Im Bremer Weser­sta­dion sind keine zwei Minuten gespielt, da wird Frank­furts Randal Kolo Muani, durch einen Steck­pass von Sebas­tian Rode das erste Mal auf der Außen­bahn in Szene gesetzt. Die Situa­tion erscheint nicht wirk­lich gefähr­lich, zumal Wer­ders Ver­tei­diger Milos Vel­j­kovic eng am Mann ver­tei­digt. Doch Frank­furts Stürmer zeigt, was sein Spiel aus­macht: Eine Ball­rolle, zwei Über­steiger, der Antritt bis zur Grund­linie, eine Kör­per­täu­schung mit der er Vel­j­kovic aus dem Gleich­ge­wicht bringt und der Pass in den Rück­raum zu Mario Götze – dessen strammer Schuss stellt auf 1:0 für die Ein­tracht. 

Nur 30 Minuten später läuft der Fran­zose mit mar­kanten großen Schritten erneut auf die Werder-Abwehr zu. Seine Ball­füh­rung erin­nert mit etwas Wohl­wollen an die von Kylian Mbappé, bloß im Körper von Peter Crouch. Obwohl Muani mit 1,87m nicht der aller­größte ist, wirken seine Beine im Ver­gleich zum Rest­körper lang und schlaksig. Auf dem Weg Rich­tung Werder-Tor pen­delt er den Ball immer wieder zwi­schen den Füßen hin und her, wech­selt Schuss- und Stand­bein beliebig oft. Am Ende steht ein prä­ziser Abschluss mit der Innen­seite und Tor Nummer zwei für die Ein­tracht.

Unor­thodox und fili­gran

Kolo Muanis Bewe­gungen sind unor­thodox, sodass sie in einem Thomas-Müller-High­light­video vor­kommen könnten und nie­mandem würde es auf­fallen. Teils sind sie aber auch höchst fili­gran. Sein Dribb­ling ist für die Ver­tei­diger meist unbe­re­chenbar. Dabei hat ihm seine Jugend­zeit auf den Bolz­plätzen Frank­reichs sehr geholfen, wie er in einem Inter­view verrät: Dort konnte ich Dinge aus­pro­bieren, die ich auf einem großen Feld nicht aus­pro­bieren konnte. Es gibt dort keinen Druck – es war sehr wichtig für meine spie­le­ri­sche Ent­wick­lung.“ 

Es war das Para­dies – und meine letzte Chance“

In den Straßen von Vill­epinte wächst der kleine Randal auf. Zusammen mit zwei älteren Brü­dern und seinen Eltern, die beide aus der demo­kra­ti­schen Repu­blik Kongo nach Frank­reich gekommen sind, wohnt er in der kleinen Vor­stadt von Paris. Schnell ent­deckt der Junge seine Lei­den­schaft, beginnt das Fuß­ball­spielen bei FC Vill­epinte, mit 14 geht es zu US Torcy.

In einem Inter­view mit dem fran­zö­si­schen Fuß­ball­portal So Foot spricht er über seine Kind­heit: Ich hatte um 14 Uhr ein Match mit Torcy, ich kam nach Hause und ging direkt weiter in die Stadt. Dort haben wir wieder gekickt. Ich habe nur Fuß­ball gespielt.“ Für die Schule bleibt kein Platz mehr. Er habe zwar den Unter­richt besucht, hätte aber nur in seiner Ecke gesessen und mit nie­mandem gespro­chen. Das geht zunächst auf Kosten seiner ange­dachten Fuß­ball­kar­riere: Bei diversen Nach­wuchs­leis­tungs­zen­tren wird ihm der Zutritt ver­wehrt, weil seine Noten auf dem Zeugnis zu schlecht sind.

Er leidet zudem an Morbus Osgood-Schlatter, einer Ent­zün­dung von Kno­chen und Knorpel am Schien­bein­kopf. Bei jeder Bewe­gung habe der 14-Jäh­rige extreme Schmerzen im Knie ver­spürt. Somit spielt Kolo Muani wei­terhin in der U15 von Torcy, wäh­rend viele seiner Team­kol­legen zu den Jugend­aus­wahlen von Pro­fi­klubs wech­seln. Erst 2015, drei Jahre später, werden Scouts des FC Nantes auf ihn auf­merksam und er unter­schreibt seinen ersten Pro­fi­ver­trag. Ich habe mich kopf­über hin­ein­ge­stürzt, es war das Para­dies – und meine letzte Chance.“ Im November 2018 debü­tiert der mitt­ler­weile 19-Jäh­rige gegen AS Saint-Éti­enne in der Ligue 1. Damit geht für Muani ein Traum in Erfül­lung, wie ein Kol­lege aus seiner Jugend berichtet: Als wir früher vorm Sta­dion standen, hat er gesagt: Ob mit Nantes oder nicht, ich werde eines Tages auf diesem Rasen spielen.“