Seite 2: Echte Liebe gibt es umsonst

Als du 2006 gegen Schweden nach dem zweiten Tor mit hoch­rotem Kopf über den Rasen in Mün­chen schlid­derst, bin ich beim Public Viewing in einem Ber­liner Miniatur-Sta­dion so sehr Fan, wie ich nie wieder in meinem Leben Fan sein werde. Selber hochrot von all dem Bier, hochrot von all der Sonne, die in diesen Wochen auf dieses Tur­nier und auf mein Leben scheint, hochrot vor Glück also, krei­sche ich wie ein Back­street-Boy-Girl, das sich sicher ist, der Hand­kuss von Brian Lit­rell oder Howie D. sei für sie per­sön­lich bestimmt. So als hät­test du dieses zweite Tor ein­fach nur für mich geschossen. Weißt du viel­leicht, dass ich ent­gegen jeder Ver­nunft Geld auf dich als Tor­schüt­zen­könig des Tur­niers gesetzt habe? 

Dich zieht es danach raus in die weite Welt. Das Kapitel Mün­chen ver­zeihe ich dir, auch, weil du dort nicht zur Gewinn­ma­schine wirst, son­dern ein biss­chen trotzig schei­terst. Die Trainer erwarten tat­säch­lich, dass du trai­nierst – dass du dich mit harter Arbeit anbie­test, dass du den eta­blierten Stars Druck machst. Aber du willst ein­fach spielen. Spaß haben, mit links abziehen, dann ein biss­chen rum­traben, wenns nicht läuft, dann klappt’s halt nächste Woche. Doch so denkt man in Mün­chen nicht.

Also sitzt du oft auf der Bank, und wäh­rend sich dein Pen­dant Schweini langsam zum Star ent­wi­ckelt, dem man seinen kom­pletten Nach­namen durchaus zutraut, bleibst du ein­fach weiter Poldi. Wes­wegen ich dich in Knei­pen­ge­sprä­chen immer öfter ver­tei­digen muss. Wes­wegen ich mich noch stärker mit dir ver­brü­dere.

Note 6 im DFB-Grab­stein

2012, zwei erfolg­reiche Tur­niere liegen hinter dir und du bist längst zurück in Köln, ist ein komi­sches Jahr. 18 Mal triffst du in der Bun­des­liga, so oft wie nie, trotzdem ver­kommst du in der Natio­nal­mann­schaft zum Aus­lauf­mo­dell. Die Götzes und Schürrles, sie beginnen dir den Platz streitig zu machen, schließ­lich sind sie jung und hungrig, so hungrig wie du wohl nie warst. Sie sind tech­nisch stärker, zumin­dest wenn man den Mit­tel­wert beider Füße nimmt und sie passen besser in das Anfor­de­rungs­profil des modernen Fuß­balls. Bei der EM 2012, in deinem Geburts­land Polen und der Ukraine, da über­holen sie dich. In der Halb­zeit gegen Ita­lien wirst du aus­ge­wech­selt. Der Kicker mei­ßelt dir die Note 6 in deinen poten­zi­ellen DFB-Grab­stein.

Du machst danach rüber nach London zu Arsenal, also zu dem Klub, den ich in Eng­land schon immer mochte. Was der Liebe neues Feuer ver­leiht. Ich schaue mir deine ersten Spiele alle live an, bei deinem ersten Tor, in Liver­pool nach Pass von Santi Cazorla, renne ich – nüch­tern und mitt­ler­weile halb­wegs erwachsen – jubelnd durch den WG-Flur. Den ersten Zei­tungs­text meines Lebens schreibe ich über deinen Neu­start in Eng­land. Und auch die Eng­länder lieben dich, du bal­lerst mit links eine Weile alles kurz und klein, sie können es genau wie ich später nicht ver­stehen, warum Wenger nicht mehr auf dich setzt.

Heute wirst du treffen

Bei der WM in Bra­si­lien, dein Ver­bün­deter Jogi Löw hatte dich trotz Kritik mit­ge­nommen, sitzt du nur auf der Bank. Wes­halb ich nicht mehr richtig mit­fie­bern kann. Die Ent­frem­dung von der Natio­nal­mann­schaft hatte schon länger ein­ge­setzt, und als Löw im Finale Schürrle und Götze und nicht dich ein­wech­selt, wird mir klar, dass ich mir nie (wie 2006 ange­kün­digt) ein Poldi-Tattoo – wenn Sieg­tor­schütze im WM-Finale – ste­chen lassen muss. Deine Kol­legen gewinnen schließ­lich den Titel, auf den du so lange hin­ge­ar­beitet hast. 

Danach plät­schert deine Kar­riere vor sich hin. In London geht nicht mehr viel und in Mai­land geht gar nichts. In Istanbul triffst du wieder, aber die Liga nimmt nie­mand ernst. Bei der EM 2016 spielst du sport­lich keine Rolle mehr. Du bekommst ein paar Minuten – für mich die auf­re­gensten des Tur­niers – im schon ent­schie­denen Ach­tel­fi­nale gegen die Slo­wakei geschenkt. Kurze Zeit bin ich voll dabei. Machst du eine Hütte? Kann ich nochmal durch die Runde brüllen, dass ich es doch schon immer gewusst hätte? Nein. Du triffst nicht.

Heute, in deinem Abschieds­spiel gegen Eng­land, in deinem letzten Län­der­spiel, wirst du treffen. Ich weiß es. Du wirst den Ball mit der linken Klebe ins Tor dre­schen und ich werde viel­leicht ein letztes Mal bei einem Tor der Natio­nal­mann­schaft kind­liche Freude ver­spüren. Ich werde mich dann laut­stark bei dir bedanken. Und du wirst es nicht hören, genauso, wie du diesen Text nie lesen wirst. Aber das ist mir egal, denn echte Liebe gibt es ohne Gegen­leis­tung.