Claudio D’Ambrosio, Sie sind Mit­glied der »Alter­na­tiva Rossonera«. Ist der Fan­club für Sie wie eine große Familie?

Irgendwie schon. Zumal wir uns alle unter­ein­ander kennen, obgleich die Mit­glieder in Europa ver­streut leben. Ich komme zum Bei­spiel aus Ham­burg. Und das Band, das eine Familie eint, ist immer dehnbar, es bietet uns jeder­zeit Frei­räume.



Welche?


Wir haben vor einiger Zeit den deut­schen Fan­club »Rosso­neri Ger­mania« gegründet. Den­noch sind wir wei­terhin in die Arbeiten und Aktionen der »Alter­na­tiva Rossonera« invol­viert und stehen mit ihnen in der Kurve. So haben wir eine gewisse Eigen­stän­dig­keit, ver­neinen aber unsere Her­kunft nicht. Wir werden langsam erwachsen. (lacht)

Wofür steht »Alter­na­tiva Rossonera« eigent­lich?

Die Basis des Fan­clubs ist sicher­lich in der Ultra-Kultur zu finden, doch wie der Name schon sagt: Ursprüng­lich sollte eine Alter­na­tive geschaffen werden zu den nor­malen Fan­clubs, die mit ihren Schals auf der Haupt­tri­büne sitzen und den Ultras, die mit ihren Ban­nern in der Kurve stehen.

Wo stehen Sie am liebsten im San Siro?

Im zweiten Ring in der Curva Sud. Dort pas­siert es ein­fach! Von dort aus wird die Mann­schaft ange­feuert, dort nehmen die Cho­reos ihren Anfang. Ich könnte mir keinen anderen Platz im Sta­dion vor­stellen außer diesen.

Sind Sie an der Ent­ste­hung der Cho­reos betei­ligt?

Nicht direkt, ich komme ja aus Ham­burg, bin also unter der Woche selten vor Ort, und kann dem­entspre­chend nicht wirk­lich mit­wirken.

Welche Cho­reos haben Sie in den letzten Jahren beson­ders begeis­tert?

Sicher­lich die Umset­zung des »Schreis« von Edvard Munch beim »Derby della Madon­nina«. Ich stand direkt unter der Choreo. Gene­rell haben die Mai­länder Derbys stets die besten Cho­reos. Eine andere sehr schöne war die mit dem Teufel, der mit ben­ga­li­schen Feuern über die ganze Kurve gezogen wurde.

Sie sind in Ham­burg auf­ge­wachsen. Wie sind Sie eigent­lich Milan-Fan geworden?

Mein Vater ist Ita­liener, und auch ich bin ita­lie­ni­scher Staats­bürger, obwohl ich nie dort gelebt habe. Doch der Verein hat mich immer schon inter­es­siert, auch wenn damals, als ich mich für den AC Milan ent­schied, andere Clubs viel größer waren. Juventus Turin zum Bei­spiel. Doch spä­tes­tens als ich zum ersten Mal im San Siro war, konnte ich nicht mehr los­lassen. Dabei hat mich zunächst das Spiel kaum inter­es­siert. Ich habe bei den ersten Spielen im Sta­dion oft­mals mehr zu den Fans geschaut, als auf den Rasen. Und diese Fas­zi­na­tion ist unge­bro­chen. Dann noch dieses Sta­dion…

Für viele ist es das schönste Sta­dion der Welt.

Für mich auch. Durch seine eckige Bau­weise und dem Dach wirkt es gewaltig und mächtig. Her­innen kann sich eine unbe­schreib­liche Atmo­sphäre ent­fa­chen. Ich habe viele Sta­dien gesehen und manche werden unken, dass ich die Mai­land-Brille auf­habe, doch für mich ist San Siro das Sta­dion.

Was ist das Beson­dere in der Fan­kurve?

Milan hat eine sehr hete­ro­gene Fan­struktur, hier gibt es keine Exklu­si­vi­täts­an­sprüche. Und das mag ich. In der Kurve steht der gut situ­ierte Anwalt neben dem Stu­denten, dem Schüler, dem Rentner und dem Mann, der von Arbeits­lo­sen­hilfe lebt.

Ist die Curva poli­tisch gefärbt?

Man hält sich gene­rell für apo­li­tisch. In der Kurve gibt es den Leit­spruch: »Wir sind nicht rot, wir sind nicht schwarz, wir sind nur rot­schwarz.« Und das ent­spricht dem Wunsch der Capos. Die poli­ti­sche Gesin­nung soll vor den Toren des Sta­dions bleiben. Doch schaut man genau hin, sieht man das gesamte poli­ti­sche Spek­trum, auch Leute mit kahl rasiertem Schädel, und solche mit Ras­ta­zöpfen – und die stehen dann tat­säch­lich neben­ein­ander.

Erin­nern Sie sich an Ihr erstes Spiel in San Siro?

Als wenn es ges­tern gewesen wäre. Es war das Derby vor fünf Jahren. Milan hat einen 0:2‑Rückstand in ein 3:2 umge­wan­delt. Wir waren sehr früh im Sta­dion, weil es den ganzen Tag schon geschüttet hat. Das Sta­dion war fast leer, auf der Haupt­tri­büne ver­irrten sich ein paar wenige Leute. Mein Blick schweifte dann aber durchs Rund und hielt an auf dem zweiten Ring der Süd­kurve – der war tat­säch­lich bis auf den letzten Platz besetzt. Zwei Stunden vor dem Spiel! Die Tifosi fei­erten als ob das Spiel bereits ange­fangen hätte.

Früher galt das Mai­länder-Derby als Hass­duell. Wie ist es heute?

Die Ver­eine und die Fan­szenen koexis­tieren mehr oder weniger fried­lich. Aber es stimmt: Das Derby war vor allem in den 80ern ein Kräf­te­messen der Fan­szenen. Gewalt war üblich. Irgend­wann aber setzten sich die Capos der Kurven an einen Tisch und resü­mierten nüch­tern und sach­lich das Pro­blem. Im Grunde ist es doch eh absurd: Man lebt in einer Stadt, viele wohnen sogar zusammen, arbeiten in einem Büro, prü­geln aber, sobald sie ihren beruf­li­chen oder fami­liären Raum ver­lassen, auf sich ein.

Was wurde bei den Gesprä­chen beschlossen?

Der Grund­konses dieser Gespräche war: Es soll auch wei­terhin eine Riva­lität geben, doch dies sollte eine gesunde sein, eine, die ohne Kra­walle aus­kommt. Und es wird tat­säch­lich seit Jahren so prak­ti­ziert. Natür­lich kippen die Inter- und die Milan-Ultras wei­terhin wäh­rend des Spiels gerne Kübel voll Spott über die anderen, doch nach und vor den Derbys kann man auch mal ein Bier mit­ein­ander trinken.

Können Sie einen Unter­schied zu deut­schen Derbys aus­ma­chen?

Es knis­tert in der Stadt eigent­lich das ganze Jahr über. Natür­lich liegt auch vor den Ruhr­derbys oder dem Mün­chener-Derby etwas in der Luft. Doch die Span­nung in Mai­land ist bereits Wochen vor dem Spiel zu spüren. Und in den Tagen vor dem Spiel gibt es in den Kneipen und Restau­rants, auf den Straßen, beim Bäcker, in den Zei­tungen nur noch dieses eine Thema. Zudem ist es ein rich­tiges Stadt­derby. In Deutsch­land gibt es davon im Pro­fi­fuß­ball kein ein­ziges. Die Mün­chener oder die Ham­burger Ver­eine spielen in unter­schied­li­chen Ligen. Beide Mai­länder Clubs aber spielen in der Serie A und gehen eigent­lich jedes Jahr als Titel­fa­vorit in die Saison. Es ist inso­fern auch nicht dieser Kampf David gegen Goliath wie etwa bei St. Pauli gegen den HSV oder bei 1860 Mün­chen gegen den FC Bayern.

Gehen Sie in Deutsch­land ins Sta­dion oder inter­es­siert Sie die Bun­des­liga nicht?

Ich war vor einiger Zeit mal beim Spiel des HSV gegen Hertha BSC. Das war für mich eine voll­kommen andere Welt. Zumin­dest habe ich es in Ita­lien noch nie erlebt, dass ich in einem Gäs­te­block stehe und mich mit meinem Nach­barn ganz normal unter­halten kann, ganz so, als ob ich an einer Bus­hal­te­stelle stehe. Es war wirk­lich eine Gra­bes­stim­mung, obwohl die Heim­mann­schaft führte, die Gast­mann­schaft zum Aus­gleich kam, das Spiel somit stetig hin- und her­ging.

Viel­leicht liegt es an der nord­deut­schen Reser­viert­heit?

Auch in anderen Sta­dien ist die Stim­mung erbärm­lich. Es gibt ja durchaus tolle Arenen, auf Schalke etwa, oder in Dort­mund. Daran kann es also nicht liegen.

Woran dann?

Zum einen ist das wohl eine Frage der Men­ta­lität. Der Deut­sche ist gene­rell eher zurück­hal­tenener als der Ita­liener. Zum anderen gibt es gerade in den Zeiten der großen Tur­niere und der vor­an­schrei­tenden Kom­mer­zia­li­sie­rung des Fuß­balls unglaub­lich viele Event­fans. Und die bleiben oft­mals auch nach den Tur­nieren in der Kurve stehen, haben aber kei­nerlei Bezug zur Fan­szene, wissen nichts über die Geschichte der Ultra-Kultur und kennen viel­leicht zwei Schlacht­rufe, weil der Sta­di­on­spre­cher die Zuschauer vor den Spielen damit beschallt – vom Band.

Wie ist es in Ita­lien?

Spe­ziell in Mai­land gibt es Füh­rungs­köpfe, die genau vor­geben, wie etwas laufen soll. Wer dann nicht mit­zieht, hat letzt­end­lich auch kein Recht in die Kurve zu gehen.

Es gibt also klare Hier­ar­chien?

Genau. Der gemeine Fan sollte etwa die ersten Reihen am Gatter in der Curva Sud meiden, denn dort stehen die Capos, die sich über die Jahre eine ganz eigene Aura auf­ge­baut haben und die den Fans via Megafon vor­geben, wie die nächste Choreo aus­sieht oder wel­ches der nächste Schlachtruf ist. Dahinter stehen die Fans, die regel­mäßig ins Sta­dion gehen. Die, die nur gele­gent­lich kommen, müssen weiter oben stehen. Da wir weite Anreisen haben, genießen wir schon das Pri­vileg, etwas weiter vorne zu stehen, nicht unbe­dingt am Geländer, aber in der zweiten oder dritten Reihe.

Wie negativ wirken sich die Restrik­tionen des Ver­bandes nach den Vor­komm­nissen in Catania auf die Stim­mung in der Kurve aus?

Unge­mein. Momentan wird mit wahn­wit­zigen Gesetzen und Regeln ver­sucht, die Sicher­heit in die Sta­dien zu bringen. Wobei die Gewalt ja außer­halb der Sta­dien viel stärker ist, im Inneren war man schon auf­grund räum­li­cher Tren­nung kaum in der Lage gewalt­täig zu werden.

Was ist momentan ver­boten?

Man darf keine Meg­fone, keine Banner, eigent­lich nichts mehr mit ins Sta­dion nehmen. Das hat dem ganzen Fan­da­sein etwas geschadet. Fahnen dürfen nur neu­trale Slo­gans auf­wei­senn. Die Ordner sind ange­halten, richtig penibel zu sein. Auch dürfen keine spöt­ti­schen Gesänge ange­stimmt werden, Belei­di­gungen der geg­ne­ri­schen Fans sind tabu. Wer sich über diese Regeln hin­weg­setzt, muss mit Sta­di­on­verbot rechnen. Es ist nicht ein­fach im Moment. Doch die Familie wird auch diese Durst­phase über­leben.