Es ist fast ein unge­schrie­benes Gesetz. Die Nie­der­lande hat im 4 – 3‑3-System zu spielen, das war schon immer so und sollte ver­mut­lich auch immer so sein. Auch Bondscoach Louis van Gaal setzte in den Qua­li­fi­ka­tions- und Freund­schafts­spielen auf dem Weg zur Welt­meis­ter­schaft noch auf das klas­si­sche Oranje-System. Anfang des Jahres rückte er aber von der For­ma­tion mit dem kom­pakten Mit­tel­feld und der klas­si­schen Außen­stürmer-Vari­ante ab. Das furiose 5:1 der Nie­der­länder zum WM-Auf­takt gegen Spa­nien gibt van Gaal Recht.

Die Gründe für die Abkehr vom 4−3−3 liegen vor allem im Test­län­der­spiel gegen Frank­reich Anfang März. Damals verlor Oranje“ nach kata­stro­phaler Leis­tung 0:2. Wenige Tage später riss sich dann auch noch der ent­schei­dende Spieler im zen­tralen Mit­tel­feld, Kevin Strootman, das Kreuz­band. Van Gaal sah in dem Spieler vom AS Rom den Takt­geber im Mit­tel­feld, eine Art Denker und Lenker, der für die Balance zwi­schen Offen­sive und Defen­sive sorgen sollte. Nach dem Aus­fall Stroot­mans stellte der Trainer unmiss­ver­ständ­lich klar, die Nie­der­lande habe keine pas­sende Alter­na­tive. Also erklärte van Gaal, das 4−3−3 nicht länger spielen lassen zu können und fing wenige Monate vor der WM mit seinen umstrit­tenen Taktik-Expe­ri­menten an.

Feye­noord und Juventus: Van Gaals Inspi­ra­tion

Anschei­nend hat der Coach mit dem eher unty­pi­schen 5−3−2, das bei Ball­be­sitz pro­blemlos zum 4−4−2 wird, genau die rich­tige Alter­na­tive gefunden. In den Nie­der­landen ver­mutet man, dass sich van Gaal bei der Aus­wahl dieses Sys­tems an Feye­noord Rot­terdam ori­en­tiert hat. Trainer Ronald Koeman stellte in den letzten acht Liga­spielen auf die unge­wöhn­liche Vari­ante um und gewann sieben Spiele am Stück, mit einer Tor­dif­fe­renz von 20 Tref­fern. Juventus Turin trat in dieser Saison eben­falls häu­figer mit dem System an. Für van Gaal waren das anschei­nend genü­gend Argu­mente.

Anders als im 4−3−3, bei dem Strootman der ein­zige defen­sive Mit­tel­feld­spieler gewesen wäre, agieren dort mit Nigel de Jong und Jona­than de Guzman nun zwei Spieler. Die beiden zen­tralen Spieler unter­stützen Spiel­ma­cher Wesley Sneijder in seinen offen­siven Bemü­hungen. In der Defen­sive wirkte die Elftal“ mit der Vie­rer­kette häufig anfällig. Mit drei zen­tralen Ver­tei­di­gern – Stefan de Vrij, Ron Vlaar, Bruno Mar­tins Indi – sind die Abstände in der Zen­trale wesent­lich enger.

In der Rück­wärts­be­we­gung bieten die dyna­mi­schen Außen­ver­tei­diger Daryl Jan­maat (rechts) und Daley Blind (links) zusätz­li­chen Schutz. Ihnen kommen aber auch ent­schei­dende Impulse im Angriffs­spiel zu, sind sie doch die ein­zigen nomi­nellen Spieler auf der Außen­bahn. Beson­ders Blind nutzt diese Frei­heiten häufig. Im Angriff stößt er immer über den linken Flügel nach vorne und sorgt dort für ent­schei­dende Impulse. Bestes Bei­spiel: seine zwei Tor­vor­lagen gegen Spa­nien.

Die Abtei­lung Attacke besteht aus zwei Spie­lern, den beiden Spitzen Arjen Robben und Robin van Persie. Streng genommen ist die gesamte Taktik auf die zwei Super­stars aus­ge­legt. Sie sollen von der neuen Vari­ante spe­ziell pro­fi­tieren und alle ihre Vor­teile, also die tech­ni­schen Fer­tig­keiten, Schnel­lig­keit und ihre Abschluss­stärke ein­bringen. Ihre Bedeu­tung für die Mann­schaft unter­mau­erte Trainer van Gaal schon vor Monaten mit der Ernen­nung zum Kapitän (van Persie) und Vize-Kapitän (Robben). Der WM-Auf­takt gegen Spa­nien zeigte, dass das System aber auch sport­lich per­fekt zu den beiden Super­stars passt.

Eröff­nete der Ver­lust von Strootman neue Frei­heiten?

Der Ent­wickler der neuen tak­ti­schen Vor­gabe, Louis van Gaal, bleibt auch nach dem 5:1‑Sieg gegen den amtie­renden Welt- und Euro­pa­meister ruhig und besonnen. Ohnehin hörte man vom ehe­ma­ligen Bayern-Trainer im Vor­feld der WM keine Klagen dar­über, dass er wenige Monate vor Tur­nier­start eine voll­kommen neue tak­ti­sche Vor­gabe erar­beiten musste. Even­tuell freut sich der 62-Jäh­rige ins­ge­heim sogar dar­über, dass er etwas ändern musste.

Der Ver­lust von Strootman war zwar ein herber Schlag, er eröff­nete van Gaal aber neue Frei­heiten und ersparte ihm die seit Jahren geführte Debatte, ob das hol­län­di­sche 4−3−3 noch zeit­gemäß sei. Nun setzt der Bondscoach auf eine tak­tisch geschlos­sene Defen­siv­leis­tung und hofft im Angriff auf die indi­vi­du­ellen Fähig­keiten seiner schnellen Offen­siv­spieler. Die Feu­er­taufe gegen Spa­nien haben seine Spieler mit Bra­vour bestanden.

Valen­tijn Driessen ist Teil des Guar­dian-Netz­werks“ und ein nie­der­län­di­scher Jour­na­list, der u.a. für die Zei­tung De Tele­graaf“ schreibt.