Der Chant klingt ange­sichts der eher durch­wach­senen Leis­tungen der Selecao fast wie eine Beschwö­rung: Eu, sou Bra­si­leiro, com muito orgulho, cum muito amor“ („Ich bin Bra­si­lianer, mit großem Stolz, mit viel Liebe“). Als wollten die Fans mit der Hymne ihren Jungs auf dem Rasen in Erin­ne­rung rufen, welch große Ver­ant­wor­tung sie bei diesem Tur­nier tragen.

Ich sehe die WM-Spiele im Fern­sehen und höre die Leute mein Lied singen!“

Autor dieser Zeilen ist der 83-jäh­rige Nelson Bia­soli. Im Jahr 1949 dich­tete der Lehrer aus Sao Paulo auf die ein­gän­gige Melodie, die er seinem Akkor­deon ent­lockte, drei simple Zeilen. Er dachte nicht daran, einen Hit zu schreiben oder sogar Geschichte. Der Song war ledig­lich als Moti­va­ti­ons­hilfe für seine Schul­klasse gedacht, die sich auf einen sport­li­chen Mehr­kampf gegen eine Gruppe deut­scher Aus­tausch­schüler vor­be­rei­tete. Der Krieg war gerade vor­über, Bia­soli hielt es für eine gute Idee, den Wett­kämpfen mit Musik einen fröh­li­chen Rahmen zu ver­leihen. Nie wäre er auf die Idee gekommen, dass 65 Jahre und zwei Welt­meis­ter­schaften später in seinem Hei­mat­land die Men­schen in den Sta­dien und auf den Straßen sein Lied zu ihrem Lied aus­er­koren würden. Groß­artig“, sagt der Pen­sionär, ich sehe die WM-Spiele im Fern­sehen und höre die Leute mein Lied singen.“

Bia­soli hat in seinem Leben mehr als 500 Songs geschrieben, aber keiner hatte eine län­gere Halb­wert­zeit als der melo­di­sche Sprech­ge­sang, den er als 18-Jäh­riger kom­po­nierte. Das Lied ist längst Teil der bra­si­lia­ni­schen Kultur. Seit den Pan­ame­ri­ka­ni­schen Spielen 2007 hat es sich zudem peu a peu zur inof­fi­zi­ellen Sta­di­onhymne ent­wi­ckelt. Die lange Tra­di­tion, auf die der Song aller­dings zurück­blickt, hat unter Künst­lern Dis­kus­sionen aus­ge­löst. Sie können die Nummer all­mäh­lich nicht mehr hören: Es wird Zeit, dass wir einen Wett­be­werb aus­rufen, um einen urei­genen Song für unsere Selecao zu bekommen,“ sagt der Musiker, TV-Mode­rator und Komiker Mar­celo Adnet, im Spiel gegen Mexiko hatten wir den Gesängen der geg­ne­ri­schen Fans nur wenig ent­ge­gen­zu­setzen. Das darf einem Gast­geber nicht pas­sieren. Bra­si­lien muss fuß­bal­le­risch und bei den Gesängen vorne liegen.“ Natio­nal­trainer Felipe Sco­lari schlug im Fern­sehen vor, die Fans sollten doch alter­nativ mal den Samba-Song Ta escrito“ in ihr Reper­toire auf­nehmen, das sei doch ein Stück Musik, das Bra­si­lien reprä­sen­tiere und jeder irgendwie möge.

Bald auch in der Bun­des­liga?

Aber das Zusam­men­ge­hö­rig­keits­ge­fühl, das Bia­solis Lied­chen unter den Anhänger beim Singen her­vor­ruft, ist von beein­dru­ckender Inten­sität. Viele Bra­si­lianer singen den Song mit der­ar­tiger Inbrunst, dass ihnen die Tränen kommen. Durch die WM hat das Lied einen sol­chen Popu­la­ri­täts­schub bekommen, dass auch Anhänger anderer Nationen sich die Melodie aneignen. Den Begriff Bra­si­leiro“ jeweils ersetzen sie jeweils durch ihr eigenes Land. Sollte Deutsch­land Welt­meister werden, könnte es also bald auch aus Bun­des­liga-Sta­dien schallen: Eu, sou Aleeee­maaaaoooo, com muito orgulho, cum muito amor!“