Dieser Nachruf erschien erst­mals in 11FREUNDE #222. Das Heft ist hier bei uns im Shop erhält­lich.

Wenn jemand wie Michel Hidalgo stirbt, dann müssten die Zei­tungen und Web­seiten eigent­lich voll mit großen Nach­rufen sein. Nur ist in diesen Zeiten halt vieles, wenn nicht alles Corona. Und so wurde Hidalgo, einem der Aller­größten des fran­zö­si­schen Fuß­balls, im Moment seines Todes weder die ver­diente mediale Auf­merk­sam­keit zuteil, noch konnte sich die Öffent­lich­keit auf eine Weise von ihm ver­ab­schieden, die einem Mann seines Kali­bers auch nur halb­wegs ange­messen wäre.

Dabei gibt es genü­gend Gründe, das Leben und Werk dieses noblen Mannes zu feiern. Dass seine Spie­ler­kar­riere im Ver­gleich zu der als Trainer heute bei­nahe ver­gessen wird, ist ange­sichts der spä­teren Erfolge ver­ständ­lich, ande­rer­seits aber auch etwas unge­recht; schließ­lich spielte Hidalgo meh­rere Jahre lang für Stade Reims – sei­ner­zeit die domi­nie­rende Elf in Frank­reich – und hätte das Team 1956 fast zum Sieg im aller­ersten Euro­pa­po­kal­fi­nale der Lan­des­meister geschossen. Doch hatte sein Treffer zum zwi­schen­zeit­li­chen 3:2 nur kurz Bestand, am Ende gewann Real Madrid 4:3 und begrün­dete damit eine Serie von fünf Tri­um­phen nach­ein­ander.

Spie­le­ri­sche Leich­tig­keit

Michel Hidalgo enga­gierte sich bereits in seiner aktiven Zeit als Prä­si­dent der fran­zö­si­schen Spie­ler­ge­werk­schaft, und so war es kein Wunder, dass er später Trainer wurde. Nach Anfängen im Stab von AS Monaco arbei­tete er ab 1973 als Assis­tent des fran­zö­si­schen Natio­nal­trai­ners Stefan Kovacs. Drei Jahre danach löste Hidalgo den Rumänen als Chef­coach ab und begrün­dete eine Ära, die nicht nur erfolg­reich war, son­dern auch geprägt von einer bis­weilen berau­schenden spie­le­ri­schen Bril­lanz. Wobei es nicht zuletzt Hidalgos Geschick zu ver­danken war, dass sich die Talente der Aus­nah­me­könner Michel Pla­tini, Jean Tigana und Alain Giresse zu einer Mit­tel­feld­über­macht sum­mierten, der kaum eine Mann­schaft der Welt gewachsen war. 

Nachdem die Fran­zosen bei der Welt­meis­ter­schaft 1982 noch in einem für immer unver­ges­senen Halb­fi­nale gegen Deutsch­land an ihrer eigenen Sorg­lo­sig­keit und einem nie auf­ste­ckenden Gegner geschei­tert waren, spa­zierten sie 1984, bei der EM im eigenen Land, mit spie­le­ri­scher Leich­tig­keit durchs Tur­nier – wenn man vom Schreck­mo­ment im Halb­fi­nale gegen Por­tugal, als sie fast wieder in der Ver­län­ge­rung geschei­tert wären, mal absieht. Letzt­lich ging auch dieses Drama in die Sport­ge­schichte ein, ganz im Sinne von Hidalgo, für den es beim Fuß­ball neben dem Sieg auch um Schön­heit, Lei­den­schaft und Romantik ging.

Nach der EM 1984 trat Michel Hidalgo als Natio­nal­trainer zurück und hat nie wieder eine ver­gleich­bare Auf­gabe über­nommen. Vier Tage nach seinem 87. Geburtstag ist er nach län­gerer Krank­heit gestorben.