Erfah­rene Max-Eberl-Exegeten wollen zuletzt schon etwas bemerkt haben. Sie glaubten, etwas aus seinem Gesicht her­aus­ge­lesen zu haben. Genauer gesagt: aus seinem Lächeln. Einem wis­senden und leicht erha­benen Lächeln. Es erzählte ihnen davon, dass es nicht nur bald etwas zu erzählen geben würde; es erzählte auch davon, dass es etwas Außer­ge­wöhn­li­ches zu erzählen geben würde. Wenn die Mel­dung stimmt, die am Montag von der Bild“-Zeitung ver­breitet und später vom Fern­seh­sender Sky“ bestä­tigt wurde, dann haben diese Exegeten wohl Recht behalten.

Dem­nach näm­lich wäre Max Eberl, dem Sport­di­rektor von Borussia Mön­chen­glad­bach, bei der Suche nach einem Nach­folger des schei­denden Trai­ners Marco Rose ein echter Coup gelungen; ein Coup, der dazu geeignet wäre, die trüben Gedanken nach Roses ange­kün­digtem Wechsel zu Borussia Dort­mund mit einem Fin­ger­schnipsen zu ver­treiben. Neuer Trainer soll zur kom­menden Saison angeb­lich der Baske Xabi Alonso werden, der mit dem FC Liver­pool, Real Madrid, Bayern Mün­chen und der spa­ni­schen Natio­nal­mann­schaft alles gewonnen hat, was man als Fuß­baller gewinnen kann. Aber sicher ist das noch nicht. Eine Bestä­ti­gung des Ver­eins oder von Alonso selbst gab es am Montag jeden­falls nicht.

Ver­zü­ckung im zuletzt schwer­mü­tigen Verein

Mit sol­chen Spitz­fin­dig­keiten wollte und konnte sich die Fan­ge­meinde der Glad­ba­cher aller­dings nicht weiter belasten. Allein der Name Alonso hat aus­ge­reicht, um rund um den zuletzt schwer­mü­tigen Verein all­ge­meine Ver­zü­ckung aus­zu­lösen – unge­achtet aller noch bestehenden Unwäg­bar­keiten. Seitdem Rose vor exakt fünf Wochen bekannt gegeben hat, dass er von einer Aus­stiegs­klausel in seinem Ver­trag Gebrauch machen werde, sind viele Namen für seine Nach­folge gehan­delt worden. Von Flo­rian Koh­feldt bis Ger­ardo Seoane von Young Boys Bern, von Ralf Rang­nick bis Adi Hütter. Xabi Alonso war nicht dar­unter.

Das könnte daran liegen, dass der 39-Jäh­rige hier­zu­lande als Trainer noch nicht allzu prä­sent ist. Nach seinem Kar­rie­re­ende bei den Bayern im Sommer 2017 hat Alonso fernab des glei­ßenden Schein­wer­fer­lichts gear­beitet. Er hat zuerst die U 14 von Real Madrid trai­niert, ehe er 2019 die zweite Mann­schaft seines bas­ki­schen Stamm­ver­eins Real Sociedad San Sebas­tian über­nahm, mit der er aktuell in der dritten spa­ni­schen Liga Tabel­len­führer ist.

Abschied von der Red-Bull-Schule?

Ein wenig erin­nert Alonsos Weg an die Kar­riere eines Trai­ners, der ihn in der Spät­phase seines Fuß­bal­ler­le­bens begleitet hat. Pep Guar­diola holte den Mit­tel­feld­spieler 2014 von Real Madrid zu den Bayern – als Ersatz für Toni Kroos, der in jenem Sommer den umge­kehrten Weg nahm. Auch Guar­diola hat beim FC Bar­ce­lona zuerst die zweite Mann­schaft trai­niert, ehe er die Profis über­nahm. Das ist nicht die ein­zige Par­al­lele. Der Blick auf den Fuß­ball, ihre Sicht auf das Spiel, ver­bindet die beiden Spa­nier eben­falls.

Viele der Trainer, die als poten­zi­elle Nach­folger Roses in Mön­chen­glad­bach gehan­delt worden sind, waren mehr oder weniger ein­deutig der Red-Bull-Schule zuzu­ordnen, der auch Rose selbst ange­hört. Das Modell Gegen­pres­sing und Ball­jagd ist so etwas wie DIN-Stan­dard in der Bun­des­liga. Mit Alonso könnte das Spiel der Glad­ba­cher wieder einen anderen Akzent hin zu mehr Ball­be­sitz erhalten. Aber auch das ist vor­erst nur Spe­ku­la­tion: Der Baske ist als Trainer kein Dog­ma­tiker. In einem Inter­view mit der fran­zö­si­schen Sport­zei­tung L’É­quipe“ hat er auf die Frage nach seiner Phi­lo­so­phie geant­wortet, seine Stra­tegie sei Anpas­sung.

Xabi Alonso ist ein Fuß­ball­ver­steher

Wie Guar­diola war auch Alonso defen­siver Mit­tel­feld­spieler, und wie Guar­diola, so ist auch er davon über­zeugt: Nur wer das Zen­trum beherrscht, kann das Spiel domi­nieren. Xabi Alonso war schon immer ein aus­ge­wie­sener Fuß­ball­ver­steher; einer der begriffen hat, was dieses Spiel in seinem Innersten zusam­men­hält. Als er ver­mut­lich selbst noch nicht wusste, dass er einmal Trainer werden würde, war seinen Kol­legen das schon lange klar. Sein frü­herer Liver­pooler Mit­spieler Luis Garcia hat einmal erzählt, dass alle im Klub davon über­zeugt gewesen seien: Er war schon als Spieler Trainer.“

Alonso wurde nach­ge­sagt, dass er in der Lage sei, seine Mit­spieler besser zu machen. Er konnte das Spiel sezieren, ahnte oft schon, was erst etliche Züge später pas­sieren würde. Und viel­leicht ist diese Fähig­keit nicht nur auf das Fuß­ball­feld und das Spiel an sich beschränkt. Kurz vor seinem Kar­rie­re­ende ist Xabi Alonso in einem Inter­view der Süd­deut­schen Zei­tung“ nach der Qua­lität der Bun­des­liga im Ver­gleich zur Pri­mera Divi­sion befragt worden. Die Her­aus­for­de­rung der Bun­des­li­gisten ist jetzt ganz klar: dass nicht nur Bayern oder Dort­mund in der Cham­pions League mit­spielen“, hat er damals geant­wortet. Auch Teams wie Mön­chen­glad­bach müssten in Europa mal was errei­chen.

Dieser Artikel wurde zuerst auf tages​spiegel​.de ver­öf­fent­licht und erscheint an dieser Stelle im Rahmen einer Koope­ra­tion.