Im Früh­jahr 2011 begegnen sich Ver­gan­gen­heit und Gegen­wart von Hertha BSC Berlin noch einmal auf engstem Raum. Es ist ein Mon­tag­abend in der Dis­ko­thek Maxxim am Kur­fürs­ten­damm, Fri­seu­sen­chic direkt über dem Q‑Dorf. Aus den Laut­spre­chern plärrt Ibiza-House, und im VIP-Bereich, durch eine Kordel vom Rest der Besu­cher getrennt, feiert Patrick Ebert, lange blonde Haare, Tat­toos auf den Unter­armen, seine Rück­kehr in die Bun­des­liga. Nicht weit ent­fernt, irgendwo in diesem Men­schensee, krault Chinedu Ede von Union Berlin durch schwit­zende Körper.

Er will irgendwo hin, doch das zuckende Stro­bo­skop scheint ihm die Ori­en­tie­rung zu rauben. Und an der Bar lehnt Jerome Boateng, bald Profi beim FC Bayern, schwarzes Bril­len­ge­stell unter einer dunklen Basecap, mit einer Fla­sche Cola in der Hand. Boa­tengs Blick huscht teil­nahmslos über die Auf­stiegs­eu­phorie, bleibt an nichts hängen. Er wirkt abwe­send, distan­ziert der blau-weißen Freude gegen­über, die nicht mehr seine ist. Und Ede drän­gelt immer noch und sucht die Party, die doch überall um ihn herum ist.

Ein junges Rudel Hoch­be­gabter

Patrick Ebert, Jerome Boateng und Chinedu Ede bewegen sich kaum drei Meter von­ein­ander ent­fernt. Doch die Distanz könnte in diesem Moment kaum größer sein. Sie sind, das wird deut­lich, nicht gemeinsam hier, son­dern jeder für sich. Wie vom Zufall noch einmal zusam­men­ge­führt, für einen Abend, viel­leicht zum letzten Mal.

Dabei kennen sie sich seit mehr als zehn Jahren, sie haben ähn­liche, fast par­allel ver­lau­fene Bio­gra­fien. Sie gehören gemeinsam mit Kevin-Prince Boateng, Ashkan Dejagah, Zafer Yelen und Änis Ben-Hatira zum wohl besten Jahr­gang, den der Ber­liner Fuß­ball jemals hervor gebracht hat. Zwi­schen den Jahren 1986 und 1988 geboren, die Straße unter und bald auch in den Füßen, ein junges Rudel Hoch­be­gabter, das einmal der Stolz der Haupt­stadt werden sollte. Ber­liner Jungs alle­samt, die Hertha BSC, einem Verein ohne Eigen­schaften, ein Gesicht hätten geben können, die am Ende aber, bis auf wenige Aus­nahmen, erst die Stadt ver­lassen mussten, um ihren Platz im Pro­fi­fuß­ball zu finden. Sie gingen, begleitet von einer Kako­phonie aus Miss­ver­ständ­nissen und Skan­dalen, und hin­ter­ließen, das Ghetto als Stigma, ver­brannte Erde.

Die Frage ist nur: Wie konnte es eigent­lich so weit kommen?

Die Geschichte dieser Jungs beginnt nicht, wie oft in roman­ti­scher Ver­klä­rung behauptet, in einem engen Käfig an der Panke, son­dern in den Köpfen von Frank Fried­richs und Dennis Hoy-Ettisch, zwei jungen E‑Ju­gend-Trai­nern der Rei­ni­cken­dorfer Füchse. Fried­richs ist damals, 1996, gerade 26 Jahre alt. Seine Mann­schaft trägt selbst­ge­schnei­derte Tri­kots, die denen von Ajax Ams­terdam nach­emp­funden sind, dem nie­der­län­di­schen Erfolgs­klub, der berühmt ist für seine Nach­wuchs­för­de­rung. Neben dem nor­malen Trai­ning müssen die jungen Füchse, ein bunter Haufen Zehn­jäh­riger, zum Drill, zur Wil­lens­schu­lung. Frank Fried­richs wird von der Idee getrieben, aus ihnen die per­fekten Fuß­baller zu machen. In seinem Kader stehen damals, neben dem spä­teren Ros­to­cker Zafer Yelen, auch Kevin-Prince Boateng und Chinedu Ede. Ashkan Dejagah ist gerade in die D‑Jugend gewech­selt. Wir haben schon damals drei, vier Mal die Woche trai­niert“, erin­nert sich Chinedu Ede. Des­wegen waren wir tech­nisch auch alle so gut aus­ge­bildet.“

Natür­lich bleibt den Ver­ant­wort­li­chen bei Hertha BSC diese außer­ge­wöhn­liche Kon­zen­tra­tion von Hoch­be­ga­bung nicht lange ver­borgen. Änis Ben-Hatira kommt als Erster, nach und nach wech­seln Kevin-Prince Boateng und Chinedu Ede, später auch Ashkan Dejagah, zum großen Klub nach Char­lot­ten­burg, sie trai­nieren nun im Schlag­schatten des Olym­pia­sta­dions. Ihre Ent­de­cker Fried­richs und Hoy-Ettisch werden in die Nach­wuchs­ab­tei­lung ein­ge­bunden. Zudem holt der Verein 1998 einen kleinen, hell­blonden Jungen von der TSV Russee. Sein Name ist Patrick Ebert.

2003 sind Dejagah, Ebert und vor allem Kevin-Prince Boateng die Leis­tungs­träger einer Mann­schaft, die unauf­haltsam und mit einem für die Gegner furcht­ein­flö­ßenden Selbst­ver­ständnis durch die deut­sche B‑Jugendmeisterschaft rollt. Wir wussten damals immer: Wenn es normal läuft, gewinnen wir“, erin­nert sich Chinedu Ede, in dessen Erzäh­lungen er und seine Mit­spieler wie eine Liga Super­helden in Stol­len­schuhen wirken: Patrick konnte Frei­stöße treten wie kein Zweiter, Kevin mil­li­me­ter­ge­naue Pässe spielen, Ashkan war am Ball eine Gra­nate. Und ich war per­vers schnell.“

Sie hatten sich gefunden und berauschten sich nun an ihrer ganz eigenen Art des Fuß­balls: Atzen-Style, Berlin eben. Auf ihrem Ritt ins Finale deklas­sieren sie den Nach­wuchs von Borussia Dort­mund und Bayer Lever­kusen, um schließ­lich dem VfB Stutt­gart mit den spä­teren Natio­nal­spie­lern Sami Khe­dira und Andreas Beck in der Startelf eben­falls keine Chance zu lassen. Über das Gesicht ihres dama­ligen Trai­ners Dirk Kunert huscht noch immer ein ent­rücktes Lächeln, wenn er auf jene Saison zurück­blickt: Die Jungs besaßen ein­fach eine indi­vi­du­elle Klasse und eine Spiel­in­tel­li­genz, die sonst keiner hatte.“ Doch das Gefühl für den Ball ist nicht das Ein­zige, das ihre Stärke aus­macht. Es ist vor allem das stille Ver­ständnis unter­ein­ander, das nicht allein durch die gemein­samen Stunden auf dem Trai­nings­platz zu erklären ist. Die waren Freunde“, so ihr Ent­de­cker Fried­richs. Die wären für­ein­ander gestorben.“

Hinter den Kulissen bro­delt es

Bis hierhin ist es ein Mär­chen, eine Kar­riere wie aus einem Jugend­buch: der Auf­stieg einer Gruppe von Freunden, die ihren Traum leben, nur das eine Ziel vor Augen haben: Pro­fi­fuß­baller zu werden. Sie waren die Jungs, die oben ankommen mussten“, sagt Kunert. Bis hierhin haben sie alles richtig gemacht. Junio­ren­meister, Nach­wuchs­na­tio­nal­spieler, Fritz-Walter-Medaille in Gold, sie sind die Besten ihres Jahr­gangs. Eigent­lich ein Prolog für das ganz große Ber­liner Hel­den­theater. Doch die Helden, sie geraten aus dem Tritt. Und fallen im Früh­jahr 2007.

Die erste Saison nach dem Som­mer­mär­chen neigt sich dem Ende zu. Kevin-Prince Boateng, Ashkan Dejagah, Chinedu Ede, Patrick Ebert und auch Kevins jün­gerer Bruder Jerome, der 2002 vom Lokal­ri­valen Tennis Borussia geholt worden war, gehören wie erwartet zum Pro­fi­kader von Hertha BSC. Doch im Verein, hinter den Kulissen, bro­delt es. Im Februar hat Ashkan Dejagah für die kom­mende Saison einen Ver­trag beim VfL Wolfs­burg unter­schrieben. Obwohl er eigent­lich gerne in Berlin geblieben wäre. Dejagah hat jedoch nicht das Gefühl, dass Hertha BSC ihn unbe­dingt halten wollte.

Es geht bei den Ver­trags­ver­hand­lungen um viel Geld, aber auch um die Frage, wie viel ein Talent dem Verein wert ist, und um den Respekt, um den es in dieser Geschichte immer geht. Ashkan Dejagah und die anderen glauben, dass der Verein sie bewusst klein halten will. Vor allem aber, dass sie nicht die gleiche Wert­schät­zung genießen wie die anderen Spieler. Bei Hertha meinten sie, dass wir ihnen etwas schuldig waren“, sagt Chinedu Ede noch heute, er spielt nach seiner Zeit beim MSV Duis­burg nun für Her­thas Lokal­ri­valen Union. Selbst als Profis wurden wir immer nur als die kleinen Jungs gesehen. Wir waren die ewigen Prak­ti­kanten.“

Plötz­lich reicht allein das Talent nicht mehr

Im Trai­ning spüren sie zudem, wie die alten Hier­ar­chien greifen. Das Talent allein reicht nicht mehr, weil plötz­lich andere Maß­stäbe gelten, an denen sie, mit einem gefähr­li­chen Momentum aus jugend­li­cher Über­heb­lich­keit und einer berech­tigten Anspruchs­hal­tung, zer­schellen. Nach den Jahren im Nach­wuchs­be­reich, die von einem Sound­track aus Lobes­hymnen unter­legt waren, müssen sie sich mit der Neben­rolle des Was­ser­trä­gers arran­gieren. Ohne jedoch zu ver­stehen, warum. Als Kevin, Ashkan und die anderen bei den Profis mit­trai­nieren durften, haben sie doch schnell gesehen, dass sie besser sind. Und da waren sie gerade 17, 18 Jahre alt“, sagt Dirk Kunert, dessen Erin­ne­rung sich mit der seines ehe­ma­ligen Trai­ner­kol­legen Fried­richs deckt: Die Jungs konnten die beson­deren Dinge mit dem Ball, waren ide­en­reich und kreativ. Für sie ist damals eine Welt zusam­men­ge­bro­chen, als irgend­welche Marko Reh­mers vor dem Trai­ning Migräne bekamen, weil sie Angst hatten, im Eck aus­ein­an­der­ge­nommen zu werden.“

Auf dem Schen­ken­dorff­platz, Her­thas Trai­nings­an­lage, prallen Eitel­keit, Neid und beschä­digte Egos auf­ein­ander, und es ent­wi­ckelt sich eine tiefe Frus­tra­tion, die sich schließ­lich ent­lädt, als Kevin-Prince Boateng seinem Mit­spieler Pal Dardai im Trai­ning ins Gesicht schlägt. Mit der Ohr­feige für den bie­deren Ungarn tritt der schwe­lende Genera­tio­nen­kon­flikt bei Hertha BSC schal­lend zutage. Im Umfeld des Ver­eins gilt sie zudem als letzter Beweis für das Unkon­trol­lier­bare, das gera­dezu Unheim­liche, das in den eigenen Reihen her­an­ge­wachsen ist. So ist sie plötz­lich auch eine Tät­lich­keit aus dem Abgrund einer Gegen­welt, direkt aus dem Ghetto.

In dieser Zeit erscheint in der Sport Bild“ ein Artikel, für den sich Dejagah und die Boateng-Brüder mit Zafer Yelen und Änis Ben-Hatira in ihrem alten Käfig foto­gra­fieren lassen. Als Helden von der Straße, die mit der Knarre an der Schläfe im Elend von Berlin-Wed­ding auf­ge­wachsen sind, dort, wo man ent­weder Dro­gen­dealer, Rapper oder eben Fuß­baller wird. So sagt es jeden­falls Kevin-Prince Boateng. Und die anderen nicken.

Sie insze­nieren eine Stra­ßen­rea­lität, die sie so dras­tisch selbst nie erlebt haben. Den­noch prägen sie mit ihren Schil­de­rungen, irgendwo zwi­schen Bronx-Folk­lore und Favela-Alp­traum, nach­haltig ihr Bild in der öffent­li­chen Wahr­neh­mung: harte Jungs, mit Täto­wie­rungen im Nacken. Aus dem Ghetto in die Bun­des­liga. Für Hertha BSC werden sie damit zur Belas­tung. Und das, was sie über Jahre stark gemacht hat, die Schnitt­mengen im Lebens­lauf, die Nach­mit­tage im Käfig und der daraus ent­stan­dene Zusam­men­halt, ver­kehrt sich nun ins Gegen­teil: Die Her­kunft aus dem dre­ckigen Herzen Ber­lins ist nicht mehr Qua­li­täts­siegel, son­dern Makel.

Erst kein Geld für einen Döner, dann einen Range Rover vor der Tür

Die Geburts­stunde der Ghetto-Boys ist der Höhe­punkt einer schlei­chenden Ent­frem­dung von Hertha BSC, die ein­her­geht mit einer auch öffent­lich aus­ge­tra­genen Debatte über die Kopf­pro­bleme ver­zo­gener Jung­stars – früh reich, spät­pu­bertär.

Dass die Ghetto-Gesten aber vor allem auch die Koket­terie einer Gruppe Jugend­li­cher sind, halber Kinder noch, die mit einer neuen Lebens­wirk­lich­keit über­for­dert sind, geht im all­ge­meinen Auf­schrei unter. Der einst sehr große und heute sehr irre Boxer Mike Tyson hat in einem Inter­view mit der New York Times“ einmal gesagt: Wenn man etwas Tra­gi­sches sehen will, dann schnappt man sich ein 19 Jahre altes Kind und gibt ihm 50 Mil­lionen Dollar.“ Boateng, Ebert und die anderen scheinen den Beweis für Tysons These anzu­treten. Nachdem sie zehn Jahre darauf hin­ge­ar­beitet hatten, Profis zu werden, droht die Erfül­lung des großen Traumes sie nun zu erdrü­cken. In einem Moment fragen sie noch den Trainer nach einem Zehner, um sich einen Döner zu kaufen, und ein halbes Jahr später fahren sie mit einem Range Rover um die Ecke“, beschreibt Dirk Kunert den Über­gang von der Jugend in die Wirk­lich­keit der Profis. Das ist nicht leicht für solche Jungs.“

Die Konten der Jungs sind voll. In ein­fa­chen Ver­hält­nissen auf­ge­wachsen, stillen sie nun ihre Sehn­sucht nach Luxus und Status. Auch als Beloh­nung für die Jahre, die Frank Fried­richs als ent­beh­rungs­reich“ bezeichnet. Wir hatten immer weniger Frei­zeit als die anderen“, sagt auch Chinedu Ede und schiebt dann noch hin­terher: Seit der Jugend gab es nur Trai­ning und Schule. Und plötz­lich bist du Profi, du hast die Kohle. Da ist es doch mensch­lich, dass dann irgend­wann die Phase kommt, in der sich der eine oder andere aus­toben will.“ Es soll eine Erklä­rung sein, keine Ent­schul­di­gung, für eine Zeit, in der Fuß­ball zur Neben­sache gerät und sich Hertha BSC im Umgang mit dem schwer­erzieh­baren Nach­wuchs erschre­ckend hilflos zeigt. Man hat sie damals allein gelassen“, sagt Dirk Kunert heute.

Berlin kann ein zer­stö­re­ri­sches Umfeld für junge Spieler sein

Vor allem allein in einer Stadt, die zur Spiel­wiese wird, mit neon­fla­ckernden Ver­lo­ckungen jener Nächte, die erst am nächsten Tag enden. Berlin, die auf­rei­zend geschminkte Hure, kann ein zer­stö­re­ri­sches Umfeld für die Ent­wick­lung junger Spieler sein. Weil diese Stadt im deut­schen Fuß­ball eine Insel ist, in der andere Gesetze gelten. Weil die Spieler sich hier in einem Span­nungs­feld bewegen, zwi­schen einer schein­baren urbanen Anony­mität und der bis in den letzten Winkel aus­ge­leuch­teten Bou­le­vard­bühne, auf der jeder Fehl­tritt sofort an die Öffent­lich­keit dringt. BZ“, Bild“, Kurier“. Exzesse, Gosse, Grö­ßen­wahn. Her­thas Nach­wuchs steht von Beginn an unter inten­siver Beob­ach­tung.

Und beson­ders Kevin-Prince Boateng sonnt sich in diesem Ram­pen­licht, zele­briert das ganz große Bling-Bling-Theater. Das Maul weit auf­ge­rissen. Bushido auf den Rie­sen­kopf­hö­rern. Vom Bord­stein zur Sky­line. Er ist der Haupt­dar­steller einer Sei­fen­oper in großen Buch­staben, die ihn und seine Mit­spieler zu Pop­stars sti­li­siert. Ohne auch nur zehn über­durch­schnitt­liche Bun­des­li­ga­spiele gezeigt zu haben, geraten sie in den Sog eines DSDS-Phä­no­mens: Medi­en­fran­ken­steins kon­stru­ieren Stars, nur um anschlie­ßend genüss­lich dabei zuzu­sehen, wie sie sich öffent­lich zum Clown machen.

Es ist diese Lust am Voy­eu­rismus, an der Beob­ach­tung von Auf­stieg und Fall, der auch Hertha BSC kaum ent­ge­gen­wirkt. Nachdem sie los­ge­lassen wurden, hat sich der Verein nicht mehr aus­rei­chend geküm­mert, sich nicht schüt­zend vor diese Spieler gestellt“, beschreibt Kunert eine Hal­tung, aus der das Des­in­ter­esse einer Mutter spricht, die ihren unge­zo­genen Nach­wuchs auf­ge­geben hat. Der Verein und seine Gol­dene Genera­tion leben längst in ver­schie­denen Wirk­lich­keiten. Ganz so, als gäbe es zwei Ber­lins: das Dieter-Hoeneß-Berlin und das Kevin-Prince-Boateng-Berlin. Beide Städte, mehr Geis­tes­hal­tungen als Orte, passen längst nicht mehr zusammen.

Moon­walk vor 70.000 im San Siro

Da gleich­zeitig auch die Ent­wick­lung der Talente sta­gniert und als Nach­folger des ent­las­senen Falko Götz mit dem Schweizer Lucien Favre ein Fuß­ball­lehrer mit einem Fetisch für Dis­zi­plin und Kol­lek­tive ver­pflichtet wird, ist die schritt­weise Tren­nung die unwei­ger­liche Folge. Im Sommer 2007 geht Ashkan Dejagah zum VfL Wolfs­burg. Kevin-Prince Boateng wech­selt für 7,9 Mil­lionen zu den Tot­tenham Hot­spurs nach Eng­land, sein Bruder Jerome unter­schreibt beim Ham­burger SV, trifft dort auf Änis Ben-Hatira. 2008 schließ­lich ver­sucht sich Chinedu Ede an einem Neu­an­fang beim MSV Duis­burg.

Ein Jahr später gewinnt die deut­sche U 21-Natio­nal­mann­schaft in Stock­holm die EM. Trainer Horst Hru­besch hat mit Ashkan Dejagah, Chinedu Ede, Patrick Ebert, Änis Ben-Hatira und Jerome Boateng auch fünf Ber­liner nomi­niert, die Ghetto-Jungs. Kevin-Prince Boateng wird kurz vor Tur­nier­be­ginn, offi­ziell aus dis­zi­pli­na­ri­schen Gründen, aus­ge­mus­tert. Er ent­scheidet sich dar­aufhin, dem Deut­schen Fuß­ball-Bund den Rücken zu kehren und fortan für das Hei­mat­land seines Vaters zu spielen. Bei der WM 2010 in Süd­afrika führt er die Natio­nal­mann­schaft Ghanas bis ins Vier­tel­fi­nale, wech­selt zum AC Mai­land nach Ita­lien und tanzt nach der gewon­nenen Meis­ter­schaft, als Zug ohne Bremsen, vor 70 000 Zuschauern im San Siro den Moon­walk.

Hertha BSC steigt 2010 aus der Bun­des­liga ab. Patrick Ebert ist eines der Gesichter des Wie­der­auf­stiegs im Jahr darauf. Den muss er aller­dings ohne die eins­tigen Freunde feiern. Er ist sei­ner­zeit der letzte Ber­liner Junge in der Mann­schaft von Hertha BSC.

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Dieser Text wurde erst­malig 2010 ver­öf­fent­licht.