Noch viel mehr exklu­sive Bilder und aus­führ­liche Kom­men­tare von Sepp Maier zu seinem WM-Film finden sich in der neuen 11FREUNDE #124, die ab sofort im Handel ist.

Kurz vor Schluss kommt die hohe Politik ins Spiel. Am linken Bild­rand und nur für ein paar Sekunden, aber den­noch unüber­sehbar und domi­nant. Die hohe Politik trägt einen dun­kel­grauen Anzug, Breitrand­brille und das Haar etwas breiter geschei­telt. Die hohe Politik lacht ein wenig ver­schämt, wahr­schein­lich ist es ihr nicht recht, dass die Kamera dabei ist, aber sie ist an diesem Abend nur zu Gast und kann aus­nahms­weise nicht die Spiel­re­geln bestimmen. Also schwenkt Helmut Kohl einen Papp­be­cher mit dem roten Logo eines Braun­brau­se­fa­bri­kanten, und dann ist er auch schon weg. Die Party kann beginnen.


Rom, am 8. Juli 1990, irgendwo in den Kata­komben des Stadio Olim­pico. Die deut­sche Natio­nal­mann­schaft hat gerade das End­spiel um die Welt­meis­ter­schaft gewonnen. 1:0 gegen eine vom großen Diego Mara­dona ange­führte Mann­schaft wüst um sich tre­tender Argen­ti­nier, sie haben das Spiel nach zwei Platz­ver­weisen zu neunt beendet. In der deut­schen Kabine tanzen, lärmen und saufen zwei Dut­zend junge Männer um den Bun­des­kanzler herum.

Da war er noch schlank“, erzählt Sepp Maier 11FREUNDE. Für Maier und seinen Münchner Spezi Franz Becken­bauer schließt sich an diesem Abend ein Kreis. Beide haben 16 Jahre zuvor schon in kurzen Hosen die Welt­meis­ter­schaft gewonnen. Jetzt gibt Becken­bauer einen Team­chef, der seine nicht über­ir­disch begabten Eleven quasi durch Hand­auf­legen zu höchsten Weihen führt. Maier betreut im Nebenjob die Tor­hüter. Seine eigent­liche Erfül­lung findet er in diesen Wochen von Mai­land, Rom und Turin als Film­schaf­fender. Sepp Maier ist Kame­ra­mann, Regis­seur und Pro­du­zent eines Film­chens, das zur Eröff­nung des Ber­liner Fuß­ball­film­fes­ti­vals 11 mm“ am 9. März seine Welt­pre­miere erleben wird.

Für Maiers Kamera gab es keine Tabus

Ver­schlos­sene Türen gab es für ihn nicht und Tabus genauso wenig. Gedreht hat er mit seiner pri­vaten Video­ka­mera. Lange bevor Sönke Wort­mann in offi­zi­eller Mis­sion auf die­selbe Idee kam und die WM 2006 als deut­sches Som­mer­mär­chen insze­nierte. In Hotel, Bus und Kabine – Maier war immer dabei, und weil er seit Jahren ohnehin immer dabei war, nahmen die Spieler seine Kamera kaum zur Kenntnis. Das garan­tiert mehr Authen­ti­zität, als der Externe Wort­mann je hätte bieten konnte. Nur einmal hat der Bun­des­trainer die Kamera in der Tasche gelassen. Das war nach dem Vier­tel­fi­nale, einem unin­spi­riert hin­ge­gurkten 1:0 über früh dezi­mierte Tsche­chen. Becken­bauer war auf 180, er schmiss Schuh­koffer und Geträn­ke­dosen durch die Gegend“, erzählt Maier. Wenn ich da gefilmt hätte, er hätte mir die Kamera aus der Hand geschlagen.“

Helmut Kohl drän­gelte sich neben Diego Mara­dona

We are the Cham­pions“ ist ein Zeit­do­ku­ment von bemer­kens­werter Qua­lität. Was bunte Fall­schirm­sei­den­k­luft der Natio­nal­spieler, ihre Sanges- und Tanz­künste betrifft, aber auch das Ver­hältnis von kickenden und regie­renden Staats­die­nern. Wo die Nation große Feste begeht, drängt auch die hohe Politik ins Bild. Schon 1986 hatte sich Helmut Kohl in Mexiko auf das Jubel­foto neben Diego Mara­dona gedrängt. Für seine späte Nach­fol­gerin Angela Merkel reichte es im Herbst 2010 in Berlin immerhin zu einer foto­gra­fisch doku­men­tierten Kabi­nen­be­geg­nung mit dem halb­nackten Mesut Özil.
1990 gibt es noch keine Natio­nal­spieler mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund. Die Deut­schen erfreuen sich auch so über­na­tio­naler Beliebt­heit. Zur Anfahrt des Mann­schafts­busses Rich­tung Sta­dion schmückt sich Rom mit unge­zählten deut­schen Fahnen. Nur hier und da weht die Albice­leste des End­spiel­geg­ners. Die Argen­ti­nier haben im Halb­fi­nale die Ita­liener aus­ge­schaltet, was ihre Popu­la­rität ein wenig min­dert.

Eine Kako­phonie aus keh­ligen, dumpfen Urschreien

Die auf­re­gendsten Szenen des lang­wei­ligen Spiels fängt Maier fast ganz ohne Fuß­ball ein. Im Gedränge auf der Ersatz­bank, es läuft schon die Nach­spiel­zeit. Auf dem Rasen ver­su­chen die Deut­schen, ihren Vor­sprung über die Zeit zu ver­walten, draußen zit­tern und brüllen sie, es muss doch irgend­wann vorbei sein. Es ist kein Pfiff zu hören, nur eine Kako­phonie aus keh­ligen, dumpfen Urschreien, sie doku­men­tiert deut­lich, dass jetzt wohl Schluss ist. Weiter zur Ehren­runde, auf der Tri­büne ver­teilt ein junger und schlanker Joseph Blatter Medaillen, und natür­lich darf Becken­bauers som­nam­buler Spa­zier­gang über den ver­waisten Rasen nicht fehlen. Der Regis­seur Maier unter­legt die Fei­er­lich­keiten mit One Moment in Time“, was im Februar 2012 ein wenig geschmacklos wird, aber im Sommer 1990 stand Whitney Houston noch in der Blüte ihres Lebens.

Auch in der Kabine läuft natür­lich Musik, die Welt­meister wer­keln am Sta­di­on­be­schal­lungs­pro­gramm für die kom­menden Jahre. Vom reich­lich aus Plas­tik­be­chern kon­su­mierten Cham­pa­gner besäu­selt grölen sie: Wir wollen einen heben“, Und wir haben den Pokal!“ und, natür­lich, We are the Cham­pions!“ All die Scheuß­lich­keiten, die heute bei Länder- und Pokal­end­spielen als Medley über die Laut­spre­cher­an­lage dröhnen. Wahr­schein­lich hat Sepp Maier einen Mit­schnitt meist­bie­tend unter Musik­ver­le­gern ver­stei­gert.

Für 1000 Mark gab es die ent­führten Bänder zurück

Alle dürfen sie den WM-Pokal halten, der nackte Lothar Mat­thäus hält ihn vor sein Gemächt und voll­führt dazu Bewe­gungen wie Elvis Presley einst auf der Bühne. Sehr viel zurück­hal­ten­dere, aber doch sehr innige Behand­lung erfährt der Pokal vom Bremer Günter Her­mann, er ist bis heute eine Berühmt­heit als Welt­meister ohne eine ein­zige Ein­satz­mi­nute. Die Kamera folgt den nackten Spie­lern unter die Dusche, und wenn der Jugend­schutz in Gefahr ist, blendet Maier einen sti­li­sierten Mini­pokal über allzu nackte Tat­sa­chen. Bei Pierre Litt­barski kann nichts pas­sieren, denn er seift sich in Trikot und Hose ein.

Maiers Regie­debüt endet mit den Fei­er­lich­keiten daheim, sie werden vor dem Frank­furter Römer zele­briert und noch nicht vor dem Bran­den­burger Tor. Im Sommer 1990 gibt es noch eine DDR. Maier ver­bindet keine guten Erin­ne­rungen mit der Party, denn beim Auto­korso wird ihm die Kame­ra­ta­sche aus dem Cabrio sti­bitzt. Für ein paar Wochen steht das Film­pro­jekt auf der Kippe. Der DFB bittet in einem öffent­li­chen Aufruf um die Rück­gabe des Film­ma­te­rials, und tat­säch­lich bekommt Maier einen Anruf. Ich musste in ein zwie­lich­tiges Restau­rant am Frank­furter Bahnhof kommen, dort sagte mir der Wirt: Dein Kon­takt­mann ist nicht da, aber die Bänder haben wir!“ Sepp Maier legt tau­send Mark auf die Theke, und der Weg ist frei für eine späte Kar­riere als Film­re­gis­seur.


Noch viel mehr exklu­sive Bilder und aus­führ­liche Kom­men­tare von Sepp Maier zu seinem WM-Film finden sich in der neuen 11FREUNDE #124, die ab sofort im Handel ist.

Den ganzen Film gibt es auf dem 11mm-Fes­tival zu sehen. 11mm, das neunte Inter­na­tio­nale Fuß­ball­film­fes­tival, läuft ab dem 9. März im Ber­liner Kino Babylon