama­teur­klub Ost­bahn XI zu Aus­tria Wien. Wie fühlte es sich an, plötz­lich richtig Geld zu ver­dienen?
Gut. Die Hälfte meines Hand­gelds gab ich sofort aus: Ich kaufte meinen Eltern einen neuen Tep­pich. Meine Lehre als Auto­me­cha­niker machte ich zunächst weiter, weil meine Eltern sagten: Fuß­baller ist kein Beruf. Du musst einen echten Beruf lernen, sonst belä­cheln uns die Nach­barn.“ Ich ant­wor­tete: Okay, ich mache die Aus­bil­dung fertig, aber wenn ich durch die Prü­fung falle, trete ich kein zweites Mal an.“ Ich bestand – und am nächsten Tag kün­digte ich.

Wie kamen Sie als blut­junger Spieler bei der Aus­tria an?
Ich wurde von Respekts­per­sonen wie Ernst Fiala, dem Sil­ber­rü­cken und Tor­jäger, super auf­ge­nommen. Obwohl es nicht gut anfing: Zum ersten Trai­ning kam ich in Röh­ren­jeans und Cow­boy­stie­feln. Um das Eis zu bre­chen, schüt­telte ich allen die Hand. Aber Fiala sagte nur: Bist du mit dem Pferd da?“ Später wurde er mein Mentor, und er nahm mich mit zum Angeln.

Wie lief das ab?
Er angelte und ich musste mit Sem­mel­stü­cken die Köder­fi­sche anlo­cken.

In Ihrer ersten Pro­fi­saison 1972/73 bei der Aus­tria wurden Sie vom 74-jäh­rigen Bela Gutt­mann trai­niert, der nach einem ver­patzten Rück­run­den­start ein­sprang.
Bei ihm gab es viel zu lachen. Das erste Trai­ning lei­tete er in Anzug und Lauf­schuhen. Seine Methoden waren ver­altet, aber man durfte ihn nicht unter­schätzen. Klaus Kelmer sagte bei einer Übung: Der sieht eh nichts. Ich schieße nur mehr mit dem Spitz.“ Gutt­mann zeigte keine Regung. Da fühlte sich Kelmer bestä­tigt: Seht ihr, der sieht wirk­lich nichts!“ Nach dem Trai­ning rief Gutt­mann uns zusammen und sagte in seinem jüdisch-unga­ri­schen Akzent: Klaus, ab heute mache ich Ihnen schönes Leben. Wenn wir um vier Uhr trai­nieren, klopfen Sie um Viertel vor vier an meine Tür und sagen: Guten Tag, ich bin da.“ Danach können Sie wieder nach Hause gehen.“ Kelmer spielte nie wieder.

Gutt­mann galt als früher Ver­fechter von gesunder Ernäh­rung. Hielten Sie sich an seine Vor­schriften?
Nein, gesund aßen wir nur am Spieltag. Gutt­mann fragte, was wir zu Hause zu uns nehmen würden, und wir zählten nur gesunde Speisen auf, die keiner von uns je zu Gesicht bekam. Ein Gesund­heits­apostel war ich nie. Wäre ich nicht Profi geworden, würde ich wahr­schein­lich 100 Kilo wiegen. Ich hätte es in keiner Ein­zel­sportart zu etwas gebracht. Nur im Fuß­ball konnte ich mich richtig moti­vieren, weil ich gerne Teil einer Mann­schaft war.

Wie viele Ziga­retten rauchten Sie als Profi?
Zehn bis zwölf. Durch das täg­liche Trai­ning spürte ich davon aber nie etwas. Ernst Bau­meister, einer meiner Weg­ge­fährten bei Aus­tria Wien, rauchte 40 Ziga­retten am Tag. Das war schäd­lich. Er rannte zwar wie eine Maschine, aber in der Halb­zeit­pause musste er durch­ge­hend husten. Überall, wo ich spielte, rauchte die halbe Mann­schaft. Natür­lich ist es besser, nicht zu rau­chen. Aber ich bin über­zeugt: Wenn ein Sportler gut trai­niert ist, beein­flussen ein paar Ziga­retten am Tag seine Leis­tung nicht.