Seite 2: Das Image eines penibel mülltrennenden Sozialkundelehrers

Die Klubs, die das große Aben­teuer suchen, machen einen Bogen um Fried­helm Funkel. Sein Image ent­spricht dem eines penibel müll­tren­nenden Sozi­al­kun­de­leh­rers. Anständig, mora­lisch ein­wand­frei, aber lang­weilig. Zu Beginn seiner Trai­ner­zeit ließ er sich noch einen lus­tigen Rau­sche­bart stehen, was das Jesus­lat­schen-Kli­schee noch unter­strich. („Furchtbar, ich sah furchtbar aus.“) Um bei einem Klub ein Feu­er­werk zu ent­fa­chen – so die land­läu­fige Mei­nung – fehlt es ihm schlicht an Flair. Ihm liegt weder die Rolle des urviech­haften Moti­va­tors, fein abge­schmeckt mit dieser Prise Son­nyboy, die Jürgen Klopp gerne gibt, noch das gedie­gene Maß­an­zug­ding, auf das sich Jupp Heynckes oder Felix Magath ein­ge­lassen haben. Für einen Sprü­che­klopfer vom Typ Peter Neururer ist er zu fak­tisch, für einen mani­schen Pro­fessor wie Ralf Rang­nick zu abge­klärt. Und so blieb er sein Trainerleben lang … Feu­er­wehr­mann.

Ich führe“, ent­gegnet Fried­helm Funkel, ein wun­der­bares Leben.“ Nie hätte er geglaubt, dass er eines Tages der Mann mit den meisten Bun­des­li­ga­spielen sein würde. Sein Angebot als klas­si­scher Mit­tel­bauer im Bun­des­li­ga­ge­schäft hat dafür gesorgt, dass er nie vom Karus­sell fiel. Wäh­rend die Nörgler in den Klubs nach der Kon­so­li­die­rung bald wieder seine prag­ma­ti­sche Taktik und das sicher­heits­ori­en­tierte System, das er spielen ließ, anpran­gerten, hat er stets seine Maß­stäbe gekannt. Funkel blieb der sym­pa­thi­sche Hand­werker, der auch nach dem Raus­schmiss nie ein böses Wort über den Arbeit­geber verlor. So wenig nach­voll­ziehbar ihm die Ent­schei­dung der Bosse manchmal auch vor­ge­kommen sein mag. Er blieb loyal, kas­sierte wortlos seine Abfin­dung, fuhr nach Mal­lorca in seine Finca, schaute aufs Meer – und schon rief der nächste hil­fe­su­chende Verein an. Männer, die im über­hitzten Fuß­ball­ge­schäft nicht der Ver­su­chung erliegen, nach­zu­treten, sind sehr, sehr selten. Fun­kels größte Stärke – unab­hängig von seinen fach­li­chen Fähig­keiten – ist fraglos seine Inte­grität. Es gibt wohl keinen Bun­des­li­ga­trainer, dem nach einer mehr als zwan­zig­jäh­rigen Lauf­bahn ein­fallen würde zu sagen: Die beste Mann­schaft, die ich je trai­niert habe, war Hertha BSC im Jahr des Abstiegs 2010.“

Boden­stän­diger Rhein-Ruhr­ge­biets­fuß­ball

Er stammt aus ein­fa­chen Ver­hält­nissen. Drei Kinder, die Eltern mussten auf jeden Pfennig schauen. Das schönste Weih­nachts­ge­schenk, an das er sich erin­nern kann, war ein Fuß­ball, den er sich mit seinem Bruder teilen musste. Er weiß, wie man sich ein­schränkt. Fragt man andere Pro­fi­trainer, wer sie in ihrer Arbeit geprägt hat, kriegt man oft aus­wei­chende Ant­worten. Vor­bilder sind schlecht für den Markt­wert, denn Vor­stände mögen dieses Mar­ke­ting­ge­plänkel über Sys­teme, Krea­ti­vität und die urei­gene Hand­schrift. Dem 58-jäh­rigen Funkel sind solche Schnörkel fremd. Er weiß gut, dass er aus seiner Schub­lade nicht mehr raus­kommt und nennt gleich drei Vor­bilder: Kalli Feld­kamp, weil er es ver­stand, mit viel Locker­heit, einem über­schau­baren Kon­zept und einer sehr relaxten Arbeits­auf­fas­sung, Mann­schaften zu formen und Höchst­leis­tungen aus den Spie­lern her­aus­zu­kit­zeln. Horst Buhtz, weil er stets ein Mensch blieb, der seine Spieler liebte und der bei Kritik, die er äußern musste, Schweiß­aus­brüche bekam. Und last but not least Rolf Schaf­stall. Weil er eisen­hart trai­nieren ließ und Spieler bis an die Grenzen des guten Geschmacks triezte – und ihm das Team den­noch treu ergeben war. 

Die Männer, die Funkel geprägt haben, stehen für boden­stän­digen Rhein-Ruhr­ge­biets­fuß­ball. Einen Fuß­ball, den es so nur noch in der Erin­ne­rung von Tra­di­tio­na­listen gibt. Doch ihm selbst ist es auf rät­sel­hafte Weise gelungen, trotz der Rekord­bi­lanz im glo­ba­li­sierten Bun­des­li­ga­be­trieb seiner Heimat nur sehr selten untreu zu werden. Bis auf zwei kurze Epi­soden in Ros­tock und Berlin hat der gebür­tige Neusser nie außer­halb seines gewohnten Lebens­um­feldes gear­beitet. Selbst seine längste Sta­tion, das Enga­ge­ment in Frank­furt, lag nur eine gute Stunde mit dem ICE ent­fernt. Er braucht seine Heimat, die Freunde, seine Familie, um zu funk­tio­nieren. Auch diese Eigen­schaft lässt ihn öffent­lich eher bieder erscheinen. Seit Kind­heit ist er aktives Mit­glied im Neusser Schüt­zen­verein Bome­lante“, und wenn es die Zeit und der Tabel­len­platz seines jewei­ligen Arbeit­ge­bers erlauben, fährt er im Kölner Kar­neval gerne auf dem Wagen der Brauns­felder“ mit, denen er seit seiner Tätig­keit beim FC ange­hört. Funkel pflegt die rhei­ni­sche Gemüt­lich­keit, dieses hei­me­lige Bei­sam­men­sein. In einer Zeit, in der jeder abge­half­terte Pro­fi­coach zum Ende der Lauf­bahn noch einmal das große Geld im Nahen oder Fernen Osten machen möchte, lässt aus­ge­rechnet er, der Prag­ma­tiker, keine Miss­ver­ständ­nisse auf­kommen: Eine Trai­ner­sta­tion außer­halb von Mit­tel­eu­ropa tue ich mir sicher nicht mehr an.“