So, wie Mesut Özil oft mit einem über­ra­schenden Zucker­pass die Ver­tei­di­gung der geg­ne­ri­schen Mann­schaft ent­blößte, so hat er jetzt mit seiner mes­ser­scharfen Rück­tritts­er­klä­rung gra­vie­rende Hal­tungs­fehler der deut­schen Gesell­schaft ent­blößt: Ich werde behan­delt, als wäre ich ›anders‹“, lautet der zen­trale Satz, der nicht nur dem DFB das Trans­pa­rent mit den Worten Für Inte­gra­tion. Gegen Ras­sismus und Frem­den­feind­lich­keit“ ent­reißt. Die bil­lige Ent­geg­nung lautet: Özil ver­hält sich ja auch anders“ – bei der Natio­nal­hymne singt er nicht mit, er betet vor dem Anstoß zu Allah, lässt sich mit Erdogan foto­gra­fieren und undeutsch die Schul­tern hängen. Da soll er sich mal nicht so haben.

Am Umgang Özils mit Erdogan ist vieles zu kri­ti­sieren, vom freund­li­chen Treffen an sich bis zur Erklä­rung dazu. Ein deut­li­cher Satz zu den Men­schen­rechten in der Türkei wäre mög­lich gewesen. Wer zu Inte­gra­tion und Ras­sismus so poli­tisch scharf argu­men­tiert wie Özil, kann sich nicht hinter einer Respekts­be­zeu­gung vor dem Amt ver­ste­cken.

Ver­piss dich nach Ana­to­lien“

Doch nichts davon recht­fer­tigt den anderen“ Umgang mit Özil: Sein Ver­halten und seine Fehler werden von Res­sen­ti­ments begleitet und mit ras­sis­ti­schen Ste­reo­typen belegt. Das Pro­ble­ma­ti­sche, aus Sicht des Betrof­fenen Unheim­liche, sind dabei nicht nur die laut­starken Angreifer, son­dern vor allem die schweig­samen Ver­tei­diger. Es ist wie beim Mob­bing: Die Täter zu ertragen, ist schon schwer genug; wenn dann das soziale Umfeld auf Tauch­sta­tion geht, oder, noch schlimmer, eine Selber schuld“-Debatte beginnt, zieht es den Opfern den Boden weg.

Zwei Fälle hat Özil selbst erwähnt: den hes­si­schen SPD-Stadtrat Bernd Holz­hauer, der ein Bild der Natio­nal­mann­schaft mit den Worten 25 Deut­sche und zwei Zie­gen­fi­cker“ kom­men­tierte; und den Münchner Thea­ter­chef Werner Steer, der dem in Gel­sen­kir­chen gebo­renen Natio­nal­spieler Ver­piss dich nach Ana­to­lien“ zurief. Und als Özil nach dem Süd­korea-Spiel von einem Zuschauer als Tür­ken­schwein“ belei­digt wurde, war nicht etwa der Angriff selbst das Thema, son­dern, weil der Belei­digte reagierte: Özil legt sich mit deut­schem Fan an.“