Rale Rasic, ihre frü­heren Spieler nennen Sie heute noch immer mit Ehr­furcht The Boss“. Was macht Sie zum Boss?
Meine Zeit beim Militär hat mich geprägt, genauso wie meine Kind­heit im Wai­sen­haus. Ich habe meine Eltern im Zweiten Welt­krieg ver­loren und meine Geschwister erst ken­nen­ge­lernt, als ich schon erwachsen war. Die Mili­tär­aus­bil­dung und das Wai­sen­haus – das beides hat mich zum Mann gemacht. Sie glauben nicht, was ein mensch­li­cher Körper alles aus­halten kann. Wir sind bei Minus 15 Grad zu dem nahe gele­genen Fluss, um uns dort zu waschen, weil das unsere ein­zige Mög­lich­keit der Kör­per­pflege war. Sie haben von uns nicht nur abso­lute Ord­nung auf unseren Zim­mern ver­langt, wir mussten in der Schule, im Sport oder auch im Schach die Besten sein. Diese Dis­zi­plin, die ich im Wai­sen­haus bei­gebracht bekommen habe, hat sich für mich als magisch erwiesen. Es war die Hölle und gleich­zeitig groß­artig für meine Ent­wick­lung und für meine Arbeit.

Das hört sich so an, als sei diese beson­dere Art auf­zu­wachsen durchaus eine Trieb­feder für ihren spä­teren Erfolg beson­ders als Trainer gewesen. Immerhin waren Sie der erste Coach, der die Natio­nal­mann­schaft Ihrer Wahl­heimat Aus­tra­lien zu einer Welt­meis­ter­schafts­en­drunde geführt hat.
Sicher­lich wird das ein Grund gewesen sein. Meine Arbeit als Trainer ist voll­ständig um die Erfah­rungen meines Lebens herum kon­stru­iert gewesen – und die Essenz dieser Erfah­rungen ist totale Dis­zi­plin. Natür­lich war Dis­zi­plin nicht der ein­zige Faktor, als es darum ging, sich für die End­runde zu qua­li­fi­zieren.

Son­dern?
Aus­tra­lien ist ein Land, das von vielen Ein­wan­de­rern geprägt ist. Ich musste damals mit sechs vor allem kul­tu­rell unter­schied­li­chen Natio­na­li­täten zurecht kommen und aus ihnen eine Ein­heit formen. Man muss so eine Gruppe managen können, und das ist nicht ein­fach, glauben Sie mir. Ich bin auf einen Haufen undis­zi­pli­nierter Jungs getroffen. Den Alkohol habe ich als Erstes gestri­chen (lacht). Auch das zei­tige zu Bett gehen war ihnen eher fremd. Bei meinem Vor­gänger haben sich die Spieler über­haupt nichts sagen lassen. Das hat sich unter mir aber schnell geän­dert. Es war der Anfang von Pro­fes­sio­na­lität im aus­tra­li­schen Fuß­ball. Ich habe auch ange­fangen, mit Psy­cho­logie zu arbeiten, also mensch­li­ches Ver­halten mit meiner Mann­schaft zu ana­ly­sieren. Am Anfang haben sie gedacht, ich wäre irre.

Offenbar haben Sie den Bur­schen ein­ge­impft, dass Talent alleine nicht reicht. Wie sonst hätten sie den Qua­li­fi­ka­ti­on­s­ma­ra­thon für die WM 1974 in Deutsch­land über­stehen sollen?
Aller­dings. Um zur WM zu fahren, mussten wir nicht nur ozea­ni­scher Meister werden. Wir mussten auch die beste Mann­schaft Asiens und des Mitt­leren Wes­tens werden.

Im Halb­fi­nale der Qua­li­fi­ka­ti­ons­runde mussten sie den Iran schlagen, und ihre nicht sehr erfah­renen Spieler vor 120.000 fana­tisch brül­lenden Anhän­gern in Teheran bestehen. Das hört sich nicht gerade wie ein lus­tiger Mann­schafts­aus­flug an.
Es war heiß, es war laut und es war in diesem Sta­dion wirk­lich etwas beängs­ti­gend. Das Hin­spiel hatten wir glück­li­cher­weise mit 3:0 gewonnen. Wir mussten also zusehen, dass wir in diesem Hexen­kessel nicht unter­gehen. Tja, nach 25 Minuten führten die Iraner mit 2:0, es sah über­haupt nicht gut für uns aus. Glück­li­cher­weise hatte ich bei meinen Wechsel ein glück­li­ches Händ­chen und einen über­ra­genden Keeper. Jim Fraser hat uns mit seinen Paraden gerettet. Iran gelang kein wei­terer Treffer. Es war Wahn­sinn. Nicht viele Teams hätten dieses Spiel in dieser Atmo­sphäre über­lebt. Nicht nach einem 0:2‑Rückstand nach 25 Minuten.

Die letzte Hürde hieß Süd­korea, nach Hin- und Rück­spiel war kein Sieger gefunden. Das Ent­schei­dungs­spiel gewann Aus­tra­lien mit 1:0. In der Heimat müssen doch alle durch­ge­dreht sein?
Wir wurden am Flug­hafen wie Pop­stars emp­fangen. Tau­sende Leute haben dort jubelnd auf uns gewartet, und das hatten sich meine Jungs auch wirk­lich ver­dient. Sie hatten bis dahin Groß­ar­tiges geleistet.

Was hat Ihre dama­lige Mann­schaft aus­ge­zeichnet?
Men­tale Stärke. Außerdem hatte ich unter­schied­liche Spieler jeweils für Heim- und Aus­wärts­spiele. In meinem Kader befanden sich groß­ar­tige Spieler, die aller­dings in einer Umge­bung wie in Teheran gestorben wären und des­halb zu Hause bleiben mussten.

Nach Deutsch­land zur WM durften dann aber auch die mental etwas Schwä­cheren mit, oder?
Klar. Leider lief es dann nicht mehr ganz so gut wie in der Qua­li­fi­ka­tion. Wir wurden in eine Gruppe mit Deutsch­land und der DDR gelost. Eine im Grunde unmög­lich zu über­ste­hende Gruppe, aber wir hätten ja gleich zu Hause bleiben können, wenn wir unsere Chance nicht gesehen hätten. Gegen die DDR war es eng, trotzdem ver­loren wir mit 0:2. Gegen die BRD hatten wir kaum eine Chance und mussten uns mit 0:3 geschlagen geben. Damit war unser Aben­teuer WM auch schon wieder Geschichte, unser letztes Grup­pen­spiel gegen Chile war ein unbe­deu­tendes 0:0. Eine fan­tas­ti­sche Erfah­rung war es den­noch.

Warum ist es nach Ihrem Erfolg Aus­tra­lien erst 2006 wieder gelungen, sich für eine WM zu qua­li­fi­zieren?
Sie haben mich raus­ge­schmissen (lacht). Im Ernst, in Aus­tra­lien hat man erst sehr spät ver­standen, wie schwierig es war, sich für die WM 1974 zu qua­li­fi­zieren und es absolut kein Spa­zier­gang war, das zu schaffen. Es erfor­dert höchste Pro­fes­sio­na­lität und ein funk­tio­nie­rendes System – beides hat Aus­tra­lien lange Jahre nicht gehabt. Mitt­ler­weile ist auch bedeu­tend ein­fa­cher, sich zu qua­li­fi­zieren. Man muss nur noch das fünft­beste asia­ti­sche Team sein, nicht das beste.

Ist der aus­tra­li­sche Fuß­ball heute besser als damals unter Ihnen?
Wir arbeiten mitt­ler­weile mit dem hol­län­di­schen System und das ist aus meiner Sicht für uns nicht umsetzbar. Wir haben nicht einen aus­tra­li­schen Top­spieler. Es gibt also noch viel zu tun.