2006, was für ein Fuß­ball­jahr. Schalke auf einem soliden vierten Rang der Bun­des­liga, Ebbe Sand im zarten Alter von 34 Jahren und mit gerade einmal vier Sai­son­toren immer noch mein Idol der Idole und dann noch das Som­mer­mär­chen.

Ange­fixt von meinem Wechsel aufs Gym­na­sium und der WM-Knal­ler­partie Por­tugal gegen Mexiko, die ich auf Schalke neben meinem Mal­boro Gold“ rau­chenden Vater live ver­folgt hatte, ent­schloss ich mich, dass es für mich höchste Zeit war, end­lich ein ganz Großer zu werden.

Meine Wahl fiel auf den BV Alten­essen: Ein Klub, der sich haupt­säch­lich dadurch aus­zeich­nete, dass sich das Ver­eins­heim in der zweiten Etage einer Schul­turn­halle befand und der Haus­meister gleich­zeitig auch der Schank­wirt war. Ent­spre­chend roch es, wenn man die ran­zige blaue Metalltür zur Kabine öff­nete.

Cho­le­risch, hek­tisch, ein biss­chen unge­pflegt

Im Schalke-Trikot und mit einem Paar Adidas Copa an den Füßen trot­tete ich also an einem Don­ners­tag­nach­mittag auf einen Aschen­platz, der mehr nach Mie­nen­feld aussah.

Der Trainer, Herr Weber, war ein typi­scher Jugend­coach. Cho­le­risch, hek­tisch und ein biss­chen unge­pflegt. Breit­beinig baute er sich bei meinem ersten Trai­ning in seiner abge­wetzten Trai­nings­hose vor uns auf und hielt einen Fünf-Minuten-Monolog über Taktik, den ich mit meinen zehn Jahren nicht im Ansatz durch­blickte. Auf die anschlie­ßende Frage eines fas­zi­nierten Mann­schafts­kol­legen Sind Sie Lehrer?“, ant­wor­tete er nur mit einem rauen Ja, Kas­ten­leerer“. Auch den Witz ver­stand ich nicht.

Nach dem Ein­laufen und ein paar Slalom-Dribbel-Übungen rief Trainer Weber: So, jetzt Trai­nings­spiel“. Er ließ mich Links­außen spielen. Ich war Rechtsfuß, nicht beson­ders stark im Abschluss und unta­len­tiert im Eins-gegen-eins. Wäh­rend des Kicks bekam ich drei Mal den Ball. Meine Anspiel­sta­tion war das Sei­tenaus. 

Das Gespött des Teams

Nach den andert­halb Stunden voller Pein­lich­keiten wollte ich nur noch weg. Ich holte hastig die Jeans aus der Sport­ta­sche. Bevor ich aller­dings den Bund über meine schmalen Hüften ziehen konnte, hörte ich es. Gelächter. Hinter mir. Neben mir. Über mich. Kevin, Sohn von Trainer Weber und des­wegen natür­lich Mit­tel­stürmer der Mann­schaft, hatte seinen Zei­ge­finger in Rich­tung meines Unter­leibs gestreckt. Du trägst ja Eier­kneifer“, prus­tete er. Seine Boxer­shorts tra­genden, blonde Strähnen gelenden Anhängsel stimmten unter Tränen ein.

Ich hatte das Gefühl, alle meine Blut­ge­fäße zwi­schen Haar­an­satz und Kinn waren gleich­zeitig geplatzt. Wäh­rend ich mit meinen kleinen Händen ver­suchte, den Fein­ripp in meinem Schritt zu ver­de­cken, wurde mir schlag­artig klar: Ich war nicht der Typ, der ein­fach nur egal war. Ich war das Gespött des Teams. Auch wenn meine Mutter damals mein Flehen erhörte und mir ein Paket der län­geren Unter­hosen-Vari­ante spen­dierte, den Spitz­namen Eier­kneifer“ behielt ich das rest­liche halbe Jahr, in dem ich noch beim BV Alten­essen kickte.