Seite 2: Für mich war er ein Held

Auf dem Bolz­platz spielte ich seine Tore nach und fühlte mich unbe­siegbar. Mit sieben ist die eigene Welt noch klein und doch so reich. Auch wenn der Hori­zont der Git­ter­zaun des Bolz­platzes ist, sind die Nie­der­lagen und Siege, die man dort erlebt, so tief grei­fend wie viel­leicht nie wieder. Schon ein auf­ge­schla­genes Knie kann diese Welt in ihren Grund­festen erschüt­tern, und ein Eis kann sie wieder retten. Und Helden haben es leicht, über­mensch­lich groß zu wirken.

Wohl jeder hat Helden in seiner Kind­heit gehabt. Für die fuß­ball­be­geis­terten Kinder der Kriegs­ge­nera­tion war es viel­leicht Helmut Rahn, der WM-Tor­schütze von 1954. Für die Kinder der 50er und 60er Jahre – so wie Michael Tön­nies – war es Günter Netzer. Was Netzer für ihn war, war er für mich. Viele Kind­heits­helden werden irgend­wann ver­gessen oder ver­klärt. Die wenigsten treffen ihre Helden tat­säch­lich und müssen sich mit dem Men­schen hinter dem Hel­den­bild aus­ein­an­der­setzen. Mir ist es pas­siert.

Bei unserem ersten Treffen im Sommer 2013 erzähle ich ihm davon und frage ihn: Wissen Sie eigent­lich, was Sie damals ange­richtet haben?“

Er zuckt mit den breiten knöch­rigen Schul­tern und grinst ver­legen. Da läuft das Schicksal“, sagt er und fügt ent­schul­di­gend hinzu: Ich habe mich in die Herzen der Fans geschossen.“

Er zockte. Und rauchte. Und soff

Doch so ful­mi­nant der 27. August 1991 für Michael Tön­nies war, so ein­malig war er auch. Es war der späte Höhe­punkt einer Kar­riere, die in der Jugend des FC Schalke 04 begonnen hatte und danach als Odyssee durch die Ober­liga zu Ende zu gehen schien. Immer wieder hatten ihm Trainer und Mit­spieler beschei­nigt, was für ein Talent er habe, doch er unter­warf sich den eigenen Zwei­feln – schaffste eh nicht, sagte er sich. Statt­dessen lenkte er sich ab und trieb sich in den Kneipen und Spie­lo­theken des Reviers herum. Er zockte, er rauchte und soff.

Vor unserem ersten Treffen im Sommer 2013 habe ich mich gefragt, wie es sein würde, wenn ich ihm end­lich begegne, ihm, dem Men­schen, der der Held meiner Kind­heit war. Ich fragte mich: Kann man zu jemandem auf­schauen, der am Boden ist? Kann so einer noch ein Held sein – mit all seinen Schwä­chen als Mensch?