In anderen Städten mögen Poli­tiker und hoch­ran­gige Funk­tio­näre das Sagen haben, mögen Richter über die Wahr­heit urteilen, in Bremen ticken die Uhren anders. Hier gilt noch immer das Gesetz von König Otto Reh­hagel, dem Mon­ar­chen im Trai­nings­anzug. Jeden­falls im Fuß­ball. Als der König vor vielen Jahren die kon­trol­lierte Offen­sive“ als sport­li­ches All­heil­mittel pries, da schuf er eine Glei­chung für die Ewig­keit. Seither war Werder Bremen stets dann am besten, wenn sich Kon­trolle“ mit Offen­sive“ paarte. Wie am Sams­tag­abend beim rausch­haften 4:0‑Sieg gegen Borussia Mön­chen­glad­bach. Da fegte Werder durchs Weser­sta­dion und irgendwo zwi­schen Essen und Athen saß Otto Reh­hagel und lächelte weise.

Reh­hagel ist in Bremen noch all­ge­gen­wärtig

Das mag gegen­über dem amtie­renden Werder-Trainer Thomas Schaaf despek­tier­lich klingen, schließ­lich ist der Mann seit nun­mehr 13 Jahren hin­ter­ein­ander für den sport­li­chen Erfolg der Bremer ver­ant­wort­lich. Doch den Reh­ha­gel­schen Mythos wird er auch in 20 Jahren noch nicht abge­schüt­telt haben, Reh­hagel ist in Bremen auf jedem Qua­drat­meter Rasen all­ge­gen­wärtig. Selbst­ver­ständ­lich ist es jedoch längst Schaaf, der den Kader zusam­men­stellt und ent­scheidet, welche Mann­schaft am Wochen­ende auf den Platz geschickt wird. Und es ist auch Schaaf, der seiner Mann­schaft sagt, wann sie wie und warum ver­tei­digen oder angreifen soll. Letzt­lich strebt auch er nur dem Werder-Bremen-Ide­al­zu­stand nach: der kon­trol­lierten Offen­sive.

Werder ist das in dieser Saison noch nicht oft gelungen, tat­säch­lich sogar noch nie so gut wie am Samstag gegen Borussia Mön­chen­glad­bach. Da gewannen Gebre Sel­assie, Lukimya, Sokratis und Schmitz in der Vie­rer­kette in der Anfangs­vier­tel­stunde fast alle Zwei­kämpfe, prä­sen­tierte sich Zlatko Junu­zovic als Cle­mens-Fritz-Ersatz auf der Sechser-Posi­tion als groß­ar­tige Kom­bi­na­tion aus Zwei­kampf­stärke, Spiel­freude und Füh­rungs­per­sön­lich­keit, half sogar Aaron Hunt fleißig in der Abwehr aus, wenn mal Not am Mann war. Werder hatte die Kon­trolle. Über sich selbst. Jetzt durften auch die Krea­tiven um de Bruyne, Arn­au­tovic, Elia und Hunt von der Kette. Erst die Arbeit, dann das Ver­gnügen. Stammt zwar nicht von Otto Reh­hagel, hat aber auch in Bremen seine Gül­tig­keit.

Wie hoch­be­gabte Kla­vier­spieler

Wozu die Mann­schaft dann imstande ist, wenn die Malo­cher aus der Defen­sive einen guten Tag erwi­schen, war nicht weniger als ein Spek­takel. Allen voran Kevin de Bruyne und Marko Arn­au­tovic rasten so begeis­ternd mit dem Ball am Fuß über den Platz, dass man sich an hoch­be­gabte Kla­vier­spieler erin­nert fühlte, die sich vor lauter Talent und Freude am Talent die Finger wund­spielen. So viele gelun­gene Über­steiger, Haken, Finten und Trick­pässe hat man selbst im Weser­sta­dion lange nicht gesehen. Gesteuert von Junu­zovic und Hunt bekam das Hacke­spit­ze­eins­zwei­drei durchaus Sinn und Ver­stand, dank der Stürmer Nils Petersen und Niklas Füll­krug sogar ein zähl­bares Ergebnis (die beiden anderen Tore erzielten Arn­au­tovic und Junu­zovic). Werder Bremen, das wurde am Samstag deut­lich, kann an richtig guten Tagen noch immer den viel­leicht schönsten Fuß­ball der Bun­des­liga bieten.

Eine Moment­auf­nahme war das, keine Frage. Die vor der Saison neu zusam­men­ge­wür­felte Mann­schaft von Thomas Schaaf besitzt nicht die Kon­stanz, solche Qua­li­täten auch in zwei, drei oder vier hin­ter­ein­ander fol­genden Spielen abzu­rufen. Sie wird, auch das ist typisch Werder, ver­mut­lich schon bald wieder Spiele ablie­fern, die nicht an begabte Kla­vier­spieler, son­dern betrun­kene Blas­ka­pellen erin­nert. Dann wird es gru­selig an der Weser. Bis das pas­siert, darf sich jeder, der es mit dem SV Werder hält, aller­dings erstmal zurück­lehnen und genießen. Trotz aller Unken­rufe: In Bremen haben sie nicht ver­lernt, aus einem gewöhn­li­chen Fuß­ball­spiel einen Festakt zu ver­an­stalten. Einen kon­trol­lierten Festakt, ver­steht sich.