Eben noch hat Kevin-Prince Boateng den Ball geschickt am Fuß geführt, er hat ihn mit der Sohle geführt, und er könnte nun zur Tor­aus­linie ziehen, doch plötz­lich unter­bricht er die Bewe­gung. Er nimmt den Ball in die Hand, dann schießt er ihn in Rich­tung der geg­ne­ri­schen Fans, die hinter einem Zaun in der Kurve stehen.
 
Es ist ein harter Schuss. Ein Schuss wie ein Gegen­feuer. Voller Wut. Geschichte. Erin­ne­rungen.
 
Einmal, vor vielen Jahren, berich­tete sein Bruder Jerome Boateng von Spielen mit Her­thas Nach­wuchs­mann­schaft in Deutsch­lands unteren Ligen. Da sind wir regel­mäßig bepö­belt und manchmal auch bespuckt worden“, sagte er. Als es in den Erwach­se­nen­be­reich ging, nor­ma­li­sierte sich alles.“
 
In Ita­lien hat sich anschei­nend wenig nor­ma­li­siert.
 
Am Don­nerstag war der AC Mai­land in die lom­bar­di­sche Stadt Busto Arsizio gereist, um dort ein Freund­schafts­spiel gegen den Viert­li­gisten Aurora Pro Patria aus­zu­tragen. Doch Milans dun­kel­häu­tigen Spie­lern – M’Baye Niang, Urby Ema­nu­elson and Sulley Mun­tari – schlägt von der ersten Spiel­mi­nute an der Hass der geg­ne­ri­schen Fans ent­gegen. Sie werden ras­sis­tisch belei­digt und ver­höhnt. Es sind nicht viele, doch sie sind laut.
 
Nach dem Schuss zieht Kevin-Prince Boateng sein Trikot aus und ver­lässt den Platz. Seine Mit­spie­lern beglei­teen ihn, schließ­lich folgen auch ein paar Spieler von Pro Patria. Einige Fans von Pro Patria klat­schen Bei­fall. Der Schieds­richter bricht die Partie in der 28. Minute ab.

Das unzi­vi­li­sierte Gehabe stoppen“
 
Später sagt Milans Trainer Mas­si­mi­liano Allegri: Milan spielt für das Recht aller Spieler auf Respekt. Wir müssen dieses unzi­vi­li­sierte Gehabe stoppen. Ich hoffe, dass wir heute ein wich­tiges Zei­chen gesetzt haben.“ Die Geschäfts­füh­rung von Pro Patria äußert sich eben­falls zu den Vor­fällen. Jene Ras­sisten in der Kurve seien aus­schließ­lich zum Spiel gekommen, um ein State­ment zu setzen“. Die Behörden müssten sich dem Pro­blem annehmen.
 
Es ist das alte Spiel, wir kennen das aus Deutsch­land: Chaoten, Nazis, Ras­sisten, nein, das sind keine Fans, jeden­falls nicht unsere – in der Kon­se­quenz sind sie für die Ver­eine auch kein Pro­blem. Doch nur weil diese Men­schen im Denk­muster der Ver­eine keine Fans sind, heißt es nicht, dass sie sich nicht selbst als Fans ver­stehen.

In Ita­lien waren vor nicht zu langer Zeit ras­sis­ti­sche Schmä­hungen gegen den dama­ligen Inter-Spieler Mario Balo­telli üblich. Im April 2009 wurden diese Rufe bei einem Spiel gegen Juventus Turin so uner­träg­lich, dass Balo­telli die Nerven verlor und die Gelbe Karte sah. José Mour­inho wech­selte ihn aus Sorge vor einem Platz­ver­weis aus, und Inters Klub-Besitzer Mas­simo Mor­atti tobte: Wenn ich im Sta­dion gewesen wäre, hätte ich aus Pro­test die ganze Mann­schaft zurück­ge­zogen.“
 
Die Ver­bands­funk­tio­näre und die Ver­eins­oberen nickten. Doch die Rufe gingen weiter. Dass eine Mann­schaft dem Appell von Mor­atti folgen würde scheint uto­pisch. Zu viel steht auf dem Spiel, zu viel Geld fließt, zu groß ist die Sorge vor Strafen oder Platz­ver­weisen.

Die Lethargie der Ver­bände
 
Und hier liegt ein wei­teres Pro­blem: Es gibt, zumin­dest in Deutsch­land, bei jedem Spiel unzäh­lige Kameras und Mit­ar­beiter, die Fuß­ball­fans über­wa­chen. Es gibt Ordner und Poli­zisten, Ver­bands- und Ver­eins­ver­treter. Und es gibt: Vier Schieds­richter. Gemeinsam enga­giert man sich fleißig in Initia­tiven, die sich gegen Ras­sismus posi­tio­nieren, und man schreibt sich auf die Fahnen: Fuß­ball ist kein Ort für Rechts­ex­tre­mismus.

Und doch wirken die Ver­ant­wort­li­chen, egal ob in Deutsch­land, Ita­lien oder sonstwo, oft seltsam lethar­gisch. Als Dynamo Dres­dens Mikael Poté etwa im August 2012 von geg­ne­ri­schen Fans ras­sis­tisch belei­digt wurde, hörte die Rufe angeb­lich nie­mand. Der Schieds­richter ließ die Partie wei­ter­laufen. Man kann nur ver­muten, was pas­siert wäre, wenn Poté den Platz ver­lassen hätte. Kaum vor­stellbar aller­dings, dass eine Spiel­wie­der­ho­lung die Folge gewesen wäre.
 
Viel­leicht brauchte es einen Schuss wie den von Kevin-Prince Boateng. Denn dieses Mal ist der Schuss hart. Dieses Mal ist die Wirk­macht der Bilder enorm. Dieses Mal geht dort ein Mann, iko­nen­haft, andächtig, auf­recht; einer, der von sich oft glaubte, dass er das Zeug zum Super­star hat. Am Don­nerstag hat sich gezeigt: zu Recht.