Ges­tern hätte jeder Trainer auf der Welt das Spiel ver­loren, weil es an der Mann­schaft lag und nicht am Trainer“, ent­schul­digte Hans Joa­chim Watzke im TV-Talk Dop­pel­pass“ die ekla­tante 0:4‑Niederlage der Dort­munder daheim gegen Hof­fen­heim. Die Mann­schaft habe den Schalter nicht mehr umge­legt bekommen. Wie auch, wenn es um nichts mehr gehe und das Sai­son­ziel erreicht sei. Nur ein aus­ver­kauftes Sta­dion hätte even­tuell dafür sorgen können, so Watzke sinn­gemäß, dass die Borussia noch zur Gegen­wehr fähig gewesen wäre.

Es waren bemer­kens­werte Sätze, die der BVB-Geschäfts­führer da von sich gab. Schließ­lich baga­tel­li­sierte er nicht weniger, als dass etliche Ange­stellte eines Unter­neh­mens, für dessen wirt­schaft­li­chen Erfolg Watzke ver­ant­wort­lich zeichnet, sich am Samstag eine exor­bi­tant bezahlte Aus­zeit genommen hätten – und damit die TSG Hof­fen­heim locker in die Europa League durch­mar­schieren ließen. Bei einem Sieg der Dort­munder hätte sich der VfL Wolfs­burg auf direktem Weg fürs inter­na­tio­nale Geschäft qua­li­fi­ziert. Man hätte gern Watzkes Reak­tion erlebt, wenn VfL-Manager Jörg Schmadtke bei umge­drehter Kon­stel­la­tion derlei Sätze gespro­chen hätte. Echte Liebe, so das pathe­ti­sche Klub­motto des BVB, doch von wirk­li­cher Zunei­gung zum Fuß­ball und seinem Fair­ness­ge­danken war am Samstag im West­fa­len­sta­dion nichts zu erkennen.

Nicht weniger des­in­ter­es­siert prä­sen­tierten sich der­weil die Profis des 1. FC Köln bei ihrem spor­tiven Aus­flug ins Weser­sta­dion. Wie ein opfer­be­reites Tön­nies-Schwein ließen sich die Rhein­länder von einer auf­ge­drehten Werder-Mann­schaft zer­legen, die von ihrem Trainer offenbar nur einen Auf­trag bekomme hatte: das Spiel zu gewinnen, die Haus­auf­gaben zu erle­digen, damit zumin­dest eine theo­re­ti­sche Rest­chance auf den Ver­bleib in der Liga bestehen blieb. Hätte Milot Rashica nicht einen kurz­zei­tigen Aus­setzer gehabt und einen Rück­pass direkt in die Füße von Domi­nick Drexler gespielt, der FC wäre mit einer 0:6‑Klatsche nach Hause gefahren. Gegen einen Klub, der seit Wochen daheim nicht mehr gewinnen konnte. Arbeits­ver­wei­ge­rung ist ein Begriff, der im Fuß­ball oft infla­tionär gebraucht wird. In Bezug auf den 1. FC Köln gibt es jedoch nichts, was die Vor­stel­lung exakter beschreiben könnte. Und dass Timo Horn, ein Keeper, der vor zwei Jahren noch beim BVB und in der Natio­nalelf im Gespräch war, beim 2:0 X‑Beine wie ein C‑Ju­gend-Tor­wart macht, wirft auch kein gutes Licht auf das Ehr­emp­finden der Kölner. Zumal Horn noch vor geraumer Zeit geäu­ßert hatte, dass er der For­tuna durchaus den Abstieg wün­sche.

Scheiß auf Sieger und Besiegte, es zählen die Auf­rechten

Nach diesem denk­wür­digen Wochen­ende wird wie nach jedem letzten Spieltag hitzig über die Erfolge und Bla­magen in den neur­al­gi­schen Tabel­len­re­gionen dis­ku­tiert. Alles in Sieger und Besiegte unter­teilt. Am Sonn­tag­abend rief die Bild bereits den pein­lichsten HSV aller Zeiten“ aus. In den sozialen Netz­werken wurde die Häme über die arm­se­lige 1:5‑Heimniederlage der Han­seaten kübel­weise aus­ge­schüttet. Einer stellte die berech­tigte Frage, ob Dino­sau­rier womög­lich aus Dumm­heit aus­ge­storben seien.

Düs­sel­dorfer Fans beweinten der­weil ihr ewiges Schicksal, einem Natur­ge­setz gleich in Alles-oder-Nichts Situa­tionen stets der Unter­le­gene zu sein. Und Club“-Anhänger fragten, wieso sich aus­ge­rechnet der Lokal-Rivale aus Fürth in der zweiten Halb­zeit gegen den KSC, den ein­zigen Kon­kur­renten um den Rele­ga­ti­ons­rang in der zweiten Liga, eine kleine Ver­schnauf­pause gönnte. Wäh­rend der Gegner der Nürn­berger, Hol­stein Kiel, nach der Pause noch einmal auf­drehte.

The Winner takes it, the loser stan­ding small, sangen ABBA. Aber so ein­fach sollten wir es uns am Ende dieser eigen­ar­tigen Saison nicht machen. Scheiß auf Sieger und Besiegte, es zählen die Auf­rechten. Der Fuß­ball hat nicht zuletzt durch sein Pochen auf Pri­vi­le­gien zu Beginn der Virus­krise und sein krei­schendes Beklagen der wirt­schaft­li­chen Pro­bleme trotz jahr­zehn­te­langer Pro­spe­rität und Mil­li­ar­den­ein­nahmen, zuletzt viel von seiner Glaub­wür­dig­keit in der öffent­li­chen Wahr­neh­mung ver­spielt. Die Liga jedoch hat durch ihr trag­fä­higes Hygie­nekon­zept gezeigt, dass der Spiel­be­trieb mög­lich ist. Die Teams hatten eine lange Zwangs­pause, es wäre also das Min­deste gewesen, die Saison auf­recht und ohne nega­tiven Bei­geschmack zu Ende zu spielen.