Eigent­lich hieß er Jörn, seine Eltern nannten ihn Chef“, denn auch zuhause gab er den Ton. Wir durften ihn Dicki nennen, denn hätte er damit ein Pro­blem gehabt, keiner von uns wäre im Traum darauf gekommen, ihm diesen Namen zu geben. Bekommen hatte er ihn von unserem Trainer Manni, einem Ver­wal­tungs­an­ge­stellten mit Glas­auge, der selbst auf dem Amt im Trai­nings­anzug saß. Manni sprach ein eigen­tüm­li­ches Kau­der­welsch aus Hoch­deutsch und ost­frie­si­schem Platt, das für uns Gym­na­si­asten, die nicht in der Lan­des­sprache unter der schwarz-rot-blauen Flagge auf­ge­wachsen waren, klang, als gur­gele ein stern­ha­gel­voller Schotte mit Single Malt.

Dicki. 11 Jahre. Sohn vom Oberst­leut­nant

Jüüür­jenss, nim­mi­h­nee­enngger. Nichhhs­so­oo­s­impp­perl­lich miitd­deeen“, brüllte er vom Spiel­feld­rand, wenn er den Ein­druck hatte, ich nähme meine Mann­de­cker­pflicht nicht ernst genug. Für Freunde von unter­ti­telten Serien, genau genommen rief Manni: Jür­gens, nimm ihn enger, nicht so zim­per­lich mit den.“ Denn abge­sehen von seiner Aus­sprache hatte er ein Pro­blem mit dem Dativ.

Dicki war Sohn eines Oberst­leut­nants und vom elter­li­chen Ess­tisch Kom­mu­ni­ka­tion nur im Fre­quenz­be­reich knapp unter­halb star­tender Düsen­jets gewöhnt. Im Trai­ning unter­hielt er den gesamten Asche­platz, indem er Witze erzählte. In unserer Wahr­neh­mung aber erzählte er die Gags nicht, er brüllte sie. Sein Mords­organ hätte gereicht, um Dicki als Anführer zu iden­ti­fi­zieren. Zudem war er für einen 11-Jäh­rigen unge­wöhn­lich kräftig. Der Umfang seiner Ober­arme erin­nerte mich an die Trep­pen­ge­länder in der Altbau-Villa meines Onkels. Seine Haare waren, sobald er nur den Platz betrat, klitsch­nass geschwitzt, dass ich, der wegen einer prä­pu­ber­tären Boh­nen­stan­gig­keit noch gar keine Vor­stel­lung besaß, wie Tran­spi­ra­tion in Tröpf­chen­form funk­tio­nierte, nach Spielen oft hörte: Na, Jür­gens, wieder gar nicht bewegt? Nimm dir ein Bei­spiel am Dicki, warum schwitzt Du nie so?“

Duo der Bezirks­klasse

Ohne Gegen­kan­di­daten wählten wir ihn zum Kapitän. Er spielte Libero, ich, ein Jahr jünger, stand als Aus­putzer davor, folgte seinen Befehle und stand dem Mit­tel­stürmer in Ter­rier­ma­nier auf den Füßen. Und sollte mir doch mal einer ent­wi­schen, bekam er es mit Dicki zu tun, der den Ball kom­pro­misslos aus dem Gefah­ren­be­reich bal­lerte und dabei– natür­lich unab­sicht­lich – öfter mal ein Schien­bein traf, damit sich die Gegner ihre Ein­las­sungen das nächste Mal besser über­legten. Dicki und ich waren ein gutes Team. Vor uns bib­berten viele D‑Jugendliche in der Bezirks­klasse.

Nun begab es sich, dass wir beide vor der neuen Saison beide länger in den Ferien gewesen waren. Wir hatten Teile der Vor­be­rei­tung ver­passt. Und um zumin­dest den Anschein zu wahren, dass nicht sicher sei, wer in der neuen Spiel­zeit einen der begehrten Plätze in der D1 der Spiel­ver­ei­ni­gung Aurich bekommen würden, schickte uns Manni für ein Vor­be­rei­tungs­spiel gegen Ber­um­er­fehn zur zweiten D‑Jugend: Jüüür­jenss un Dikkii, ihr gaiittt nachnn Zweiiitnn hin.“ Ich nahm es klaglos hin. Dicki machte ein urzeit­li­ches Ech­sen­ge­räusch im Dezibel-Bereich der Kanonen bei For Those About to Rock“ am Ende eines AC/DC-Sta­di­on­kon­zerts.